Fussball

Seppo Eichkorn vom FC Schalke 04 im Interview: "Telefonieren mit Magath war immer schwer"

SPOX: Zuvor ging es beim Großteil Ihrer Zeit im Profifußball um Ab- oder Aufstieg, in München mussten Sie nun jedes Spiel gewinnen. War dieser Druck schlimmer?

Eichkorn: Das lässt sich schwer vergleichen. Man hat in München natürlich die besseren Spieler. Die Schwierigkeit ist dort aber trotzdem gegeben. Ich erachte die beiden Doublesiege daher als sehr großen Erfolg für uns. Unser Problem war, dass wir international nie über das Viertelfinale hinauskamen. Hinzu kam der Umbruch, als Michael Ballack den Verein verlassen hatte. Der wurde von uns im Trainerteam, aber auch vom Präsidium unterschätzt. Ballack mit Julio dos Santos und Ali Karimi zu ersetzen, war nicht adäquat. Das hat man erst eine Saison später nachgeholt, als man Luca Toni und Franck Ribery holte.

SPOX: Die Doublesiege 2005 und 2006 waren Ihre ersten Titel im Profifußball. War das der Höhepunkt Ihrer Laufbahn?

Eichkorn: Die ersten Titel sind natürlich sehr besonders. Grundsätzlich war einfach die Zeit mit Felix sehr erfolgreich, denn wir haben uns in jeder Saison für einen internationalen Wettbewerb qualifiziert. Mit St. Pauli drei und mit Duisburg vier Jahre in Folge in der Bundesliga zu spielen, war für die dortigen Verhältnisse aber genauso außergewöhnlich. Mit dem MSV standen wir 1998 sogar im Pokalfinale und hätten das wohl auch gewonnen, wenn Michael Tarnat nicht Bachirou Salou vom Platz getreten hätte. Ich bin auf all meine Etappen gleichermaßen stolz.

SPOX: Zur Saison 2007/08 ging es mit Magath weiter zum VfL Wolfsburg, 2009 wurden sie dort Deutscher Meister. War dieser Titel emotionaler als noch bei den Bayern?

Eichkorn: Er war vor allem überraschender. In München wird die Meisterschaft erwartet und wenn man sie dann das erste Mal holt, ist das schön, aber es ging auch nicht besonders spannend zu. Mit Wolfsburg in der Rückrunde 43 von 51 möglichen Punkten zu holen, war verrückt. Dabei lief bei weitem nicht alles glatt, wir haben einige Sitzungen mit der Mannschaft abhalten müssen, um den einen oder anderen Schlendrian zu identifizieren. Ich glaube, einen solchen Überraschungsmeister wird die Bundesliga wohl nie wieder sehen. Der emotionalste aller Momente für mich persönlich war aber eindeutig der Aufstieg mit St. Pauli 1988. Wenn ich nur daran denke, wie Dirk Zander das 1:0 in Ulm geschossen hat ...

SPOX: Noch vor dem Gewinn der Meisterschaft bestätigte Wolfsburg, dass sich Magath dem FC Schalke 04 anschließen werde. Dort begann es allmählich, dass sich Magaths Ruf in der Öffentlichkeit verschob und er vor allem mit wildem Transfergebahren und unorthodoxen Trainingsmethoden in Verbindung gebracht wurde. Wie nahmen Sie das war?

Eichkorn: Felix hat seine Grundidee, wie eine Mannschaft zu funktionieren und zu arbeiten hat. Um die Truppe zusammen zu schweißen, lässt er sie in der Trainingsarbeit auch häufig an die Grenzen gehen, um ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Ganz am Anfang in Wolfsburg bin ich mit unseren Neuzugängen Andrea Barzagli und Cristian Zaccardo Runden gelaufen. Die haben geguckt wie ein Auto und meinten: Was machst du mit uns?

SPOX: Weil ihnen Ausdauertraining unbekannt war oder sie viele Kilometer abreißen mussten?

Eichkorn: Beides. Der übergeordnete Gedanke war, dass die Mannschaft als echte Einheit auf dem Platz steht. Da haben auch die Medizinbälle geholfen, denn ob ich Krafttraining an Maschinen mache oder Läufe mit dem Medizinball, ist kein Unterschied. Es hat den Spielern die Überzeugung gegeben, konditionell sehr stark zu sein. Sie hatten durch das Training ein gutes Gefühl fürs Wochenende.

SPOX: Hatten sie aber auch eine gute Beziehung zum Trainer oder hätten sie ihn am liebsten zum Teufel gewünscht?

Eichkorn: Natürlich gab es auch Situationen, in denen Spieler von Felix ungerecht behandelt wurden. Es war dann auch eine meiner Aufgaben, die Kritik ein wenig abzufedern oder den Spieler in den Arm zu nehmen und ihn zu beruhigen. Felix ist kein einfacher Mensch. Er schweigt lieber mal, als etwas zu sagen. Ivan Rakitic war beispielsweise nicht der Liebling von Felix, aber er hat vom ihm unglaublich profitiert. Ivan hatte unter Felix echt einen schweren Stand und wurde auch häufig als Erster von ihm kritisiert. Er hat sich aber in jedem Training reingehauen und nicht aufgegeben. Felix wollte, dass er anders spielt und er hat es letztlich geschafft, ihm vom offensiven zum defensiven Mittelfeldspieler umzuschulen - und dort glänzt er jetzt beim FC Barcelona.

SPOX: Dennoch hatte man zum Ende von Magaths Zeit in der Bundesliga den Eindruck, als würde er wenig planvoll Spieler ein- und wieder verkaufen.

Eichkorn: Er wusste aber in jeder Phase, was er macht. Es ist normal, dass man auch Spieler verpflichtet, die nicht so einschlagen, wie man sich das erhofft. In Wolfsburg hatten wir viele Volltreffer, auf Schalke war die Bilanz eher ausgeglichen. Felix konnte auch bewusst auf Spieler verzichten, wenn er glaubte, dass er nicht mit ihnen arbeiten kann. In Stuttgart trennte er sich von Krassimir Balakow, in Wolfsburg gab er mit Marcelinho unseren auffälligsten Spieler nach der ersten Saison trotz laufenden Vertrags ab, weil er der Überzeugung war, dass Zvjezdan Misimovic mannschaftsdienlicher spielen würde und die Stürmer besser einsetzen kann. So etwas sind keine Selbstverständlichkeiten.

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