Fussball

BVB verpflichtet Julian Brandt: Warum der Nationalspieler ausgerechnet nach Dortmund wechselt

Von Dennis Melzer
Julian Brandt wechselt von Bayer Leverkusen zu Borussia Dortmund.

"Stand jetzt bleibe ich", hatte Julian Brandt Anfang Mai noch gesagt. Nun, knapp zwei Wochen später, gab Borussia Dortmund die Verpflichtung des Nationalspielers bekannt. Das sorgt für Unmut in Leverkusen. Was plant der BVB mit ihm?

Die Freude über den herausragenden Bundesliga-Schlussspurt, der in Platz vier und damit in der Qualifikation für die Champions League mündete, wehrte nur kurz unterm Bayer-Kreuz. Wenige Tage nach dem 5:1-Erfolg der Leverkusener in Berlin trübte das, was die Spatzen schon länger von den Dächern der Farbenstadt pfiffen, die Königsklassen-Ekstase: Julian Brandt, eines der Erfolgsgesichter wird sich Borussia Dortmund anschließen.

Im Anschluss an die sich bewahrheitenden Gerüchte brach sich der Fan-Ärger bei der Werkself Bahn. Die Anhänger fühlten sich in gewisser Weise verraten. Hintergangen von einem Spieler, der dem Klub länger als gedacht die Treue hielt, in schlechten Zeiten nicht das Weite suchte.

Weil er Ehrlichkeit in einem unehrlichen Geschäft verkörperte. Er habe noch etwas gutzumachen, sagte der gebürtige Bremer etwa, nachdem das personell hochdekorierte Leverkusen vor zwei Jahren überraschend bis zum Schluss um den Klassenerhalt spielte. Er blieb - und steuerte seinen Teil dazu bei, dass vieles gutgemacht wurde, der ambitionierte SVB wieder dort steht, wo er dem Selbstverständnis nach hingehört.

Warum also der Unmut bei den Rheinländern, nachdem ein verdienter, ambitionierter Spieler, der sein Wort gehalten hatte, den viel zitierten nächsten Karriereschritt machen möchte? Der Tenor in den Sozialen Medien: Niemand hätte ihm einen Wechsel ins Ausland übelgenommen, selbst einen Transfer zum in Leverkusen nicht sonderlich beliebten FC Bayern wäre nachvollziehbar gewesen.

Julian Brandt: Ömer Toprak und Gonzalo Castro als mahnende Beispiele

Aber ausgerechnet Dortmund? Das sei - aus sportlicher Sicht - maximal ein Schrittchen. Die Nichtchance auf Titel habe er auch bei Bayer. Außerdem hätten doch die zuletzt gen BVB abgewanderten Ömer Toprak und Gonzalo Castro mahnende Beispiele sein müssen, dass es für Leverkusener Leistungsträger, die Schwarz-Rot gegen Schwarz-Gelb tauschen, nicht läuft.

Viele prophezeien Brandt im Ruhrgebiet nicht nur wegen der Erfahrungswerte die Rolle des Bankdrückers. Weil Trainer Lucien Favre ihm sicherlich nicht die Komfortzone anbieten würde, die Peter Bosz während der Rückrunde für ihn freigeräumt hatte.

Der Niederländer, der zur Winterpause für Heiko Herrlich das Zepter an der Dhünn übernahm, gilt gemeinhin als Architekt der Brandt'schen Leistungsexplosion. Spielte er unter Herrlich vornehmlich auf den Außenbahnen, rückte Bosz seine Nummer 10 ins Zentrum, stattete sie mit sämtlichen kreativen Freiheiten aus.

Leverkusen: Brandt explodiert unter Trainer Bosz

Eine Maßnahme, die sich als absoluter Geniestreich entpuppen sollte. Zum Vergleich: Steuerte Brandt in der Hinrunde magere drei Vorlagen und einen Treffer bei, schraubte er sein Scorerkonto in der zweiten Hälfte der Saison mit sechs weiteren Toren und beeindruckenden acht Assists (mehr als jeder andere in der Bundesliga, Anm. d. Red.) auf insgesamt 18.

