Fussball

Clemens Tönnies beim FC Schalke 04: Zwischen Fleischwerk, Vereinsliebe und mächtigen Beziehungen

Von Philipp Schmidt
Clemens Tönnies ist seit 2001 als Aufsichtsratsvorsitzender bei S04 tätig.

Clemens Tönnies wird sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04 in den kommenden drei Monaten ruhen lassen. Das ist die Konsequenz aus der Sitzung des Schalker Ehrenrats, nachdem Tönnies am vergangenen Wochenende durch rassistische Äußerungen für einen Eklat gesorgt hatte. Es war nicht der erste Fehltritt des Milliardärs, dessen Vita zwar einerseits von großen geschäftlichen Erfolgen, andererseits aber auch von Entscheidungen am Rande der Legalität geprägt ist.

In den späten Abendstunden am Dienstag ist sie gefallen, die Entscheidung über die Zukunft von Clemens Tönnies. Der Ehrenrat der Königsblauen nahm die Empfehlung des Aufsichtsratsbosses, der zufolge Stellvertreter Dr. Jens Buchta seine Aufgaben in den kommenden drei Monaten übernehmen solle, "zustimmend zur Kenntnis".

Das Wichtigste aber: Das Gremium sprach Tönnies vom Vorwurf des Rassismus frei - den diskriminierenden Aussagen des 63-Jährigen auf dem "Tag des Handwerks" in Paderborn ("Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren") und auch den vielen Rücktritts- oder Rausschmissforderungen zum Trotz. Unbegründet sei der Rassismusvorwurf gegen Tönnies, hieß es. Und das Strafmaß? Das legte der Klub-Patron selbst fest.

Zweifelsohne ein Schlag ins Gesicht für all diejenigen, die sich in den vergangenen Tagen klar gegen Tönnies positioniert und den Fleischfabrikanten an den Pranger gestellt hatten. Dazu zählten auch die dunkelhäutigen Ex-Profis Gerald Asamoah, Cacau oder Hans Sarpei ("Die Aussagen zeigen ein Weltbild, das an die Kolonialzeit erinnert").

Doch es gab nicht nur jene, die Konsequenzen fordern, sondern auch prominente Wegbegleiter, die verbal ihre Hand für Tönnies ins Feuer legten. Politiker wie Sigmar Gabriel von der SPD oder Otto Rehhagel, der Tönnies "stets als ehrlichen und sehr sozial engagierten Menschen kennengelernt [hat], dem nur wichtig ist, wie sich ein Mensch verhält und nicht, woher er kommt."

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Tönnies mit Fürsprechern wie auch Kritikern auseinandersetzen musste. 1971 war das noch nicht so. Damals gründete sein Bruder Bernd einen Fleisch- und Wurstwaren-Großhandel in Rheda-Wiedenbrück. Der Beruf wurde dem ältesten von sechs Kindern eines Metzgers in die Wiege gelegt.

An dessen Geschäftsidee, das Fleisch nicht selbst für den Endkunden weiterzuverarbeiten, sondern lediglich an Fleischwarenproduzenten zu liefern, beteiligte sich 1982 auch Clemens Tönnies. Er übernahm 40 Prozent des Unternehmens, das mittlerweile B. & C. Tönnies Fleischwerk GmbH und Co. KG hieß und in ganz Europa expandierte.

Clemens Tönnies: Schicksalsschlag als Auslöser der Schalke-Liebe

Ein familiärer Schicksalsschlag sollte dafür sorgen, dass sich die Beziehung von Tönnies zum FC Schalke 04 intensivierte: Bernd, der zum damaligen Zeitpunkt als Präsident bei den Königsblauen tätig war, verstarb im Jahr 1994 an den Folgen einer Nierentransplantation, sein kleiner Bruder versprach diesem, sich um den Verein zu kümmern - und er hielt Wort.

Im selben Jahr noch wurde Tönnies Mitglied des Aufsichtsrates auf Schalke, seit 2001 ist er dessen Vorsitzender - und das offenbar aus Leidenschaft und nicht aus monetären Gründen. Anders als andere Vorstandschefs bei Bundesligisten, die fürstliche Gehälter und üppige Boni kassieren, arbeitet Tönnies ehrenamtlich.

Dass Tönnies auf ein Gehalt von Schalke 04 nicht angewiesen ist, verdankt er der rasanten Entwicklung seiner GmbH und Co. KG. Diese entwicklete sich zu einem der erfolgreichsten Fleischproduzenten Europas. Heute arbeiten 16.000 Angestellte an neun Standorten in Deutschland und Dänemark, im Jahr 2017 erwirtschaftete der Schlachtbetrieb 6,9 Milliarden Euro. Tönnies Vermögen wird auf 1,41 Milliarden Euro geschätzt, Platz 85 der reichsten Deutschen (laut Forbes, Stand April 2019).

Tönnies beruft sich in seiner Arbeit auf die Grundsätze seiner Eltern: "Du sollst nur das verkaufen, was du mit Appetit selber isst", sagte er beispielsweise bei einem Vortrag im Juli in Rheda-Wiedenbrück, während vor dem Domhof Demonstranten gegen die Massentierhaltung und die Tönnies'sche Betriebserweiterung demonstrierten.

