Fussball

Havard Nordtveit im Interview: "Ich sehe sehr viel von Arsene Wenger in Julian Nagelsmann"

Von Robin Haack
Havard Nordtveit und Marco Reus spielten gemeinsam für Borussia Mönchengladbach.

Seinen größten Traum hat sich Havard Nordtveit bereits erfüllt: die Premier League. Nachdem er als Teenager aus Norwegen zum FC Arsenal gewechselt war, dort aber nie für die Profis debütieren durfte, feierte er im Alter von 26 Jahren doch noch seinen Einstand in Englands Eliteklasse - allerdings für West Ham United.

Im exklusiven Interview mit SPOX und Goal spricht der Innenverteidiger der TSG 1899 Hoffenheim, der am Freitagabend mit den Kraichgauern gegen den FC Bayern die Rückrunde der Bundesliga eröffnet (ab 20.30 Uhr im LIVETICKER) ausführlich über seine bewegte Laufbahn und geht dabei auch auf seine Zeit in England, Spanien und der Bundesliga ein.

Außerdem vergleicht er seinen aktuellen Trainer Julian Nagelsmann mit seinen Ex-Coaches Lucien Favre und Arsene Wegner, wobei er in den höchsten Tönen vom Fußballsachverstand des 31-Jährigen schwärmt.

SPOX: Herr Nordtveit, am Sonntag haben Sie bei Instagram ein Bild Ihres Landsmanns Ole Gunnar Solskjear gepostet und geschrieben, dass er Ihr Idol sei. Wie kommt es, dass ein Defensivspieler derart von einem ehemaligen Stürmer schwärmt?

Havard Nordtveit: Er ist mein Idol, seit ich sechs Jahre alt bin. Als er angefangen hat, bei Manchester United zu spielen, war ganz Skandinavien verrückt nach ihm. Da wir den gleichen Berater haben, kenne ich ihn auch persönlich und habe während meiner Karriere einige Ratschläge von ihm bekommen. Er ist ein sehr bodenständiger Mensch und hat eine außergewöhnliche Karriere als Spieler hinter sich. Als Trainer ist er gerade dabei, ähnliches zu schaffen. Jedes Mal, wenn ich in meinem Leben gefragt wurde, wer mein Idol ist, habe ich mit Ole Gunnar Solskjear geantwortet. Er ist ein außergewöhnlicher Mensch und Sportler.

SPOX: Als Trainer von Manchester United hat er seine ersten sechs Pflichtspiele gewonnen. Wie kommt das in Norwegen an?

Nordtveit: In jeder norwegischen Zeitung wird aktuell über Manchester United und Solskjear geschrieben. Ob man Fan von United ist oder nicht, nahezu jeder Norweger interessiert sich momentan dafür - gerade, da es jetzt so gut läuft. Natürlich wird er nicht jedes Spiel als Trainer der Red Devils gewinnen, aber im Moment steht er in Norwegen extrem im Fokus.

Havard Nordtveit: "Arsenal war beste Entscheidung meines Lebens"

SPOX: Wie intensiv verfolgen Sie die Premier League?

Nordtveit: Um ehrlich zu sein, schaue ich in meiner Freizeit nicht mehr regelmäßig Fußball. Wenn ich nach einem langen Tag nach Hause komme, kommuniziere ich lieber mit meiner Familie in Norwegen, als vor dem Fernseher zu sitzen. Trotzdem habe ich die Spiele von Manchester United geschaut, seit Ole Gunnar das Team übernommen hat. Natürlich interessiert mich auch, was bei meinen Ex-Klubs West Ham und Arsenal passiert, aber es ist nicht so, dass ich unbedingt jedes Spiel sehen muss. Die Premier League ist sehr unterhaltsam, aber meistens reicht es mir, am Tag nach den Spielen die Ergebnisse zu checken.

SPOX: War Solskjaer ein Grund, warum Sie die Premier League lieben gelernt haben?

Nordtveit: Jedes fußballbegeisterte Kind, das in Skandinavien aufwächst, wächst auch mit der Premier League auf und hält sie für die beste Liga der Welt. Man wird in diese Leidenschaft hineingeboren. Die Mannschaften haben Weltklasse-Spieler, das Tempo ist hoch und es geht hin und her. Auch alles, was in England rund um das Spiel passiert, hat mich immer fasziniert.

SPOX: Mit 17 haben Sie selbst den Sprung nach England gewagt. Wie groß war als Teenager die Umstellung, statt in Norwegen plötzlich in einer Fußballhauptstadt wie London zu leben?

Nordtveit: Ich kann nur sagen, dass der Wechsel zu Arsenal die beste Entscheidung meines Lebens war. Ich habe diesen Schritt keine Sekunde bereut. Natürlich ist es ein großer Schritt, vom FK Haugesund zu Arsenal zu wechseln, doch dort hatte ich die Möglichkeit, mit einigen der weltbesten Spieler zu trainieren. Ich habe zwar für die Reserve gespielt, aber mit den Profis trainiert und unfassbar viel gelernt. Als junger Spieler war es das Beste, was mir passieren konnte, auch wenn ich einige Monate gebraucht habe, um mich an das Tempo und die Intensität zu gewöhnen.