Nicht nur die nackten Zahlen belegen die Entfaltung des 23-Jährigen, der bis dato lange als brillant, mitunter aber schlampig und fahrig galt. Auf den Flügeln stand Brandt sinnbildlich für die Bayer 04 seit Jahrzehnten innewohnende Inkonstanz.

Lief es nicht, war er nicht derjenige, der auf der Kippe stehende Partien zu Leverkusens Gunsten umzubiegen vermochte. Besonders defensivstarke Gegner, die kein schnelles Umschaltspiel zuließen, lagen ihm nicht. Nicht selten wurde er im Zuge dessen für seine Körpersprache kritisiert.

Ganz anders zeigte sich Brandt neben seinem Kumpel Kai Havertz in der Mitte. Stets präsent, aktiv und fantasievoll kurbelte er das von Bosz gewünschte ballbesitzorientierte Spiel an. Er fand Lösungen, wenn es kaum Lösungen gab, verlor aufgrund der Vielzahl an Optionen, die sich im Zentrum gemeinhin auftun, viel seltener die Kugel. Ganz so, als habe Bosz fünfeinhalb Jahre lang brachliegendes Potenzial von Grund auf restauriert.

BVB: Enorme Konkurrenz für Brandt

Klar, dass aufseiten der Leverkusen-Fans derzeit die Meinung kursiert, Brandt funktioniere eben nur unter Bosz vernünftig. Beim BVB ist Marco Reus in der Mitte gesetzt ist, darüber hinaus auch noch Mario Götze potenziell imstande, ebenda zu agieren.

Namhafte Konkurrenz für den Neuankömmling. Also doch das Ausweichen auf den Flügel, dorthin, wo mit Jadon Sancho, Raphael Guerreiro, Jacob Bruun Larsen und dem jüngst von Borussia Mönchengladbach verpflichteten Thorgan Hazard ebenfalls starke Nebenbuhler um die vakanten Plätze warten? Oder muss Brandt sich zunächst gar mit der Rolle als Reservist zufriedengeben?

Da Brandt als Wunschspieler von Favre gilt, im Vorfeld der Einigung mehrere Gespräche zwischen BVB-Boss Michael Zorc und Jürgen Brandt, Julians Vater und Berater in Personalunion, stattfanden, dürfte letztere Option eher unwahrscheinlich sein. Der 24-malige Nationalspieler vermittelt einen reflektierten Eindruck. Er wird sich ausgiebig Gedanken über den brisanten Abgang nach Dortmund gemacht haben.

Reus gemeinsam mit Brandt in der Zentrale?

Dort wiederum wird man ihm seine Perspektive aufgezeigt haben, in der ein Platz auf der Ersatzbank sicherlich nicht vorgesehen ist. Es gibt tatsächlich mehrere Möglichkeiten, Brandt ins Favre-System einzubinden, ohne ihn seiner Stärken zu berauben.

Ein spielstarkes Duo mit Marco Reus in der Zentrale wäre beispielsweise denkbar, versetzt oder auf einer Linie. Brandt verfügt auch über die Qualitäten, die so genannte Acht zu bekleiden. Ein flexibel einsetzbares Schnäppchen (Brandt kostet dank Ausstiegsklausel lediglich 25 Millionen Euro, Anm. d. Red.) also.

Die Ablöse stellt nur eine weitere Tatsache dar, warum in Leverkusen so sehr gehadert wird. Was aber viel schwerer wiegt: Bayer 04 verliert mit Brandt einen Spieler, der sich stets mit dem Klub identifiziert hat, der lukrative Angebote ausschlug, um das Team zurück nach Europa zu führen. Ausgerechnet jetzt, an dem Punkt, an dem er sein volles Potenzial ausschöpft, zieht es ihn davon. Ausgerechnet zu einem unliebsamen NRW-Konkurrenten. Ausgerechnet nach Dortmund.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung