Fussball

1899 Hoffenheims neuer Trainer Alfred Schreuder im Interview: "Nagelsmann ist der Beste von allen"

Von Jochen Tittmar
Übernimmt im Sommer die Nachfolge von Julian Nagelsmann auf dem Trainerstuhl von 1899 Hoffenheim: Alfred Schreuder.

Alfred Schreuder beerbt im Sommer Julian Nagelsmann als Trainer der TSG 1899 Hoffenheim. Für den Niederländer ist es eine Rückkehr an alte Wirkungsstätte. Bereits von 2015 bis 2018 war er Co-Trainer im Kraichgau. Dass er auf seinen ehemaligen Vorgesetzten Nagelsmann folgt, ist daher nur bedingt überraschend. SPOX und Goal haben mit Schreuder bereits im März 2017 gesprochen.

Im Interview erklärte der heute 46-Jährige, wie er überhaupt im Trainergeschäft Fuß fassen konnte und warum er Nagelsmann besonders beeindruckend findet. Außerdem sprach über seinen Spitznamen "Null-Spiele-Co-Trainer", den ihm die niederländische Presse verpasste und den frühen Tod seiner Tochter.

Alfred Schreuder ...

... über das Dasein als Trainer: "Das Trainergeschäft ist nun einmal familienunfreundlich. Man beschäftigt sich den ganzen Tag ausschließlich mit Fußball - und abends guckt man häufig noch das aktuelle Live-Spiel."

... über seine Begeisterung für den Trainerberuf: "Sie kam auf jeden Fall schon sehr früh. Wim Jansen, der 1974 auch im WM-Finale stand, hat mich Anfang der 1990er Jahre als Profi zu Feyenoord geholt. Es hat mir sehr imponiert, wie er mit uns als Mannschaft umgegangen ist. Auch Huub Stevens muss ich nennen, da er mir als Jugendlicher den großen Schritt von Feyenoord nach Eindhoven ins Internat ermöglicht hat. Eine harte, intensive Zeit, wir waren nur 20 Stunden pro Woche bei unseren Familien - drei Jahre lang in Folge. Und das noch unter Huub. (lacht) Aber ich bin ihm sehr dankbar dafür, ich bin durch ihn als Spieler und Mensch schneller erwachsen geworden."

... über seine ersten Schritte als Trainer: "Direkt nach dem Karriereende fehlten mir natürlich noch Lizenzen, um gleich als Chefcoach einzusteigen. Als ich 2008/2009 nach Arnheim wechselte, wurde Theo Bos, der leider schon verstorbene Mister Vitesse, dort mal wieder Trainer. Er hat mich gefragt, ob ich nicht meine Karriere beenden und auf Anhieb sein Co-Trainer werden möchte. Wir kannten uns sehr gut, daher habe ich das sofort gemacht. In den ersten sechs Monaten sind wir von Platz 17 im Abstiegskampf noch auf Rang zehn marschiert."

Alfred Schreuders Stationen als Co-Trainer und Trainer

VereinAmtsantrittAmtsaustrittFunktion
Ajax Amsterdam05.01.201830.06.2019Co-Trainer
TSG 1899 Hoffenheim26.10.201504.01.2018Co-Trainer
Twente Enschede01.07.201430.08.2015Trainer
Twente Enschede26.02.201301.04.2013Interimstrainer
Twente Enschede01.07.200930.06.2014Co-Trainer
Vitesse Arnheim03.01.200930.06.2009Co-Trainer

Schreuder: "Immerhin war ich der Null-Spiele-Co-Trainer"

... auf die Frage, warum er trotz des guten Laufs mit Arnheim dann wieder so schnell zu Twente zurückgekehrt ist: "Das hatte ich Präsident Joop Münsterman versprochen. Der Deal war: Ich spiele ein Jahr bei Vitesse, komme zurück nach Enschede und arbeite dort mit im Trainerstab. Diese Entscheidung war im Nachhinein gesehen auch die richtige, denn bei Twente ging Co-Trainer Erik ten Hag mit Fred Rutten nach Eindhoven und ich wurde dort unter Steve McClaren neuer Co-Trainer. Im ersten Jahr sind wir auch sofort Meister geworden."

