Fussball

Interview mit den Psychologen der Schalker Knappenschmiede: "Es geht nicht nur um 'krank' und 'blöd'"

Die Sportpsychologen Dr. Tobias Hesselmann und Dr. Theresa Holst arbeiten in der Schalker Knappenschmiede.
© getty / https://twitter.com/knappenschmiede / Stefan Petri

Während der FC Schalke 04 in der Bundesliga in der Krise steckt und gerade einen neuen Sportvorstand präsentiert hat, kümmern sich die Sportpsychologen Dr. Theresa Holst und Dr. Tobias Hesselmann in der Schalker "Knappenschmiede" um die königsblauen Talente von morgen. Im Interview mit SPOX und Goal sprechen sie über Mentaltrainer, Druck in jungen Jahren, Unterschiede zu den Profis, schwierige Eltern und mögliche Interessenskonflikte mit der Vereinsführung.

Außerdem verraten sie, wie sie eine Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen aufbauen - und warum To-do-Listen nichts bringen.

Frau Dr. Holst, Herr Dr. Hesselmann, Sie beide betreuen als Sportpsychologen den Nachwuchs von Schalke 04. Können Sie kurz erklären, was Ihre Aufgaben sind?

Dr. Tobias Hesselmann: Man kann es in einem Satz zusammenfassen: Unsere Aufgabe ist es, ein möglichst gutes Umfeld zu schaffen, in dem die Spieler sich optimal entwickeln können. Das geht ein bisschen weg von dem Bild, das man in der Öffentlichkeit häufig hat. Viele denken, dass wir vor allem für die Problemfälle zuständig sind, also wenn jemand Depressionen hat oder so.

Aber das sind Sie nicht?

Dr. Hesselmann: Nein. Das wäre für uns überhaupt kein Arbeitsfeld, weil wir ja keine Therapeuten sind. Wenn wir einen depressiven Spieler hätten, dürften wir mit ihm gar nicht arbeiten, sondern müssten ihn an einen Psychologen weitervermitteln, der eine psychotherapeutische Ausbildung hat.

Dr. Theresa Holst: Wir wären hoffentlich diejenigen, die es erkennen und den Spieler in ein anderes Betreuungsnetzwerk begleiten würden. Aber wir würden uns nicht anmaßen, ihn zu behandeln.

Dr. Hesselmann: Unser Fokus liegt darauf, Kompetenzen im mentalen Bereich zu vermitteln, damit die Jungs ihr Maximum ausschöpfen können.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Dr. Hesselmann: Nehmen wir die Eigenmotivation. Die Spieler kommen hierher und kicken in den jungen Jahren aus Spaß am Spiel. Aber irgendwann wird aus dem Hobby Ernst. Und hier geht es darum, dem Spieler eine Idee davon zu vermitteln, wie er mit der Gesamtsituation umgehen kann und trotzdem seine Eigenmotivation hochhält und weiter Spaß hat.

Dr. Holst: Wir beschäftigen uns beispielsweise mit dem Zeitmanagement. Daran wird oft nicht gedacht, aber die Jungs haben wenig Zeit - von der Schule häufig direkt per Fahrdienst zum Training, spät nach Hause und danach vielleicht sogar noch Hausaufgaben. Wir schauen uns mit ihnen an, wie man die Zeit findet, um auch mal runterzufahren oder sich mental auf das Training vorzubereiten.

Wie man das Leben ein bisschen organisieren kann.

Dr. Holst: Genau.

Dr. Hesselmann: Wir arbeiten auch mit den Trainern, etwa am Coaching-Verhalten. Auch der Trainer hat einen großen Einfluss darauf, wie man mit Zielen arbeitet oder ob man es schafft, als Mannschaft eine Identität zu entwickeln.

Gibt es dabei ebenfalls spezielle Einheiten?

