Fussball

Andreas Hinkel im Interview über den VfB Stuttgart: "Der Abstieg war ja kein Zufall"

Andreas Hinkel war in dieser Saison zwei Tage "Interimstrainer" beim VfB Stuttgart.
© getty

Mitten in seiner Praktikumsphase war Andreas Hinkel nach der Entlassung von Tayfun Korkut beim VfB Stuttgart plötzlich ein paar Tage "Interimstrainer", ehe sich der 36-Jährige wieder seiner Ausbildung zum Fußball-Lehrer widmen konnte. Aber auch unter Markus Weinzierl ist Hinkel Teil des erweiterten Trainerstabs.

SPOX-Chefreporter Florian Regelmann traf sich mit Hinkel, um ausführlich über die Situation des VfB zu sprechen. Außerdem gibt Hinkel einen Insider-Einblick in die Zeit der Fußball-Lehrer-Ausbildung und erklärt, warum er sich noch gar nicht sicher ist, ob er einmal Bundesliga-Trainer werden will.

SPOX/Goal: Andy, jetzt stehen wir hier mit unseren 2. Klasse-Tickets in der 1. Klasse im überfüllten Zug zurück aus Köln, weil Sie aktuell in Bad Honnef den Fußball-Lehrer machen. Wie anstrengend muss ich mir die Ausbildung vorstellen?

Andreas Hinkel: (lacht) Zum Glück muss ich nicht immer stehen, wenn ich zwischen Stuttgart und Köln pendle. Der Lehrgang ist sicher nicht ohne, du wirst von morgens bis abends gefordert, aber mich persönlich erschlägt es jetzt nicht. Ich habe ja vorher schon ganz normal gearbeitet und war dementsprechend gut auf die Belastung vorbereitet. Aber es ist schon intensiv. Für jemanden wie Daniel Bierofka, der auch im Lehrgang ist und gleichzeitig die Löwen in der 3. Liga trainiert, ist es sicher noch mal anspruchsvoller. Da ziehe ich den Hut vor.

SPOX/Goal: Sie sprechen den Stoff an, der ja sehr vielschichtig ist. Zum Beispiel gibt es auch ein Rhetorik-Seminar, was haben Sie da gelernt?

Hinkel: Wir haben viele Rollenspiele gemacht. Es wird nachgestellt, wie es ist, wenn man seine erste Pressekonferenz bei einem neuen Klub hat. Es werden Situationen simuliert, wenn man von einem Spieler aggressiv angegangen wird und welche Techniken es gibt, um den Konflikt zu lösen. Natürlich werden auch Interviews geübt, wir hatten Besuch von Experten aus dem TV-Bereich, auch Social Media war ein großes Thema. Auch wenn ich als Spieler schon viele Erfahrungen gesammelt habe und es natürlich gestellt ist, war es eine interessante Erfahrung.

SPOX/Goal: Ein weiterer Exkurs hat Sie zur U19-EM nach Finnland geführt.

Hinkel: Dort hieß das Thema Scouting. Wir hatten die Aufgabe, ein Team von A bis Z unter die Lupe zu nehmen. Wir haben sogar selbst die Kamera gehalten und gefilmt, wir haben die Szenen selbst zusammengeschnitten und eine Analyse vorbereitet. Von einer anderen Gruppe wurden wir dann beurteilt. Eine der besten Sachen am Lehrgang ist das Feedback, das man bekommt. Diese Fremdreflexion kriegst du in deinem Leben in der Form nie mehr. Es ist zwar auch ein gewisser positiver Druck vorhanden, aber vor allem macht es Spaß, die Erkenntnisse aufzubereiten und zu präsentieren.

Andreas Hinkel: "Roberto Martinez hat mich sehr beeindruckt"

SPOX/Goal: Zuletzt folgte ein Besuch bei der UEFA in Nyon, Anlass war ein Student Exchange Programme. Was war daran besonders interessant?

Hinkel: Abgesehen vom Austausch mit angehenden Fußballlehrern aus anderen Nationen und den Praxiserfahrungen, wir haben zum Beispiel die Offensive von Inter im Spiel gegen Barca analysiert, waren vor allem die Gastredner spannend. Roberto Martinez, Thomas Schaaf und Howard Wilkinson, der englische Meistertrainer (von Leeds United 1992, Anm. der Redaktion), haben Vorträge gehalten und sehr interessante Geschichten erzählt. Vor allem Martinez hat mich sehr beeindruckt. Er hat über seine Zeit mit der belgischen Nationalmannschaft, aber auch in der Premier League berichtet. Seine Klarheit, mit der er auch alle Fragen beantwortet hat, war faszinierend. Und du bekommst auch vermittelt, dass es nicht immer nur einen Weg zum Ziel gibt. Eine Episode: Martinez und Schaaf haben beide erklärt, wie sie mit einem Spieler umgegangen sind, der zu spät zum Training gekommen ist. Einmal hat der Spieler als Bestrafung nicht gespielt. Einmal wurde er in die Verantwortung genommen. Nach dem Motto: Du darfst spielen, aber wenn wir verlieren, bist du schuld. Beide Varianten haben funktioniert.