SPOX: Gibt es eine spezielle Geschichte, aus Ihrer Zeit bei den Gunners, die Sie nie vergessen werden?

Nordtveit: Als ich von Arsenal zum Kooperationsklub nach Salamanca in die zweite spanische Liga ausgeliehen wurde, hatte ich eine schwere Zeit. Geplant war, dass ich dort regelmäßig zum Einsatz komme, doch die Realität sah anders aus, weshalb Arsenal entschieden hat, mich schon nach drei Monaten zurückzuholen. Bei meinem ersten Training nach meiner Rückkehr hat Arsene Wenger mich gefragt, wie es mir gefallen hat und ich sagte: "Schlechte Erfahrungen sind gute Erfahrungen." Er lachte herzlich und nahm mich in den Arm. Diesen Moment werde ich niemals vergessen und ich glaube, auch er wird sich sofort an mich erinnern, wenn er diese Geschichte hört.

SPOX: Hatten Sie in Salamanca Angst, dass Ihr Traum von der großen Karriere platzen könnte?

Nordtveit: Nein, damals war ich noch sehr jung und wusste, dass es wichtig für mich ist, regelmäßig in Pflichtspielen auf dem Platz zu stehen. Für junge Spieler kommt es wirklich nur darauf an, zu spielen. Wenn man dann gut spielt und gewinnt, ist es gut, doch auch wenn man gut spielt und das eigene Team verliert, ist es okay. Natürlich war ich kurz enttäuscht, dass es in Spanien nicht geklappt hat. Kurz darauf wurde ich nach Norwegen und im Anschluss an den 1. FC Nürnberg in die Bundesliga verliehen. Als ich danach zurück nach London kam, war ich kurz davor, meinen Vertrag bei Arsenal zu verlängern. Letztlich hatte ich aber das Gefühl, dass die Bundesliga besser zu mir passt. Also habe ich bei Borussia Mönchengladbach unterschrieben und hatte dort eine super Zeit.

SPOX: Obwohl Sie bei Arsenal mit den Profis trainierten und dreimal im Kader der ersten Mannschaft standen, wurden Sie nie im Profiteam eingesetzt. Wie enttäuschend war es, so nah dran zu sein, aber nie die Chance zu bekommen?

Nordtveit: Ich glaube, es hätte sich für mich einiges geändert, wenn ich ein paar Minuten bei den Profis bekommen hätte. Das Ganze hätte für einen Teenager, der aus einem 1.000-Einwohner-Ort aus Norwegen kommt, noch einmal eine ganz andere Dimension angenommen. Ich habe viele Freundschaftsspiele mit den Profis absolviert und häufig war ich sehr nah dran, mein Debüt zu feiern. Speziell in einem Auswärtsspiel bei Sunderland am letzten Spieltag der Saison 2008.

Nordtveit: "Hätte mir vor Aufregung fast in die Hose gemacht"

SPOX: Was ist damals in Sunderland passiert?

Nordtveit: Philippe Senderos sollte in der Innenverteidigung beginnen, aber kam schon während des Aufwärmens zu mir und sagte, dass ich mich auf einen Einsatz vorbereiten soll, weil er Rückenschmerzen hatte. Als ich in diesem Spiel also mit 18 Jahren zum ersten Mal im Premier-League-Kader stand, habe ich mir vor Aufregung auf der Bank fast in die Hose gemacht. (lacht) Wir brauchten unbedingt einen Sieg, um die Champions League perfekt zu machen, was im Endeffekt auch geklappt hat. Am Ende des Tages war ich überglücklich, obwohl ich nicht zum Einsatz gekommen bin.

SPOX: Nach fünfeinhalb Jahren bei Mönchengladbach haben Sie es schließlich doch noch in die Premier League geschafft. Wie haben Sie Ihr erstes Ligaspiel für West Ham gegen Chelsea erlebt?

Nordtveit: Es war die Erfüllung eines Traums. Im Eröffnungsspiel mussten wir am ersten Spieltag gegen den amtierenden Meister ran. Unser damaliger Trainer Slaven Bilic sagte uns vor dem Spiel, das sei wie Hollywood, weil uns die ganze Welt zuschauen würde. Mehrere hundert Millionen haben diese Partie live im Fernsehen gesehen - natürlich hat man da etwas Bammel. Ich kann mich erinnern, dass es sehr schwer war, gegen diese starke Mannschaft zu bestehen, und am Ende haben wir trotz guter Leistung leider mit 1:2 verloren.

SPOX: Nach nur 16 Einsätzen in der Premier League haben Sie England wieder verlassen.

Nordtveit: Zusammen mit meiner Familie und meinem Berater sind wir zu dem Schluss gekommen, dass ich besser in die Bundesliga passe als nach England. Es heißt häufig, dass ich West Ham verlassen musste, aber ich selbst habe die Verantwortlichen gefragt, ob ich zurück nach Deutschland wechseln darf. West Ham ist auch in dieser Hinsicht ein großartiger Verein und hat mir die Chance gewährt, nach Hoffenheim zu wechseln.

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