Fussball

Schiedsrichter Patrick Ittrich im Interview: "Als das Smartphone eingeführt wurde, hat nichts funktioniert"

Patrick Ittrich ist seit 2003 DFB-Schiedsrichter.

Patrick Ittrich ist ein Schiedsrichter, der gerne Klartext spricht. Im Interview mit SPOX und Goal erzählt der Bundesliga-Schiedsrichter von seinen Anfängen auf einem furchtbaren Acker in Hamburg-Hamm und seinem zwischenzeitlichen Abstieg. Außerdem erklärt der 40-Jährige, warum Schiedsrichter manchmal keinen Bock auf Entschuldigungen haben und verrät, was ihn am meisten stört.

Auch Teil des Gesprächs: Eine Diskussion über den VAR und die leidige Handspielregel.

Herr Ittrich, was ist Ihr Lieblingspodcast?

Patrick Ittrich: Da gibt es einige. Ich bin wirklich ein großer Podcast-Fan und höre querbeet sehr viele. Ich höre vor allem auch sehr gerne Podcasts, bei denen ich mich etwas berieseln lassen kann. 'Zärtliche Cousinen' von Atze Schröder zum Beispiel. Den finde ich weltklasse, weil er sehr lustig ist. Im Oktober kommt die neue Show von Atze, da bin ich auf jeden Fall am Start. 'Alles gesagt?' von Zeit online ist auch hervorragend, da entscheidet der Gast, wann Schluss ist. Bei Herbert Grönemeyer ging es sechseinhalb Stunden. Einfach großartig. Auch Collinas Erben oder MoSports, den Podcast von Moritz Fürste, höre ich gerne.

Hier wird es keine sechseinhalb Stunden dauern, zumindest nicht ganz. Obwohl Ihr Weg zum Bundesliga-Schiedsrichter und zur Polizei sehr viel hergibt. Sie wollten weder Schiri noch Polizist werden, richtig?

Ittrich: Richtig. Ich habe als Industriemechaniker gearbeitet und Fahrtreppen gebaut. Das war mir aber zu langweilig und hat mich nicht erfüllt. Eines Tages ist ein Feuerwehrauto an mir vorbeigefahren, darauf stand geschrieben: 'Wir stellen ein.' Daraufhin habe ich mich bei der Feuerwehr beworben. In die Schiri-Schiene war ich zu diesem Zeitpunkt schon hineingerutscht. Ich hatte selbst Fußball gespielt, auf der Zehner-Position. (lacht) Und irgendwann dachte ich mir, dass ich das noch besser kann als die Schiedsrichter, die ich als Spieler oder Fan beobachtet hatte. Mein damaliger Förderer Uwe Albert war es dann, der mir empfohlen hat, mich doch auch bei der Polizei zu bewerben. Einerseits, weil es vielleicht doch etwas besser zu meinem zukünftigen Werdegang als Schiedsrichter passte. Und andererseits war mir der Job bei der Polizei dann ehrlich gesagt auch lieber als der bei der Feuerwehr, da man dort oft auch an Unfallorte kommt und weniger schöne Dinge sieht.

Ittrich über die Anfänge in der Kreisklasse: Ein Acker in Hamburg-Hamm

Weniger schöne Dinge erlebt man aber auch, wenn man als Schiri ganz unten anfängt und seine ersten Spiele leitet.

Ittrich: Ich kann mich noch genau an mein erstes Spiel in der Kreisklasse erinnern. Das war bei Fatihspor auf irgendeinem furchtbaren Acker in Hamburg-Hamm. Als ich ankam, standen da schon zwei Streifenwagen, weil mit einigem gerechnet wurde. Da hoffst du einfach nur, heil aus der Nummer herauszukommen. Wenn du als Schiri unten anfängst, wirst du zum Teil auch wüst beschimpft. Viele hören dann auch schnell wieder auf. Wenn wir uns das Schiedsrichter-Wesen in Deutschland anschauen, stellen wir fest, dass wir natürlich auch Schwierigkeiten mit der Gewinnung neuer Schiedsrichter haben, aber nicht so sehr wie mit der Erhaltung bereits aktiver Schiedsrichter. Weil sich viele fragen, warum sie sich das antun sollen, und dann die Konsequenzen ziehen und kein Schiri mehr sein wollen. Wer lässt sich schon gerne jedes Wochenende beschimpfen?

Auf dem Weg in die Bundesliga sind Sie als Schiedsrichter sogar einmal abgestiegen. Das geht also auch bei Schiris. Wie einschneidend war der Abstieg für Sie?

