Fussball

Machtkampf mit Bayern: Als Dortmund den Gipfel der Aufsässigkeit erreichte

Von Oliver Maywurm
Roman Weidenfeller parierte einen Strafstoß von Arjen Robben.

Im April 2012 lieferten sich Borussia Dortmund und der FC Bayern München das bis dato jüngste vorentscheidende Titel-Duell. Einer der Protagonisten blickt zurück - und voraus.

Nach links unten tauchte Roman Weidenfeller ab, von ihm aus gesehen. Eine Bewegung, so kurz, so schnell, kaum eine Sekunde lang. Und doch eine, die einen so immensen Lärm auslösen konnte. Denn Weidenfeller parierte, hielt den von Arjen Robben getretenen Elfmeter sogar fest, begrub ihn unter sich.

"Das war natürlich Emotion pur, das ganze Stadion stand auf dem Kopf", sagt Weidenfeller im Gespräch mit SPOX und Goal. "So eine enorme Lautstärke habe ich selten erlebt. Das war gigantisch."

Borussia Dortmunds damaliger Trainer Jürgen Klopp sollte später von "der Schlüsselzene der Saison" sprechen. "Ich habe nicht drüber nachgedacht, ob ich jetzt der Matchwinner bin", blickt Weidenfeller zurück: "Mir war es wichtig, der Mannschaft zu helfen, das 1:0 über die Zeit zu retten."

Die 86. Minute war es, kurz zuvor hatte Robert Lewandowski den BVB mit 1:0 in Führung gebracht, indem er einen Volleyschuss von Kevin Großkreutz per Hacke unhaltbar für Manuel Neuer ins Tor lenkte. Hätte Robben getroffen und auf 1:1 gestellt, wären es für Dortmund vier Spieltage vor Saisonende 2011/12 weiterhin nur drei Punkte Vorsprung auf den ewigen Rivalen aus München gewesen. Weil Weidenfeller hielt, waren es nun sechs Zähler. Eine Vorentscheidung im Kampf um den Titel.

BVB wird erst Meister und holt dann noch den Pokal

"Ist das das Meisterstück?", titelte der kicker. Und Weidenfeller, Großkreutz, Lewandowski, Mats Hummels und Co. sangen nach Schlusspfiiff mit den schwarzgelben Fans vor der Südkurve: "Wer wird Deutscher Meister, BVB Borussia!" Schon eine vorgezogene Meisterfeier? Weidenfeller lenkt ein: "Wir haben den Sieg gegen Bayern gefeiert, klar. Aber ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass wir immer versucht haben, von Spiel zu Spiel zu denken und uns nie wichtiger genommen haben als wir waren. Wir wollten eben das nächste große Ziel, sprich die zweite Meisterschaft in Folge, unbedingt erreichen. Erst dann wurde richtig gefeiert."

Fast genau sieben Jahre ist dieses Feiern jetzt her. Gut einen Monat später sollte Dortmund nicht nur mit schließlich acht Punkten Vorsprung den zweiten Meistertitel in Folge endgültig eingetütet haben, sondern war nach einem rauschenden 5:2 im Finale gegen die Bayern auch DFB-Pokalsieger, holte das Double. Es waren diese Tage und Wochen, in denen die Aufsässigkeit des BVB gegen das Mia-san-Mia aus der bayerischen Landeshauptstadt ihren Höhepunkt erreichte.

Zudem war jenes 1:0 am 11. April 2012, unter Flutlicht an einem Mittwochabend, Dortmunds vierter Sieg in Serie gegen Bayern. Selbstvertrauen, das sich in der ersten Halbzeit des Duells deutlich niederschlug. Der BVB - ohne den verletzten Mario Götze angetreten - dominierte fast nach Belieben, spielte phasenweise Klopp'schen Powerfußball in Perfektion. Einziges Manko blieb zunächst die Chancenverwertung.

"Uns brauchte nie jemand zu motivieren, wenn es gegen die Bayern ging. Wir haben versucht, früh zu treffen, was uns aber nicht gelungen ist, Neuer war sehr stark an diesem Tag", erinnert sich Weidenfeller. Großkreutz und Lewandowski vergaben nach sechs Minuten eine Doppel-Großchance und scheiterten am überragend reagierenden Neuer, in der 37. Minute stand Lewandowskis Kopfball nur der Pfosten im Weg. Bayern war offensiv beinahe komplett zahnlos, hatte Glück, mit einem 0:0 in die Pause zu gehen.

Doch nach dem Seitenwechsel änderte sich das Bild allmählich. Dortmund zollte Tribut für das enorme Tempo in den ersten 45 Minuten, Bayern übernahm die Kontrolle, ohne sich dabei aber reihenweise Topchanchen herauszuspielen. "Jeder wusste, dass jede Kleinigkeit das Spiel letztlich entscheiden kann, keiner wollte verlieren. Es war dann ein Spiel auf Augenhöhe und ganz hohem Niveau", blickt Weidenfeller zurück.

