Fussball

Zum Tod von Rudi Assauer: Malocher, Macher, Mensch

Rudi Assauer starb am 6. Februar im Alter von 74 Jahren.

Mit dem Tod von Rudi Assauer verliert der deutsche Fußball ein Kind der Bundesliga, einen großen Schalker und einen echten Typen mit Licht und Schatten. Ein Nachruf.

Wenn man Rudi Assauer blöd von der Seite kam, fing man sich meist eine verbale Breitseite an. "Wer sind Sie überhaupt? Stellen Sie sich erstmal vor!", herrschte er dann allzu forsche Fragesteller an.

Beachtete man aber Assauers Erwartung von Etikette, dann bekam man eigentlich immer eine Antwort - und fast immer Klartext. So wie bei unserem ersten Gespräch nach der Jahreshauptversammlung von Schalke 04 Ende 1996.

"Die Leute hier sind vernünftig geworden", sagte Assauer damals. Nur drei Jahre nach seinem zweiten Amtsantritt als Manager hatte er für ungewohnte Ruhe beim einstigen Skandal-Klub gesorgt, bei dem zuvor auf turbulenten Mitgliedertreffen auch mal die Fäuste flogen.

Und das Ruhrgebiet stand Kopf

Unter Assauer hingegen gab es lange Jahre für Königsblau nur eine Richtung: Steil nach oben. Kurz nach der Hauptversammlung entließ der S04-Boss Trainer Jörg Berger, der den Verein vor dem Abstieg gerettet hatte, und holte den unbekannten Niederländer Huub Stevens.

Ein dreiviertel Jahr später gelang den "Eurofightern" durch einen Erfolg im Finale über die Millionentruppe von Inter Mailand der erste und einzige Triumph im UEFA-Cup. Das Ruhrgebiet stand Kopf, die Feiern gingen über mehrere Tage.

Assauer selber setzte sich nach der Rückkehr aus Mailand am späten Abend vor sein Wohnhaus und gab dem Wirt des gegenüber liegenden Lokals über Stunden immer ein Handzeichen, wenn er neues Bier benötigte. "Pils bis zum abwinken", typisch Ruhrpott eben.

"Wer feiern kann, kann auch arbeiten" - noch so eine Devise, die für den Malocher aus dem nahen Herten galt - und umgekehrt. Assauer konnte es richtig krachen lassen, es gibt unzählige Geschichten darüber, wie er auf Auswärtsreisen oder in Trainingslagern die Nacht zum Tage machte.

Aber er konnte eben auch arbeiten. Neben den sportlichen Glanzleistungen, nach dem UEFA-Cup wurde 2001 und 2002 der DFB-Pokal gewonnen, ist vor allem der Bau der damals in Deutschland einmaligen Arena auf Schalke zum Großteil Assauers Verdienst. Es wäre folgerichtig, wenn das Stadion nun auch seinen Namen bekommen würde.

Assauers dunkelste sportliche Stunde

Wenige Monate vor der Einweihung erlebte Assauer beim letzten Spiel im altehrwürdigen Parkstadion seine dunkelste sportliche Stunde. 4:38 Minuten lang wähnten sich die Schalker an jenem denkwürdigen 19. Mai 2001 nach einem spektakulären 5:3 gegen Unterhaching als deutscher Meister, erstmals nach 43 Jahren.

Ein Premiere-Reporter verkündete bereits auf dem Spielfeld, der Hamburger SV habe den FC Bayern 1:0 geschlagen, die Fans stürmten das Spielfeld, Assauer trug seinen johlenden Assistenten Andreas Müller huckepack und riss die Fäuste ekstatisch in die Höhe.

Wenig später folgte dann der Schock, als auf der Großleinwand im Stadion die Livebilder aus Hamburg eingeblendet wurden und die Menge fassungslos zusehen musste, wie Patrick Andersson die Bayern mit der letzten Aktion noch zum 1:1 und damit zur Meisterschaft schoss.

Für die Schalker blieb nur der trostlose Titel "Meister der Herzen". Assauer stellte sich auch in dieser Stunde und sprach den bekannten Satz: "Ab heute glaube ich nicht mehr an den Fußballgott".