Ittrich: Der Abstieg war im ersten Moment die ultimative Niederlage für mich. Auch da gibt es viele Schiedsrichter, die dann aufhören. Im ersten Moment denkst du ja nicht daran, dass dich diese Erfahrung einmal stärker machen wird. Wir hören solche Sprüche ja auch bei Spielern nach schweren Verletzungen und wahrscheinlich muss man das auch sagen, aber trotzdem sind es Floskeln. Antrainierte Floskeln. Aber so denkst du ja nicht. Du denkst: 'Was ist das denn für ein Mist. Darauf habe ich aber jetzt mal überhaupt keinen Bock.' Es tat sehr weh. Mein Glück war, dass ich als Assistent im Profifußball geblieben bin, das war mein Anker. Also habe ich mich zusammengerissen und bin danach eigentlich nur noch aufgestiegen.

Mit dem Höhepunkt, eines Tages in der Bundesliga zu pfeifen.

Ittrich: Als ich in der Bundesliga angekommen bin, war es für mich das Nonplusultra. 'Alter Schwede, du kleiner Wurm hast mal so angefangen und läufst jetzt in Dortmund vor 80.000 Fans ins Stadion ein.' Das hat mich echt übermannt damals. Da war ich zugegeben auch stolz auf mich und habe mir selbst auf die Schulter geklopft, dass ich das so durchgezogen habe. Mir haben viele Leute auf meinem Weg geholfen, vor allem meine Frau und meine gesamte Familie, aber in erster Linie hatte ich das mir selbst zu verdanken. Ich finde, da darf man sich dann auch mal kurz selbst loben. (lacht)

Ittrich: "Die ganze Welt sieht doch, dass du Mist gebaut hast"

Zumal die Momente, in denen gar nichts läuft, unweigerlich kommen werden. Wenn man ein Spiel erlebt wie in der abgelaufenen Saison zwischen Wolfsburg und Schalke, merken Sie dann schon während des Spiels, dass es ein rabenschwarzer Tag ist?

Ittrich: Absolut. Nach der zweiten Situation, in der ich meine Entscheidung nach einem On-Field-Review geändert hatte, war mir klar, dass das Spiel sehr schwierig für mich wird. Das Spiel verändert sich, die Charaktere gehen anders mit dir um, du wirst fahrig - das merkst und spürst du alles. Mir ist das Spiel nicht entglitten, das halte ich mir noch zugute, aber natürlich war es kein guter Tag. Andersherum gibt es auch die Spiele, bei denen du nach 20 Minuten merkst, dass heute gar nichts passieren kann und es läuft. Das gibt es zum Glück auch. Ich möchte in dem Zusammenhang aber gerne auf eine andere Sache hinweisen.

Bitte.

Ittrich: Wir dürfen uns als Schiedsrichter nicht mit den Spielern vergleichen. Beim Fußball geht es um die Spieler, nicht um uns Schiris. Wir haben auch keine Fangemeinde, die uns applaudiert, wenn wir richtige Entscheidungen treffen. Das ist unser Los und das ist auch okay. Aber ich würde mir wünschen, dass wir nicht als Roboter gesehen werden, die gefälligst jede Entscheidung richtig zu treffen haben. Wir Schiris dürfen und müssen sogar Fehler machen, um besser zu werden. Und ich verstehe nicht, dass ein Schiri danach zu Kreuze kriechen und sich noch tausendmal dafür entschuldigen soll.

Das wird aber erwartet.

Ittrich: Genau das ist das Problem. Aber die ganze Welt sieht doch, dass du Mist gebaut hast. Manchmal hast du aber einfach keine Lust. Du hast keine Lust, dich da vors Mikro zu stellen und dich zu entschuldigen. Du bist ja auch ausgelaugt und am Ende nach so einem Spiel. Es ist wichtig, dass wir uns nach einem Spiel erklären und zur Verfügung stehen, aber nicht immer. Da will ich gerne für etwas Verständnis werben, weil es uns auch öfter mal vorgeworfen wird, wenn wir uns da nicht nach drei Sekunden sofort entschuldigt haben. Ein Spieler kann dreimal das leere Tor nicht treffen und muss sich nicht in dem Maße erklären. Am Ende macht er noch das Siegtor und ist der Held. Wie gesagt, wir dürfen uns nicht mit den Spielern vergleichen, aber ich will gerne erklären, wie wir Schiris uns in solchen Situationen fühlen. Auch für uns beginnt nach dem Spiel direkt die Aufarbeitung, die wirklich intensiv ist. Wenn ein Spiel mal in die Hose gegangen ist, kann es auch sein, dass ich mir den Montag danach freinehme, weil ich die Zeit für mich und zum Beispiel auch für ganz viele Telefonate mit unseren Coaches oder Vertrauten brauche.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung