Fussball

BVB oder Tuchel? Deshalb ist Julian Weigls Situation so verzwickt

Von Marc Hlusiak
Julian Weigl könnte den BVB noch im Winter verlassen

Julian Weigl steht bei Borussia Dortmund vor einer ungewissen Zukunft. Unter Trainer Lucien Favre spielt er kaum eine Rolle, kommt nur selten zum Zug. Seine Vielseitigkeit ist für den Verein aber ein Gut, das man nur ungern verlieren würde. Genau das könnte aber passieren, denn ein alter Bekannter soll sich bereits gemeldet haben.

Unter Thomas Tuchel war Julian Weigl im Mittelfeld von Borussia Dortmund unersetzlich. In der Saison 2015/2016 verpasste er in der Bundesliga nur vier Spiele, beim Rest stand er fast immer die kompletten 90 Minuten auf dem Rasen.

Der Status Quo jedoch ist ernüchternd. Die Bilanz seiner bisher enttäuschenden Saison: vier Einsätze in der Bundesliga, drei in der Champions League, einer im DFB-Pokal.

Die Gründe für Weigls schweren Stand sind offensichtlich. In der vergangenen, krisengebeutelten Saison (Dortmund rettete sich gerade noch in die CL) war Weigl der Fixpunkt im zentralen Mittelfeld einer Mannschaft, die - das ergab eine gründliche Aufarbeitung nach Saisonende - mit Mentalitätsproblemen zu kämpfen hatte. In der Folge stellten sich die Westfalen neu auf, verpflichteten mit Thomas Delaney und Axel Witsel zwei Spieler für Weigls Position, die dieses Manko beseitigen sollten - und das funktioniert bislang sensationell gut.

Der Verlierer dieser Entwicklung heißt Weigl. In den Gedankenspielen seines Trainers Lucien Favre spielt er keine nennenswerte Rolle, nicht mal als Einwechselspieler. In der internen Mittelfeld-Hierarchie hinkt er hoffnungslos hinterher. Düstere Aussichten.

Julian Weigl: Pluspunkt für Vielseitigkeit

Was spricht also noch für einen Verbleib Weigls in Dortmund? Seine Vielseitigkeit. Am letzten Spieltag der Hinrunde stellte er diese eindrucksvoll unter Beweis, heimste nach einer tadellosen Leistung in der Innenverteidigung gegen Borussia Mönchengladbach Lob von allen Seiten ein. ZDF-Experte Oliver Kahn sagte etwa: "Er hat seine Sache hervorragend gemacht. Es ist auch nicht aufgefallen, dass er eigentlich kein Verteidiger ist. Es ist nicht so ohne, wenn ein Innenverteidiger ausfällt und eine Notlösung rein muss. Weigl hat das aber genauso gut gemacht wie ein gelernter Innenverteidiger."

Auch Favre zeigte sich, wortkarg wie immer, im Anschluss an den ersten Test 2019 gegen Fortuna Düsseldorf angetan: "Er hat gegen Gladbach bewiesen, dass er diese Rolle spielen kann. Das war gut", lobte der Schweizer, der Weigl auch gegen die Rheinländer 45 Minuten in der Innenverteidigung aufstellte.

Zukunft dürfte Weigl auf der zentralen Verteidigerposition dennoch nicht haben. Das zeigt nicht zuletzt die Verpflichtung von Leonardo Balerdi, eines weiteren hochtalentierten Innenverteidigers, in der Winterpause.

Zeichen, die Weigl und sein Beraterstab zu deuten wissen.

Julian Weigl und Thomas Tuchel: Das passte

Schon kurz nach Bekanntwerden der Verpflichtung Thomas Tuchels beim französischen Serienmeister Paris Saint-Germain machten Gerüchte die Runde, Weigl könnte seinem einstigen Förderer nach Frankreich folgen.

Die BVB-Bosse beharrten allerdings hartnäckig auf einem Verbleib. Weigl, der seinen Vertrag nach seinem rasanten Aufstieg im Jahr 2015 im Dezember 2016 langfristig bis 2021 verlängerte, sah ebenfalls keinen Grund für eine Flucht.

Im Gegenteil: "Ich fühle mich in Dortmund sowohl sportlich als auch vom gesamten Umfeld her sehr gut aufgehoben. Es war für mich eine logische Entscheidung und keine lange Überlegung, meinen Vertrag zu verlängern", sagte Weigl damals.

Unter Tuchel reifte Weigl erst zum Stammspieler, später zum Leistungsträger und sogar Nationalspieler. Mit der Nationalmannschaft reiste er 2016 zur Europameisterschaft nach Frankreich. Weigl und Tuchel: Das passte - und könnte wieder passen.

PSG lässt nicht locker

Aktuell tritt Weigl auf der Stelle - oder besser gesagt: Er sitzt auf der Tribüne. Fünf Mal schaffte er es in der Hinrunde nicht mal in den Bundesligakader, nur äußerst selten stand er letztlich auf dem Rasen.

Es passt daher ins Bild, dass derzeit Gerüchte um einen erneuten Anlauf Tuchels, den ehemaligen Sechziger nach Paris zu lotsen, durch die Gazetten geistern. Laut Bild soll sich Tuchel persönlich per Telefon bei seinem ehemaligen Schützling gemeldet haben, um ihm einen Wechsel in die Ligue 1 schmackhaft zu machen.

Die Berateragentur Sports Total, die neben BVB-Profis wie Marco Reus und Ömer Toprak auch Weigl vertritt, wollte sich nicht zu den Gerüchten äußern. "Das ist bei uns grundsätzlich so. Wir kommentieren solche Anfragen generell nicht", sagte der zuständige Berater Maximilian Geis auf Nachfrage von SPOX und Goal.

Tuchel verlässt sich bei der Suche nach neuen Spielern auf Zusagen seiner Vorgesetzten. In einem Bericht der L'Equipe wird er wie folgt zitiert: "Antero Henrique (Sportdirektor, d. Red.) und der Präsident (Nasser al-Khelaifi, d. Red.) sagten mir, dass ich einen neuen Spieler im Mittelfeld bekommen würde. Ich habe aber Angst, dass niemand kommt, doch gleichzeitig habe ich Vertrauen. Ich weiß, dass das Transferfenster im Winter kompliziert ist. Wenn der Spieler bei uns ist, nur dann werde ich gut schlafen."

Meint er damit Weigl?

Julian Weigl als Ersatz für Adrien Rabiot?

Eines ist klar: Auch Paris St. Germain braucht Mentalitätsspieler. Gerade dann, wenn es in der Champions League in der K.o.-Runde gegen Topgegner geht. Dass Weigl von seinen spielerischen Fähigkeiten, seiner technischen Qualität, Übersicht und Passsicherheit im Mittelfeld eines spielkontrollierenden Topvereins die Fäden ziehen kann, hat er in Dortmund bewiesen. Ein Aggressivleader oder beinharter Zweikämpfer ist er aber nicht.

Neben der persönlichen Bindung zwischen Tuchel und Weigl könnte auch die Posse um Adrien Rabiot den Weg für einen Wechsel ebnen. Der französische Nationalspieler hatte öffentlich verkündet, den Verein verlassen zu wollen und eine vorzeitige Vertragsverlängerung abgelehnt. Unter anderem sollen Juventus Turin, der FC Chelsea und auch der FC Bayern interessiert sein. Die PSG-Bosse reagierten empört, verbannten ihn daraufhin aus dem Kader. Sogar ein Kabinenverbot soll verhangen worden sein.

Tuchel stritt mit Bossen

Tuchel war damit nicht "d'accord": "Ich habe immer eine gute Beziehung zu Adrien Rabiot gehabt. Ich bin offen für alles, sogar, ihn im Januar wieder in den Kader zu integrieren, wenn sein Verhältnis zu den Chefs normalisiert ist." Dem L'Equipe-Bericht zufolge gab es sogar einen Streit zwischen Tuchel und der PSG-Führung. Der Trainer fordert einen Neuzugang im Winter. Klappt das nicht, will er Rabiot zurückholen.

Noch bleibt den Franzosen Zeit zu handeln. Das Wintertransferfenster in Frankreich schließt am 31. Januar 2019 um 23.59 Uhr.

Auch Weigl wird an diesem Datum weitere Erkenntnisse über seine Zukunft unter Favre gesammelt haben.

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