So ist knapp die Hälfte der 6.300 Mitarbeiter am Stammsitz lediglich als Werksarbeiter angestellt. "Verdienen kommt von dienen", das hatte er schon als Junge in der Metzgerei seines Vaters gelernt. Ein Satz, der jedoch angesichts der Enthüllungen einer Zeit-Reportage von 2015 rund um den Tönnies-Betrieb und die miserablen Bedingungen, unter denen die Arbeiter dort leben und arbeiten, mehr als nur ein Geschmäckle bekommt.

Clemens Tönnies: Gazprom-Sponsoring und mächtige Freunde

Während Tönnies - Miteigentümer von Tönnies Lebensmittel GmbH & Co. KG und Alleineigentümer der Zur-Mühlen-Gruppe - etwaige Vorwürfe zu den Vertragsverhältnissen seiner Werksarbeiter emotionslos kontert ("Wenn es diese nicht gäbe, dann gäbe es die Festangestellten auch nicht"), gehen die Anschuldigungen darüber hinaus: 2016 nutzte Tönnies eine Gesetzeslücke - die so genannte Wurstlücke - dazu aus, um von Preisabsprachen mit Tochterunternhemen zu profitieren und umging damit eine Geldbuße in Höhe von 128 Millionen Euro.

Umstritten ist zudem das langfristige Engagement des russischen Energieriesen Gazprom bei S04. Seit 2007 ist Gazprom Hauptsponsor der Königsblauen. Der ursprünglich bis 2017 laufende Kontrakt über mehr als 15 Millionen Euro per annum wurde bereits vorzeitig bis 2022 verlängert - zu verbesserten Konditionen. Bitter benötigtes Geld auf der einen, den Staatskonzern als außerpolitisches Mittel des umstrittenen russischen Präsidenten Wladimir Putin auf der anderen Seite.

"Ich bin kein Weltpolitiker. Aber wir freuen uns, wenn wir uns sehen. Er erkundigt sich dann auch nach Schalke. Wir haben ein gutes Verhältnis - dazu stehe ich", sagte Tönnies, angesprochen auf seine gute, aber immer kritisch beäugte Beziehung zu Putin. Als dessen Truppen die Krim annektierten, sagte Tönnies nur: "Ich glaube nicht an die Expansionsgelüste von Putin."

Die Beziehungen von Tönnies sind weitreichend, seine Freundes- und Bekanntenliste ist prominent besetzt: Da wären zum Beispiel jener Putin oder Ex-Kanzler Gerhard Schröder. Oder Uli Hoeneß, der das Fleisch für seine Wurstwaren von Tönnies bezieht. Oder der Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer.

Von Tönnies' geschäftlichen Beziehungen und Eigenkapital profitierten auch die finanziell angeschlagenen Schalker schon mehrere Male: So soll Tönnies den Knappen durch Darlehen aus dem Privatvermögen im mittleren achtstelligen Bereich mehrfach aus der Patsche geholfen haben, um Liquiditätslücken zu schließen. Auch soll er die Schuldenbelastung des Klubs um knapp 100 Millionen Euro reduziert haben.

Tönnies: Geschäftsmann und regionaler Unterstützer

Während Tönnies Geld und Liebe in S04 investierte, blieb der vielzitierte "kleine Mann" oftmals auf der Strecke. Im Jahr 2013 sorgte die Firma Tönnies mit der Anschaffung einer Cessna Citation 4 im Wert von etwa sechs Millionen Euro für Aufsehen. Gegen den pompösen Jet und dessen Lärmbelastung gingen die Anwohner des Flughafens in Bielefeld auf die Barrikade und forderten ein Start- und Landeverbot. Tönnies protestierte, Tönnies bekam Recht.

Andererseits setzt sich Tönnies in der Heimatregion auch für die Belange der Bielefelder Arminia ein, untersützt diese durch ein Sponsoring und stellte der Mannschaft schon häufiger die Tönnies-Arena - den firmeneigenen Fußballplatz mit beheizbarem Rasen - für die Wintervorbereitung zur Verfügung.

Mit der Fußballfabrik von Ingo Anderbrügge in Rheda startete Tönnies zuletzt eine Kooperation. Über Fußballcamps soll Jugendlichen die Möglichkeit gegeben werden, zusätzlich in den Fleischbetrieb hineinzuschnuppern. Ausbildungsmöglichkeiten wolle er damit aufzeigen, macht aber auch klar, dass seine Firma die erste Anlaufstelle sei.

Zwar wird die Causa Tönnies am 15. August auch in der DFB-Ethikkommission diskutiert. Dieses Gremium kann jedoch lediglich Empfehlungen geben und keine Sanktionen aussprechen. Nach dem Urteil des Schalker Ehrenrats vom Dienstag deutet alles darauf hin, dass der knallharte Geschäftsmann in drei Monaten wieder die Geschicke bei seiner großen Liebe Schalke 04 leitet - zahlreichen Widerständen und lauten Kritikern zu trotz. Aber das kennt er ja nicht anders.

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