Fussball

Jean-Philippe Gbamin von Mainz 05 im Interview: "Ich kann mir ein neues Kapitel gut vorstellen"

Jean-Philippe Gbamin spielt seit 2016 für den 1. FSV Mainz 05 in der Bundesliga.

Jean-Philippe Gbamin wechselte im Sommer 2016 vom RC Lens zum 1. FSV Mainz 05. Nach nur 22 Spielen schrieb der Ivorer bereits Bundesligageschichte, entwickelte sich anschließend zum Leistungsträger und durfte im Sommer trotz eines Rekord-Angebots nicht nach England wechseln.

Im Interview erzählt Gbamin von der kuriosen Weise, wie er einst entdeckt wurde, spricht über sein 0:7-Profidebüt, seine drei Platzverweise in der Bundesliga, das Wechsel-Veto des FSV und einen möglichen Transfer nach der Saison.

Herr Gbamin, Sie sind in der Elfenbeinküste geboren und haben dort bis zu Ihrem achten Lebensjahr gelebt. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Jean-Philippe Gbamin: Es war wie in Afrika üblich alles sehr familiär. Ich verbrachte nach der Schule meist viel Zeit mit meiner Mutter, meinen Großeltern, den Tanten. Wir sind eine verschworene Gemeinschaft. Damals habe ich an Fußball gar nicht gedacht. Ich habe dort überhaupt keinen Sport gemacht, sondern einfach nur mit den anderen Kindern gespielt. Ich erinnere mich sehr gerne an diesen Lebensabschnitt, auch wenn er verhältnismäßig kurz war.

Anschließend ging es für Sie nach Frankreich. Wie groß war der Kulturschock?

Gbamin: Ich war ja noch klein, aber auch für mich war es eine andere Welt. Jetzt mit meinem Mehr an Lebenserfahrung würde ich aber sagen, dass es im Ausland immer anders ist. Man muss sich einfach anpassen. Das habe ich auch jetzt nach meinem Wechsel nach Deutschland wieder erfahren. Wir sind damals zunächst für ein Jahr in die Pariser Region gezogen. Danach ging es zusammen mit meinem Stiefvater weiter in den Norden nach Lens. Erst dort habe ich angefangen, Fußball zu spielen.

Und wurden schließlich auf etwas kuriose Weise entdeckt. Erzählen Sie!

Gbamin: Der Neffe meines Stiefvaters ging mit einem Mädchen aus, deren Vater ein Scout des RC Lens war. Ich habe damals bei einem kleinen Verein namens OS Aire-sur-la-Lys gespielt, nicht weit weg von Lens. Wir haben dann arrangiert, dass er mal ein Spiel von mir anschaut. Das war rückblickend gesehen der Startpunkt für meine Karriere. Lens beobachtete mich weiter, war interessiert und kam bald mit einem konkreten Angebot auf mich zu.

Das war 2007. Mit zwölf Jahren wechselten Sie ins Nachwuchsleistungszentrum des RC Lens. Wie neu war diese Erfahrung für Sie?

Gbamin: Sehr neu, am Anfang war es auch ziemlich hart. Ich wusste zwar in der Theorie, was auf mich zukommen würde. Es dann aber am eigenen Leibe zu spüren, morgens mit Vollgas zu trainieren und danach noch aufmerksam im Internat zu sein, jeden Tag, das war zunächst alles andere als einfach. Ich habe mich aber letztlich dann doch recht zügig daran gewöhnt. Irgendwann war es so, dass es auch tatsächlich Spaß gemacht hat. (lacht)

Welche Ambitionen hatten Sie damals?

Gbamin: Ich habe zu dem Zeitpunkt nicht gedacht, dass ich Profifußballer werde. Das kam alles in kleinen Schritten. Ab einem bestimmten Zeitpunkt merkt man, dass man besser wird und auf einem gewissen Niveau mithalten kann. Das ist zwar noch keine Garantie für irgendetwas, aber als ich immer näher an die Tür zum Profifußball kam, wollte ich natürlich auch durch sie hindurchgehen.

