Fussball

VfB-Urgestein Gerhard Wörn im Interview: "Und ihr Ochsen da vorne lasst euch anschießen"

Von Florian Regelmann
Gerhard Wörn (l.) feierte 1992 die Meisterschaft des VfB nach einem legendären 2:1-Sieg in Leverkusen.

Gerhard Wörn hat beim VfB Stuttgart alles erlebt. Meisterschaften, Pokalsieg, Abstieg - das VfB-Urgestein befindet sich aktuell in seiner sage und schreibe 29. Saison als Physiotherapeut. SPOX und Goal haben sich in Stuttgart mit dem 62-Jährigen getroffen und über seinen VfB gesprochen.

Herausgekommen ist ein offenes Gespräch über Wörns eigene Fußballerkarriere, großartige Momente und die dramatische Entwicklung in den vergangenen Jahren. Außerdem erklärt Wörn, wie Jogi Löw und Dieter Hoeneß für ihn zu Vorbildern wurden.

Herr Wörn, Sie sind seit fast 30 Jahren Physiotherapeut beim VfB, aber Sie haben auch eine Vergangenheit als Spieler. Erzählen Sie.

Gerhard Wörn: Ich bin in der Jugend schon zum VfB gekommen und habe später in der 2. Bundesliga Süd knapp 30 Spiele gemacht. Und auch zwei Tore geschossen. Wenn man nur zwei Tore schießt, ist der Vorteil, dass man sich noch gut an sie erinnern kann. Vor allem eines war wichtig, da lagen wir in Villingen-Schwenningen 0:1 hinten und ich habe den Ausgleich erzielt. Mit einer 25-Meter-Granate. (lacht) Es war eine schöne Zeit. Damals haben auf der Geschäftsstelle gerade mal drei Leute gearbeitet, so lange ist das her.

Warum hat es später nicht für Einsätze in der Bundesliga gereicht?

Wörn: Ich bin damals mit der Jugend Deutscher Meister geworden, Hansi Müller und ich haben es danach nach dem Abstieg der ersten Mannschaft zu den Profis geschafft und ich durfte relativ viele Spiele machen in der 2. Liga. Danach ging es nicht mehr weiter. Ich hatte zum einen ziemlich große Konkurrenz, kein Geringerer als Hermann Ohlicher hat auf meiner Position gespielt. Zum anderen habe ich Probleme mit dem Gleitwirbel bekommen. So wurde mein späterer Berufsweg überhaupt eingeleitet. Ich hatte zwar andere Angebote, Jupp Derwall kannte mich aus der Amateur-Nationalmannschaft und wollte mich zu Alemannia Aachen holen, aber dann habe ich in Stuttgart einen Ausbildungsplatz als Physiotherapeut angeboten bekommen und mich dafür entschieden. Damals hatten sich 200 Leute beworben und nur 30 bekamen einen Platz. Das war mir dann wichtiger. Ich bin sehr zufrieden damit, wie es alles gelaufen ist. Ich habe dann auch noch für die Amateure weitergespielt.

Wörn: "Willi Entenmann war ein überragender Trainer"

1980 gewannen Sie mit dem VfB durch ein 2:1 gegen Augsburg dann sogar die deutsche Amateur-Meisterschaft.

Wörn: Wir hatten eine einmalige Truppe zusammen. Ich habe selten eine Mannschaft erlebt, die qualitativ so gut war, bei der es aber auch gleichzeitig menschlich so gepasst hat. Wir waren ein verschworener Haufen. Wir haben eigentlich alle weggeputzt. (lacht)

Und Sie hatten einen Top-Trainer namens Willi Entenmann, der später unter Arie Haan auch Assistent bei den Profis werden sollte. Was hat ihn ausgezeichnet?

Wörn: Willi Entenmann war ein überragender Trainer. Auch ein unterschätzter Trainer, der nicht so in aller Munde war. Aber sie können jeden fragen, der unter ihm gespielt hat. Alle werden sagen, dass sie noch nie so fit waren wie unter Willi Entenmann. Willi war Sportlehrer und hatte sehr gute pädagogische Fähigkeiten. Und er hatte vor allem ein sehr gutes Gespür, wie er mit jedem Spieler umgehen muss. Die wichtigste Qualität eines Trainers ist es, auf eine bestimmte Art und Weise Dinge vermitteln zu können. Ein Trainer darf seine Mannschaft weder über- noch unterfordern. Das konnte Willi, er war großartig.

1990 sind Sie dann in Vollzeit Physiotherapeut beim VfB geworden. Nur zwei Jahre später waren Sie zum ersten Mal Deutscher Meister.

Wörn: Guido Buchwald. 88. Minute. Der Kopfball in Leverkusen. Ich sehe mich noch in der Kabine bei den Feierlichkeiten, was ein Wahnsinn. Wir hatten damals eine Mannschaft, die sich ja nicht von Anfang an meisterlich präsentierte. Wir haben erst in der Rückrunde einen Lauf bekommen und waren dann nicht mehr aufzuhalten. Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass dieses Team natürlich auch echt hochwertig besetzt war. Eike Immel im Tor, Guido, Günther Schäfer, Michael Frontzeck, Maurizio Gaudino, Wiggerl Kögl links, Andy Buck rechts, Matthias Sammer war zu uns gekommen. Und hatte vor Guidos Tor in Leverkusen ja Rot gesehen. Fritz Walter vorne. Das war schon eine richtig gute Truppe.