Weidenfeller über Heldentat: "Ich war kein Elfmeterkiller"

Dann kam die Schlussphase. Als Lewandowski in der 77. Minute raffiniert per Hacke zur Führung traf, explodierte das mit über 80.000 Zuschauern gefüllte Dortmunder Stadion ein erstes Mal, zwei weitere Male sollten folgen. Zunächst vor Wut, als Schiedsrichter Knut Kircher nach vermeintlichem Foul von Weidenfeller an Robben auf den Elfmeterpunkt zeigte. "Das Pfeifkonzert hat man bis Gelsenkirchen gehört", sagte Großkreutz später.

Für die Dortmunder Fans war es eindeutig kein Elfmeter, ebenso wenig aus Sicht von Weidenfeller: "Robben hat das damals clever gemacht, hat eingefädelt", sagt er heute. "Ich war nicht mal richtig an ihm dran. Arjen war eben schlau genug, um solche Situationen anzunehmen und hatte letztlich auch das Quäntchen Glück."

Was folgte, war die dritte Explosion der Gefühle, diesmal wieder vor Freude, vor Euphorie, vor Genugtuung. Legendär ist das Bild, wie sich Neven Subotic adrenalinentbrannt vor Robben aufbaut, ihm Auge in Auge zu verstehen gibt, dass dieser Elfmeter von vorne herein zum Scheitern verurteilt war. "Diese Szenen sind nicht immer schön für den Zuschauer, aber da muss man dann auch mal drüber hinweg schauen, Emotion eben", sagt Weidenfeller, der das kurze Techtelmechtel zwischen Subotic und Robben gar nicht richtig wahrnahm: "Ich war zuvor nicht gerade als Elfmeterkiller bekannt gewesen. Daher war ich einfach erleichtert, dass ich den Ball gehalten hatte."

Dortmund war also wieder ganz oben in Fußball-Deutschland, wie schon ein Jahr zuvor. Klopp hatte eine sehr junge, extrem talentierte Mannschaft geformt, angeführt von Routiniers wie dem damals 31-jährigen Weidenfeller, der letzten Sommer seine aktive Karriere beendete und nun als Botschafter in der Marketingabteilung des BVB arbeitet, oder Sebastian Kehl, heute Leiter der Lizenzspielerabteilung.

"Sebastian und auch ich waren nicht nur aufgrund des Alters die Leader der Truppe, die die jüngere Generation geführt und ihnen klar gemacht haben: Wir sind ein tolles Team, haben eine sehr gute Chemie, aber müssen auch jeden Tag alles daran setzen, damit es so bleibt", beschreibt Weidenfeller seine Rolle im damaligen Team. In der letzten Mannschaft, die die Vorherrschaft der Bayern, die seither sechs Meisterschaften in Folge einfuhren, durchbrechen konnte.

BVB-Einkaufstour der Bayern? "Konnten es nicht ändern"

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke will schon nach dem Dortmunder Triumph über den FCB im Pokalfinale 2012 in den Gesichtern von Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge die Entschlossheit erkannt haben, zurückzuschlagen, wie er 2014 der Bild verriet. Watzke damals: "Natürlich war es nach den beiden Meisterschaften und dem Double das Ansinnen, uns zu zerstören. Aber nicht dahingehend, dass man uns menschlich kaputt machen oder uns nicht mögen würde. Es ging vielmehr darum, uns als Rivalen auszuschalten. Das ist aber auch total legitim. Und damit müssen wir leben."

2013 kaufte Bayern den Dortmundern mit Mario Götze ihr Supertalent weg, ein Jahr später ging Robert Lewandowski ablösefrei an die Isar. Und 2016 holten sich die Münchner auch noch Mats Hummels zurück. "Das war natürlich für uns nicht angenehm und wir waren alle sehr enttäuscht", sagt Weidenfeller und fügt an: "Aber das ist dann eben der Wettbewerb, die Großen fressen die Kleineren. Und damals hatten wir noch nicht die wirtschaftliche Situation, die wir heute haben und mussten uns dem beugen, dass Bayern bei uns eine Einkaufstour gestartet hat. Wir konnten es eben nicht ändern."

Weidenfeller: "...dann hätten wir noch mehr Titel gewonnen"

Der Weltmeister von 2014 ist jedenfalls sicher: "Wenn die Mannschaft von 2011/12 in der Zusammensetzung weitergespielt hätte, ohne irgendwelche Störfeuer, dann hätten wir noch den einen oder anderen Titel mehr gewonnen."

Die Chance auf die erste Meisterschaft seit 2012 ist für Dortmund nun aktuell so groß wie nie. Mit zwei Punkten Vorsprung auf Bayern ist der BVB vor dem Gipfeltreffen am Samstag (18.30 Uhr) in der Allianz Arena Tabellenführer.

Und alle, die es mit Schwarz-Gelb halten, hoffen sehnsüchtig, dass man vielleicht sogar wieder im direkten Duell mit dem großen Rivalen für eine Vorentscheidung im Titelrennen sorgt. Auch einer der Helden von damals, an jenem Abend im April 2012, als er in der 86. Minute mit seinem gehaltenen Elfer den Signal Iduna Park zum Beben brachte, wünscht sich das. "2:1 für Dortmund", tippt Roman Weidenfeller und lacht bei der Frage nach den Torschützen nur: "Lassen wir offen."

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung