Ein Liebling sagt leise Servus

Montag, 09.01.2017 | 09:00 Uhr
Holger Badstuber bereitet sich derzeit in Doha mit dem FC Bayern auf die Rückrunde vor
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Nach jahrelangem Verletzungspech und zahlreichen umjubelten Comebacks bereitet sich Holger Badstuber in Doha einmal mehr auf die Rückrunde vor. Die Zeit des Publikumslieblings beim FC Bayern München scheint allerdings zu enden. Trotz des auslaufenden Vertrags will der Rekordmeister aber nur über ein Leihgeschäft sprechen. Welche Option macht für den 27-Jährigen am meisten Sinn? Welche Gedanken spielen für die Bayern eine Rolle?

"DANKE". Ein Wort in Großbuchstaben. Mehr nicht.

Vor dem letzten Heimspiel des FC Bayern im Jahr 2016 gegen RB Leipzig twitterte Holger Badstuber ein Selfie. Ein breites Grinsen auf dem Gesicht, im Hintergrund die Südkurve der Allianz Arena.

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Ein einfacher Dank eines Spielers, der sich mit seinem Verein identifiziert. Oder doch eine versteckte Abschieds-Botschaft?

Zweieinhalb Wochen später deutet viel darauf hin, dass der Publikumsliebling dem FC Bayern nach 15 Jahren tatsächlich den Rücken kehren wird. Zumindest vorübergehend.

Gänsehaut-Moment

Für die Fans wäre ein Abgang Badstubers ein Nackenschlag. Der Dankes-Tweet beim Spiel gegen Leipzig war nur ein Indikator für die emotionale Bindung mit den Münchner Fans. Am 26. Oktober war Badstuber auch der Protagonist bei einem der größten Gänsehaut-Momente in der Bayern-Hinserie.

Während des DFB-Pokal-Spiels gegen den FC Augsburg wurde der Innenverteidiger nach 259 Leidenstagen erstmals wieder in einem Pflichtspiel eingewechselt. Minutenlang schallten Sprechchöre durch das weite Rund: "Badstuber! Badstuber!"

Nach dem Spiel war der 27-Jährige selig: "Es war ein unglaubliches Gefühl. Emotion pur. Was die Fans da immer wieder auf die Beine stellen, ist atemberaubend", sagte er in der Mixed Zone.

Die Signalworte waren "immer wieder". In den letzten Jahren musste er sich daran gewöhnen, Comebacks zu geben.

Die Zäsur

Der 1. Dezember 2012 war das Datum, das alles veränderte.

Seit jenem Tag hatte Badstuber die sprichwörtliche Scheiße am Schuh. Kreuzbandriss, Kreuzbandriss, Sehnenriss, Oberschenkelmuskelriss, Bruch des Sprunggelenks, dazu Entzündungen und muskuläre Probleme - kaum ein Spieler war in den letzten Jahren derart verletzungsgeplagt.

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Nicht nur die Aufzählung der Diagnosen ist gruselig. Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Insgesamt 119 Bundesliga-Spiele stehen in Badstubers Steckbrief. 101 davon absolvierte er bis Dezember 2012. Seitdem sind gerade einmal 18 dazu gekommen. In Minuten: 1267.

Publikumsliebling geblieben

Ohne viel Einsatzzeit ist die Nummer 28 dennoch immer Publikumsliebling geblieben. Einerseits hat das seine Gründe im Identifikationspotential, Badstuber kommt aus dem eigenen Stall und stand in den letzten Jahren mit Lahm, Schweinsteiger oder Müller für die bayrische Seele des Vereins. Andererseits ist er der Prototyp der Kämpfernatur.

All die Rückschläge warfen den Abwehrmann nicht zurück. Im Stile von Sisyphos wälzte er den Fels unaufhörlich den Berg hinauf, selbst wenn er immer wieder hinunter rollte. Gedanken ans Karriereende äußerte er nie öffentlich. Stattdessen zierten Slogans wie "Come back stronger" regelmäßig seine Social-Media-Auftritte.

Tatsächlich zeigte Badstuber bei seinen zahlreichen Comebacks, dass er nicht nur aus Solidaritätsgründen "durchgeschleppt" wurde, sondern überzeugte sofort. Bis er wieder zurückgeworfen wurde.

Verein und Kollegen stärken den Rücken

Der Verein stärkte Badstuber in den langen Leidensphasen den Rücken. Auch die Teamkollegen beteuerten ihre hohe Wertschätzung.

Aber natürlich sah sich der FC Bayern über die Jahre gezwungen, Badstuber nicht mehr als unersetzbar einzukalkulieren. So verpflichtete man im Laufe der Jahre Kaliber wie Medhi Benatia oder in diesem Sommer Mats Hummels. Keine Füllmasse, sondern Stammspieler.

Von Jahr zu Jahr wurde es schwieriger für Badstuber, nach einem seiner vielen Comebacks auf die nötige Spielpraxis zu kommen. Auf seine Pflichtspiel-Rückkehr im Oktober gegen Augsburg folgte ein 28-minütiger Bundesliga-Einsatz - ebenfalls gegen den FCA - und ein unglücklicher Auftritt bei der 2:3-Blamage in der Champions League beim FK Rostov.

Selten im Kader

In der Bundesliga schaffte er es nach dem Kurzeinsatz gerade noch zweimal in den Kader. Gegen den VfL Wolfsburg etwa, als Mats Hummels krankheitsbedingt ausfiel und Jerome Boateng wegen Schulterproblemen ebenfalls nicht spielen konnte, stellte Trainer Carlo Ancelotti Javi Martinez und den etatmäßigen Linksverteidiger David Alaba in die Abwehrzentrale. Die Nummer 28 tauchte nicht einmal auf dem Spielberichtsbogen auf.

"Er hat seine Zeit gebraucht. Es stimmt, dass er in der Hinrunde nicht viel gespielt hat, aber es war besonders wichtig, dass er sich vollständig regeneriert", erklärte Ancelotti nun im Trainingslager in Katar.

Verlängerung und Leihe

Angesichts der Vertragssituation sind Gedanken über die Zukunft die logische Folge. Im Sommer läuft Badstubers Arbeitspapier aus. Beide Seiten wägen ab. Eine Trennung will man irgendwie vermeiden.

Derzeit bereitet sich der Abwehrhüne in Doha mit dem Team auf die Rückrunde vor. Dass er in dieser noch das Bayern-Jersey tragen wird, ist allerdings unwahrscheinlich. Badstubers Berater Prof. Dr. Peter Duvinage deutete ein Modell an, nach dem sein Klient beim FCB verlängern und in der Rückrunde auf Leihbasis für einen anderen Klub spielen könne. Diesbezüglich habe es bereits gute Gespräche mit den Bayern-Bossen gegeben.

Ancelotti jedenfalls erteilte seinem Schützling den Segen: "Wenn er entscheidet, für die nächsten sechs Monate für einen anderen Klub zu spielen, sind wir gesprächsbereit." Thomas Müller äußerte sich ähnlich: "Grundsätzlich wünsche ich ihm, dass er wieder regelmäßig spielen kann, um zu zeigen, was in ihm steckt - und das ist einiges."

Boxenstopp, tanken, angreifen

Im Oktober hatte Badstuber angekündigt: "Das Ziel ist, mich langfristig zu steigern und an ein Limit zu kommen, an dem ich noch nie war." Dafür müsste er spielen. Entsprechend macht ein Leihgeschäft aus Spielersicht Sinn. Einmal einen Boxenstopp nehmen, um aufzutanken und in der kommenden Saison bei den Bayern noch einmal anzugreifen.

Doch wohin geht der Weg? An Gerüchten mangelte es zuletzt nicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass Badstuber als Verstärkung zum Hamburger SV stößt, bezeichnete sein Berater als "sehr gering".

Auch der VfB Stuttgart soll seinen Hut in den Ring geworfen haben. Der Trumpf der Schwaben: Zwischen 2000 und 2002 spielte Badstuber dort in der Jugendabteilung. Ob dieser allerdings in die 2. Liga wechseln möchte, darf bezweifelt werden.

Bliebe noch die heiße Spur nach Manchester. Bei City drückt der Schuh in der Defensive. Pep Guardiola schloss zuletzt, direkt darauf angesprochen, eine Verpflichtung nicht aus: "Ich kenne Holger, er ist ein fantastischer Spieler, aber er ist ein Spieler von Bayern München. Wir sollten zunächst mit ihnen, dann mit ihm sprechen." Verschiedene englische Medien veröffentlichten in den vergangenen Tagen schon Badstuber-Porträts.

Interessante Option

Für den Verteidiger wäre City eine interessante Option. Ein Schritt aus der Komfortzone in ein anderes Land und trotzdem mit Guardiola ein vertrauter Trainer sowie mit Leroy Sane eine Eingewöhnungshilfe. Ein Schritt in eine andere Liga zu einem Topklub, bei dem die Konkurrenz auf seiner Position nicht so hochklassig wie in München ist.

Für die Bayern hätte dieses Modell auf den ersten Blick ebenfalls nur Vorteile. Der Verein könnte beobachten, ob Badstuber bei einem Klub auf hohem Niveau wirklich die beste Form seiner Karriere erreicht.

Klar ist: Die Münchner werden den 27-Jährigen nicht fallen lassen. Zumindest nicht, ohne alles zu probieren. Schließlich ist Badstuber ein wichtiger, emotionaler Anker.

Höchstwahrscheinlich wird Badstuber nach dem Trainingslager noch einmal Danke sagen. Diesmal dechiffriert als Servus. Die Bayern-Fans hoffen, dass es nicht auf ewig sein wird - sondern tatsächlich nur ein halbes Jahr.

Holger Badstuber im Steckbrief

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