Wörn: "Und dann kam Dieter Hoeneß"

Eine richtig gute Truppe hatte der VfB auch einige Jahre später 1997 beim DFB-Pokalsieg mit dem magischen Dreieck unter Jogi Löw. War Berlin auch für Sie magisch?

Wörn: Sehr magisch. Ich konnte es vorher auch nicht ganz glauben, aber für mich gibt es nichts Größeres als das Pokalfinale in Berlin. Es ist das Ereignis schlechthin. Die Atmosphäre und Energie, die schon Tage vorher herrscht und sich immer weiter aufbaut, ist unbeschreiblich. Ich versuche auch immer den jungen Spielern zu erklären, dass das Pokalfinale das Nonplusultra ist.

Hätten Sie damals erahnt, welche Karriere Jogi Löw einmal machen würde?

Wörn: Nein, das hätte wahrscheinlich niemand erahnt. Jogi hat als Co-Trainer unter Rolf Fringer angefangen und in der Folge eine Entwicklung aus dem Bilderbuch hingelegt. Als Trainer. Aber auch als Mensch und Persönlichkeit. Jogi ist in all den Jahren für mich das beste Beispiel dafür, wie überragend sich jemand menschlich weiterentwickeln kann. Bei ihm sieht man wirklich gut, was möglich ist. Jogi auf der menschlichen Seite und Dieter Hoeneß auf der fußballerischen.

Warum gerade Dieter Hoeneß?

Wörn: Ich habe Dieter erlebt, als ich 1975 nach der deutschen Jugendmeisterschaft zu den Profis gekommen bin. Dieter hatte vorher in Aalen gekickt und war zum VfB gewechselt. Der VfB war immer bekannt für technisch gute Mannschaften mit vielen feinen Fußballern. Und dann kam Dieter Hoeneß. (lacht) Dieter musste im ersten Jahr ganz schön viel einstecken. Beinschuss vorne, Beinschuss hinten - im Fünf-gegen-zwei hat er kein Land gesehen. Wenn damals jemand prophezeit hätte, welche Karriere Dieter machen würde im Verein und in der Nationalmannschaft, hätten ihn alle für verrückt erklärt. Dieter Hoeneß? Niemals, das war unvorstellbar. Deshalb ist er für mich im Fußballerischen das beste Beispiel, dass nichts ausgeschlossen ist.

Gerhard Wörn im Steckbrief

geboren27. Januar 1957 in Weil im Schönbuch
PositionMittelfeld
Spielerkarriere beim VfB27 Spiele/2 Tore in der 2. Liga (1975-77)
Erfolge als SpielerMeister 2. Bundesliga Süd 1976/77, Deutscher Amateurmeister 1980, 2 Einsätze in der Nationalmannschaft der Amateure
Physiotherapeut beim VfBseit 1990

Wörn über Marcelo Bordon und Felix Magath

Wir waren bei den großen Erfolgen des VfB hängengeblieben. Nach dem Pokalsieg 1997 dauerte es zehn Jahre, ehe 2007 die bis heute letzte Meisterschaft gewonnen wurde. Und wieder kam sie überraschend, oder?

Wörn: Auf jeden Fall. Der Titel war genauso überraschend wie 1992. Es gibt überhaupt viele Parallelen, wenn wir die Meisterschaften vergleichen. 2007 hätte zu Beginn der Saison auch niemand gedacht, dass die Mannschaft das Potenzial hat, ganz oben mitzuspielen. Aber wie 92 erkennt man mit Abstand, was für eine qualitativ hochwertige Truppe es war. Wir hatten genau die richtige Mischung aus Erfahrung und jungen ehrgeizigen Spielern, die etwas erreichen wollten und vollgepumpt waren mit Erfolgshunger. Und wieder kamen wir in einen Lauf, in dem du dich plötzlich unverwundbar fühlst. Da kann es 0:3 stehen, aber du sitzt ganz ruhig auf der Bank und denkst: "Na dann gewinnen wir eben 4:3." In der Rückrunde in der letzten Saison unter Tayfun Korkut war es genauso. Da ist so eine Dynamik entstanden, dass schon Real Madrid hätte kommen müssen, um uns zu schlagen. (lacht) Und selbst die hätten es schwer gehabt. Aber so schön dieser Lauf im Positiven ist, so schlimm ist er im Negativen. Das erleben wir leider in der aktuellen Saison wieder.

Neben den Titeln, welche Menschen haben Sie in all den Jahren beim VfB am meisten beeindruckt?

Wörn: Wir hatten über die vielen Jahre natürlich sehr viele tolle Trainer und Spieler, von denen man nicht mehr in der Form spricht, weil sie nicht mit Titel verbunden werden. Was schade ist. Dennoch waren es inhaltlich außergewöhnliche Spieler. Ich denke spontan an jemanden wie Marcelo Bordon.

UI-Cup-Sieger mit dem VfB.

Wörn: (lacht) Genau. Das war sein maximaler Erfolg bei uns. Dennoch war Marcelo Bordon ein überragender Spieler beim VfB und noch wichtiger: ein überragender Mensch. Er ist bis zum heutigen Tag ein guter Freund von mir. Auf der Trainer-Seite fällt mir Felix Magath ein. Felix' Ruf ist vielleicht ab und zu negativ belegt, weil er mit seinem Stil nicht jedem gutgetan hat, der ihn erlebt hat, aber er war auf jeden Fall ein außergewöhnlicher Trainer mit vielen positiven Eigenschaften. Sonst hätte er in der Bundesliga auch nicht so viel Erfolg gehabt.

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