Mit 16 rückten Sie in den Kader der zweiten Mannschaft in der vierten Liga auf, ein Jahr später im Mai 2013 feierten Sie dann als Einwechselspieler Ihr Debüt für die Profis. Und wie: Das Spiel gegen Guingamp ging 0:7 verloren.

Gbamin: Genau. Mein Debüt lief komplett verheerend. (lacht) Wir lagen nach zwölf Minuten schon 0:2 zurück und plötzlich zeigte der Trainer auf mich. Ich war vollkommen überrascht, denn so früh zu wechseln und dann einen Debütanten zu bringen, ist ja nicht alltäglich. Es war wohl der schwerstmögliche Start für mich, denn wir erwischten alle einen rabenschwarzen Tag und ich konnte in diesem Alter in meinem ersten Spiel natürlich keine Hilfe sein. Es war nicht leicht für mich, so ins kalte Wasser geworfen worden zu sein.

Ab 2012 wurden Sie auch in Frankreichs U-Nationalmannschaften berufen. 24 Partien bestritten Sie insgesamt für U18 bis U21. 2014 haben Sie Herve Renard, dem damaligen Nationaltrainer der Elfenbeinküste, dann für eine Berufung abgesagt. Erst 2017 entschieden Sie sich doch für Ihr Geburtsland. Warum?

Gbamin: Als Renard anrief, hatte ich gerade meinen ersten Profivertrag unterschrieben und wollte mir bewusst die Zeit nehmen, um darüber zu entscheiden. Mir kam das zu diesem Zeitpunkt letztlich einfach zu früh. Ich wollte mich erst noch als Spieler weiterentwickeln. Dass ich drei Jahre später zugesagt habe, war für mich dann folgerichtig. Es ging mir nie darum, eventuell auf Frankreich zu warten. Meine gesamte Familie kommt von der Elfenbeinküste, daher war es eine Herzensangelegenheit für mich.

Damals war Marc Wilmots der Coach der Elefanten. Welche Rolle spielte er bei Ihrer Entscheidung?

Gbamin: Im Kopf hatte ich sie praktisch schon getroffen. Es hat mir aber nochmal geholfen, mit dem Trainer zu sprechen und zu hören, dass er auf mich bauen wird.

Wilmots blieb nur acht Monate Trainer und musste gehen, nachdem die Elfenbeinküste das entscheidende Heimspiel gegen Marokko verlor und dadurch die WM 2018 in Russland verpasste. Wie erging es Ihnen nach diesem Spiel?

Gbamin: Das war die größte Enttäuschung meiner bisherigen Karriere. Erst recht, nachdem uns nur ein Sieg gefehlt hat, um in Russland dabei zu sein. Alle Spieler waren am Boden zerstört, das gesamte Land hat mit uns gelitten. Wir müssen nun zusehen, dass wir uns als Mannschaft verbessern, denn noch einmal will ich eine Weltmeisterschaft nicht verpassen.

Ein Jahr bevor Sie sich entschieden, für die Elfenbeinküste aufzulaufen, wechselten Sie von Lens nach Mainz. Warum der FSV?

Gbamin: Als wir das erste Mal telefonierten und über das Mainzer Projekt sprachen, hat es mich schon gepackt. Das hört sich platt an, es war aber so. Ich war ja selbst davon überrascht. Mein Interesse ist auf Anhieb geweckt worden, weil ich mir sicher war, regelmäßig spielen zu können und die Bundesliga eine Plattform ist, auf der ich mich europaweit positionieren kann. Ich musste mich dann vor allem erst einmal an die Härte gewöhnen. Ich habe versucht, alle neuen Einflüsse so gut es geht zu kanalisieren. Ich würde sagen, dass ich in Mainz von Anfang an professioneller und reifer geworden bin. Es war die perfekte Wahl.

Was haben Sie denn zuvor von der Stadt Mainz gewusst?

Gbamin: Rein gar nichts. Mir war bewusst, dass Mainz in der Bundesliga spielt und keine Fahrstuhlmannschaft ist - das war es aber schon. Mir war das aber auch egal, da ich meine Entscheidung nicht an der Stadt festgemacht habe. Ich habe mich auch deshalb schnell eingelebt, weil sich das Leben nicht sonderlich von dem im Norden Frankreichs unterschied. Es war schön normal.

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