... auf die Frage, wie er beinahe Co-Trainer der niederländischen Nationalmannschaft wurde: "Bert van Marwijk hatte mich 2003 als Spieler aus Breda ein zweites Mal zu Feyenoord gelotst. Zu ihm hatte ich seitdem einen guten Draht. Er hatte schon immer ein Faible dafür, ehemalige Spieler als Co-Trainer bei sich zu engagieren. Im Winter, ein halbes Jahr vor der EM, war schon alles unter Dach und Fach: Philippe Cocu wurde Cheftrainer in Eindhoven und ich sollte Co-Trainer von Oranje werden. Mein Vertrag war aber sozusagen an van Marwijk gekoppelt und da er entlassen wurde und Nachfolger Louis van Gaal seinen eigenen Stab mitbrachte, war die Geschichte leider vom Tisch. Immerhin war ich der Null-Spiele-Co-Trainer, wie die holländische Presse dann schrieb."

... seinen ersten Cheftrainer-Posten bei Twente Enschede: "Ich wollte Cheftrainer werden, natürlich. Die Stellen als Co-Trainer haben mir gerade am Anfang sehr geholfen, dadurch habe ich ein besseres Gefühl für alle Abläufe und Entscheidungen bekommen. Gerade bei Twente bin ich in die Rolle als Chefcoach etwas hineingerutscht: Steve McClarens zweite Amtszeit war schnell vorbei, ich habe am Ende der Saison übernommen und diese paar Spiele liefen auch gut. Der Vereine fragte mich, ob ich nicht bleiben wolle und da ich keine Lizenz hatte, wurde das Modell mit Michel Jansen in Absprache mit dem holländischen Verband so akzeptiert."

Schreuder über Nagelsmann: "Der Beste von allen"

... was er von den Trainern in Enschede (Steve McClaren, Michel Preud'homme, Co Adriaanse), Arnheim (Theo Bos) und Hoffenheim (Huub Stevens) mitgenommen habe: "Von jedem sicherlich ein bisschen, das ist im Detail aber schwer zu benennen. Am meisten Eindruck hat eindeutig Michel Preud'homme auf mich gemacht. Er kam nach der überraschenden Meisterschaft zu Twente und auch ganz allein, ohne irgendein Funktionsteam. Er wollte sich um alles selbst kümmern und viele neue Dinge einbringen - zuvorderst ein neues Spielsystem. Wir haben uns noch gefragt, wieso er trotz des Erfolgs so viel verändern wollte. Ihm ging es vor allem darum, das bekannte Erfolgsgefühl aus dem Vorjahr ein wenig zu verändern. Anfangs hatten wir noch Recht, denn der Saisonstart verlief schleppend. Am Ende hat er den Pokal und den Supercup geholt und ist ins Viertelfinale der Europa League eingezogen. Die Verteidigung des Titels wurde nur um einen Punkt verpasst, weil das letzte Saisonspiel in Amsterdam verloren ging."

... über Julian Nagelsmann: "Ich verstehe bestimmt viel von Fußball, arbeite aber mit einem Trainer zusammen, der extrem viel davon versteht. Ihn in diesem Alter zu erleben, war überraschend und ist wirklich sehr interessant. Natürlich ist er der jüngste Trainer, den ich je erlebt habe - aber er ist auch der Beste von allen, denen ich bislang über den Weg gelaufen bin."

... über den frühen Tod seiner sechsjährigen Tochter durch einen unheilbaren Gehirntumor: "Wir hatten immer die Hoffnung, dass ausgerechnet sie diejenige ist, die es schaffen wird. Es war ein Auf und Ab über eineinhalb Jahre. Als sie dann starb, wurde ich von all dem täglichen psychischen Stress erlöst [...] Diese schmerzhafte Erfahrung hat mich vor allem als Trainer gestärkt, auch wenn ich liebend gerne auf sie verzichtet hätte. Ich war immer Realist und bin ehrlich mit den Menschen umgegangen, doch habe ich nun ein noch besseres Gespür für eine positive Kommunikation mit den Spielern und meinen Mitmenschen bekommen."

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung