Große Zukunft, große Fragen

Von SPOX
Montag, 01.05.2017 | 18:00 Uhr
In der Rückrunde fand sich Joshua Kimmich oft auf der Bank wieder
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Joshua Kimmich soll beim FC Bayern in der kommenden Saison Klublegende Philipp Lahm als Rechtsverteidiger beerben. Im Winter wurde er als bis dato bester Spieler des Rekordmeisters zum Reservisten degradiert. Nicht nur wegen seiner Gala-Vorstellung gegen den VfL Wolfsburg stellt sich gleich doppelt die Frage: Warum eigentlich?

35 Millionen Euro war Renato Sanches, der beste Nachwuchsspieler der EM 2016, den Münchnern im Sommer wert. 21 Millionen Euro zahlte der Rekordmeister kürzlich, um Kingsley Coman fest an den Verein zu binden. Und trotzdem ist man sich in der bayerischen Landeshauptstadt durchaus bewusst, dass das größte Juwel in den eigenen Reihen nicht aus Lissabon oder Paris kommt. Sondern aus Rottweil am Neckar.

Knapp zwei Jahre ist es her, dass Joshua Kimmich bei den Bayern anheuerte. Unter Pep Guardiola wurde er in seiner ersten Saison zum Trainerliebling und zur Allroundwaffe, spielte im Anschluss eine bockstarke Europameisterschaft und - da war man sich einig an der Isar - sollte unter Carlo Ancelotti den nächsten Schritt seiner rasanten Entwicklung gehen.

Und zunächst war da auch wenig, was dagegen sprach. In der Anfangsphase der Saison, als die Münchner und der Mister noch fremdelten, schwang sich Kimmich zu einem der, zeitweise zu dem besten Münchner auf. Die Bayern und Ancelotti holperten auf der Suche nach dem präferierten System vor sich hin, während Kimmich lieferte. In den ersten sieben Ligaspielen traf der 22-Jährige viermal, schoss wichtige Tore. In der Hinrunde insgesamt sieben in 22 Spielen. Alles lief wie gewünscht und geplant.

Doch dann kam der Dezember. Und die Bank.

"Das Kadermanagement hat nicht funktioniert "

Das Hinspiel gegen Frankfurt war Kimmichs drittes Ligaspiel hintereinander mit Torerfolg. Mitte Oktober war das; fünf Monate später, nach dem 3:0-Sieg im Rückspiel gegen Frankfurt, saß Kimmich mal wieder 90 Minuten lang auf der Bank und sagte: "Fakt ist, dass ich damit nicht zufrieden bin, dass es nicht mein Anspruch ist und dass ich das ändern möchte."

Ancelotti hatte mittlerweile mit Thiago, Arturo Vidal und Xabi Alonso seine Kandidaten für die Zentrale gefunden. Kimmich fand trotz einer überzeugenden Hinrunde und der nicht immer überzeugenden Leistungen des gesetzten Triumvirats seinen Platz auf der Bank, und immer seltener auf dem Platz. "Die Position ist mir egal, Hauptsache ist, dass ich auf dem Platz stehe", klagte Kimmich. "Der Trainer weiß, dass ich auf der Sechs spielen kann, dass ich rechts hinten spielen kann und auch in der Innenverteidigung. Insofern hat er viele Optionen, mich einzusetzen."

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Doch Ancelotti blieb seiner Linie treu und schuf einen Teufelskreis, in dem er Kimmich und den anderen jungen Spielern quasi keine brauchbare Spielzeit gab. Die Leistungen in den Jokerminuten, ohne Praxis und Selbstvertrauen, waren dementsprechend weit weg vom furiosen Kimmich der Hinrunde. Einen "Trauerfall" nannte Kommentatoren-Legende Marcel Reif den Absturz Kimmichs, ohne dabei Ancelottis Rolle zu vergessen: "Da ist sicher nicht alles richtig gemacht worden. Das Kadermanagement hat jedenfalls nicht funktioniert."

Ancelotti dürfte sich durch die verweigerte Rotation im Saisonendspurt um wichtige Alternativen gebracht haben.

Welche Legende darf's sein?

Doch dürfte die größte Kontroverse um Kimmich nicht einmal die mangelnde Spielzeit, sondern viel mehr die Frage sein: Welche Legende soll der 22-Jähre denn nun beerben?

Kimmich überzeugte auf all seinen Positionen, überragte aber im zentralen Mittelfeld. Nichtsdestotrotz hat man sich in München auf eine andere Position festgelegt, Karl-Heinz Rummenigge verkündete das so lange, bis aus Ancelottis "Kimmich kann der neue Lahm sein, aber auch der neue Mittelfeldspieler für die nächste Saison" ein "Wir planen ihn auf der Position von Philipp Lahm ein" wurde.

Es ist ein absolutes Luxusproblem für einen 22-Jährigen, der beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft eine Legende wie Philipp Lahm beerben soll. Doch kommt man nicht umher, sich zu fragen, ob man nicht doch diese Diskussion auf höchstem Niveau führen soll, wenn man Kimmich so sieht, wie in Spielen gegen Wolfsburg.

Die Impulse, die Zweikämpfe, die Pässe, die Übersicht aus und im Zentrum - Qualitäten, mit denen Kimmich auf seiner Paradeposition im Mittelfeld besser aufgehoben wäre. Seine schnellen und mutigen Entscheidungen und die für sein Alter und Kerngebiet herausragende Abgezocktheit vor dem Tor - der Treffer gegen Wolfsburg sei hier als Beispiel genannt - sind Stärken, die sich schwerer aus der letzten Reihe einbringen lassen.

205 Minuten

Carlo Ancelotti sah sich kürzlich mit Kritik an seiner Arbeit konfrontiert, in der es auch um die Nichtberücksichtigung der Nachwuchsspieler ging: "Ich bin kein Trainer für die jungen Spieler. Ich bin auch kein Trainer für die erfahrenen Spieler. Ich bin Trainer des FC Bayern München und muss dafür sorgen, die beste Aufstellung zu wählen, damit wir Spiele gewinnen", meinte der Mister da.

In fünf Spielen vertraute er Kimmich dafür exakt 205 Minuten lang als Rechtverteidiger. Das ist nicht viel für jemanden, der schon bald einem der besten der Welt auf dieser Position nachfolgen soll.

Und klar: Es ist ein absolutes Luxusproblem, für die Bayern und die Nationalmannschaft. Aber kommt man doch nicht ganz um die Fragen herum: Warum in dieser Saison die Bank? Und warum in der kommenden Saison mit aller Macht rechts hinten?

Joshua Kimmich im Steckbrief

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