Aus 20 Minuten wurden 2 Stunden

Seinen Glauben daran, dass Schalke noch zu seinen Lebzeiten Meister werden würde, verkündete er aber weiter öffentlich - auch wenn die Gelsenkirchener ihrem Traum nie mehr so nahe waren wie an jenem Tag im Mai.

In Erinnerung bleibt mir ein Interview rund ein Jahr später in der alten Geschäftsstelle, in der Assauer residierte und vom Balkon beim Rauchen seiner geliebten Zigarren ("Ob Cohiba oder Fehlfarben: Hauptsache, es qualmt") mit Adleraugen den Profis und Junioren beim Training zusah.

"Ich habe nur 20 Minuten Zeit", kündigte Assauer an - am Ende wurden es fast zwei Stunden. Dabei ging es neben aktuellen sportlichen Themen ("Jörg Böhme wird jeden Morgen vor dem Training von mir im Büro eingenordet") auch um seine persönliche Verbindung zum Ruhrgebiet und zum Fußball.

Assauer fand mit zunehmender Dauer Gefallen am Gespräch, von dem vieles nicht zitiert werden durfte, und holte irgendwann aus seinem Schreibtisch eine halbvolle Flasche Rotwein heraus ("Wollen Sie auch ein Glas?").

"Volles Rohr und drauf!"

Dann erzählte er über seine Kindheit im zerstörten Ruhrgebiet, seine Arbeit als 16-Jähriger unter Tage auf der Zeche Ewald in Herten, seine zwölf Jahre als Bundesliga-Profi bei Borussia Dortmund ("Die meisten wissen nicht, dass ich mal ein Gelber war") und bei Werder Bremen, wo er nach der Karriere Manager wurde und sich sehr wohl fühlte ("Es bestand die Gefahr, dass ich dort vielleicht für immer bleibe").

Doch als 1993 die Anfrage für eine Rückkehr nach Gelsenkirchen kam, wo er schon von 1981 bis 1986 als Manager gearbeitet hatte, war die Entscheidung schnell gefallen: "Als Schalke gerufen hat, habe ich mir gesagt: Volles Rohr und drauf!"

Mit 120 prozentigen Engagement ("Ich arbeite 12 bis 14 Stunden am Tag - weil es Spaß macht") lenkte er 13 Jahre erfolgreich die Geschicke seines Herzensvereins. Wobei er als Prototyp des Alphamännchens auch keinem Streit aus dem Weg ging. "Er konnte auch ein echter Proll sein", erinnerte sich der langjährige WDR-Reporter Manni Breuckmann.

Mit S04-Legende Olaf Thon, mit dem er sogar handgreiflich aneinander geriet, war einer seiner prominentesten Opfer. Bei den meisten aber galt bei Assauer eine weitere Ruhrgebietsdevise: Streiten, wieder versöhnen, weiterarbeiten.

Unikat mit Licht und Schatten

2006 allerdings hatte er sich zu viele Feinde auf Schalke gemacht, unter anderem den damals schon mächtigen Clemens Tönnies. Dem Rauswurf kam er mit seinem Rücktritt zuvor. Danach wurde es ruhiger um Assauer, zumal einige Jahre später seine Alzheimer-Erkrankung diagnostiziert wurde.

So lebte er die letzten Jahre zurückgezogen und gepflegt von seiner Tochter, ehe er am Dienstag mit 74 Jahren verstarb. Mit dem "Schlotbaron", wie ihn die Süddeutsche Zeitung einmal wegen seines permanenten Zigarrenkonsums nannte, geht ein Kind des Ruhrgebiets und ein Kind der Bundesliga. Rudi Assauer war ein großer Schalker, ein echter Typ, ein Unikat mit Licht und Schatten.

Es mag etwas pathetisch klingen, aber es passt ins Bild, dass das Leben des Zechenkindes und bekanntesten Vertreters des "auf Kohle geborenen" Zechenklubs Schalke nur wenige Monate nach dem endgültigen Aus für den Bergbau im Ruhrgebiet zu Ende ging.

 

 

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