Dr. Hesselmann: Hin und wieder geben wir Trainerfortbildungen. Ansonsten kommen die Trainer normalerweise am Montag zu uns und wir sprechen über das Wochenende. Viele Trainer fordern eine Rückmeldung zum Coaching-Verhalten ein und wollen wissen, wo sie sich noch verbessern können.

"Mentaltrainer darf sich jeder nennen, auch ein Hausmeister"

Ich habe vor einiger Zeit mit einem Mentalitätstrainer über das Thema Persönlichkeitsschulung und Eigenmotivation gesprochen. Wo liegen denn die Unterschiede zu Ihrer Arbeit?

Dr. Holst: Der Unterschied: Mentaltrainer ist kein geschützter Begriff. Mental- oder Mentalitätstrainer darf sich jeder nennen, auch ein Hausmeister an einer Schule. Psychologe darf ich mich nur nennen, wenn ich das dazugehörige Studium absolviert habe.

Dr. Hesselmann: Außerdem unterscheidet sich die Ansatzweise. Viele Mentalitätstrainer arbeiten an der Persönlichkeitsentwicklung, womit ich mich persönlich sehr schwertue. Der Begriff geistert immer umher: Wir brauchen Persönlichkeiten im Fußball.

Es fehlen die Typen.

Dr. Hesselmann: Es hat mir aber noch niemand erklären können, wie das funktionieren soll. Was fällt unter den Bereich Persönlichkeitsentwicklung? Wie bekomme ich das mit der Mannschaft in einem Nachwuchsleistungszentrum überhaupt umgesetzt, vor allem wenn ich nur eine Person bin? Im Vergleich zu einem Mentaltrainer haben wir einen systemischen Blick und das nötige Hintergrundwissen darüber, was im Kopf eines Spielers abläuft. Wie wir uns motivieren, wie wir uns in der Gruppe verhalten, wie wir uns Ziele setzen, wie wir uns entspannen können. Es gibt sicherlich gute Mentaltrainer, aber bei uns geht es ein Stückchen weiter.

Warum haben die Profis auf Schalke keinen Sportpsychologen?

Wie viele Spieler betreuen Sie?

Dr. Holst: Es sind rund 220 Spieler, von der U9 bis hoch zur U23. Wir wechseln uns dabei in den Jahrgängen ab und gehen mit den Mannschaften mit, damit die Jungs mit uns quasi groß werden.

Das ist eine enorme Altersspanne.

Dr. Hesselmann: Man muss sich definitiv darauf einstellen. Wenn man hier im Büro mit einem U19- oder U23-Spieler gesprochen hat, zwischendurch noch etwas Wissenschaftliches liest und später auf dem Platz mit Achtjährigen spricht, ist es schon ein bisschen anspruchsvoll. Aber das macht auch sehr viel Spaß.

Dr. Holst: Genau das macht den Beruf so wahnsinnig spannend. Ich finde es super, dass wir alle Altersspannen dabeihaben.

Haben die Profis auch einen Sportpsychologen auf Schalke?

Dr. Holst: Einen eigenen haben sie nicht. Ich bin als Ansprechpartnerin auch für den Profibereich zuständig.

Das klingt ungewöhnlich: Der Nachwuchs hat gleich zwei Sportpsychologen, die Profis gar keinen.

Dr. Hesselmann: Der Bedarf bei den Profis ist ein bisschen anders. Wir legen in der Nachwuchsarbeit den Fokus darauf, die Jungs auf das vorzubereiten, was sie später im Profidasein erwartet. Das heißt: Wir wollen Ressourcen und Kompetenzen vermitteln, um mit den Herausforderungen umzugehen. Das verschiebt sich bei den Profis, wo man eher akut arbeitet und weniger konzeptionell. Die meisten Profis haben zudem ein separates Betreuungsnetzwerk über ihre Berater. Besteht dennoch Bedarf, gibt es bei den meisten Teams darüber hinaus ein Angebot wie bei uns mit Theresa: Wenn der Spieler möchte, kann er es in Anspruch nehmen.

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