SPOX/Goal: Praktikumsphasen sind auch Teil des Lehrgangs. Normalerweise übernimmt der Praktikant aber nicht plötzlich den Trainerposten, so wie es bei Ihnen der Fall war, als sich der VfB Stuttgart von Tayfun Korkut trennte.

Hinkel: Das waren ein paar interessante Tage. Im Endeffekt war die Absprache mit Michael Reschke so klar, dass ich sehr genau wusste, dass die Chance extrem gering ist, im Spiel gegen Dortmund auf der Bank zu sitzen. Ich habe mir auch überhaupt keine Gedanken gemacht, was passieren könnte, wenn es doch passiert und wir vielleicht sogar gewinnen. Den Fußball-Lehrer hätte ich so oder so machen müssen, wenn ich langfristig auf dem Niveau als Trainer arbeiten will. Aber trotzdem bin ich die Situation so angegangen und habe alles so geplant, als würde ich das Spiel gegen den BVB machen. Für mich war entscheidend, einen professionellen Job zu erledigen, auch wenn es nur zwei Trainingseinheiten sein sollten.

Andreas Hinkel über lehrreiche Jahre im Kinderfußball

SPOX/Goal: Sie haben sich in den vergangenen Jahren ins Trainergeschäft reingearbeitet, jetzt folgt zum Abschluss der Fußball-Lehrer. Ist also klar, dass Sie zukünftig als Trainer arbeiten wollen?

Hinkel: Nein, das ist wahrscheinlich - aber nicht klar.

SPOX/Goal: Warum nicht?

Hinkel: Ich will mir nach wie vor alles offenhalten. Es ist ein langer Prozess, bis du vom ersten Trainerschein am Ende beim Fußball-Lehrer angelangt bist. Ich wollte es langsam angehen, weil ich es für den gesünderen Weg halte. Mir war aber auch immer klar, dass ich es durchziehe, wenn ich es einmal angefangen habe. Ich habe auch versucht, mich möglichst breit aufzustellen, indem ich von der U12 an eigentlich alle Altersklassen durchgemacht habe. Sollte ich mich doch für die Management-Schiene entscheiden, halte ich es für sinnvoll, alle Trainerscheine als Background zu haben und Vereine von der Pike auf zu kennen. Der Trainerberuf macht mir extrem viel Spaß, egal ob im Jugendbereich oder bei den Profis, aber ich will mich einfach noch nicht darauf festlegen.

SPOX/Goal: Sie haben Ihre Erfahrungen im Kinderfußball erwähnt, was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Hinkel: Sehr viel. Es waren lehrreiche Jahre. Ich weiß jetzt, welche Ängste und Sorgen es in diesem Bereich gibt, was Eltern bewegt. Bei der U17 des VfB war ich Co-Trainer von Domenico Tedesco, er hat noch einen viel größeren Hintergrund im Kinderfußball als ich und weiß seine Erfahrungen dort auch sehr zu schätzen.

Andreas Hinkel: Seine Trainerstationen

VereinJahrMannschaft
VfB Stuttgart2013/2014U12
VfB Stuttgart2013/2014U16 (Co-Trainer)
VfB Stuttgart2014/2015U17 (Co-Trainer)
VfB Stuttgart2016VfB II (Co-Trainer)
VfB Stuttgart2017/2018VfB II

SPOX/Goal: Wenn man sich den Weg anschaut, den Tedesco genommen hat. Dient er nicht auch als Inspiration für Sie?

Hinkel: Ich habe Domenico damals als Trainertalent bezeichnet, über dieses Stadium ist er inzwischen weit hinaus. (lacht) Ich finde es überragend, welchen Weg er gegangen ist. Es freut mich unglaublich für ihn. Vor allem deshalb, weil er jetzt als Trainer unter anderem auch den Traum leben kann, den er als Spieler nicht leben konnte. Bei mir ist es anders. Ich habe den Traum als Spieler gelebt, ich bin in die Arenen eingelaufen. Wenn ich jetzt eine Trainerkarriere einschlagen sollte, war mein Weg deshalb ein anderer als der von Domenico.

SPOX/Goal: Wie sehr spielt es bei Ihren Überlegungen eine Rolle, dass Sie schon immer eine gewisse Distanz zum Fußballgeschäft hatten?

Hinkel: Es spielt mit Sicherheit eine Rolle. Ich habe mich schon immer in zwei Welten bewegt. Neben der Fußballwelt habe ich immer auch viel Wert auf mein privates Umfeld gelegt, in dem ich mich ganz normal bewegen kann. Ich war nie ganz in der Blase Fußball drin.

Andreas Hinkel über die Eventisierung im Fußball

SPOX/Goal: Wenn Sie von außen aufs Fußballgeschäft schauen, was sehen Sie?

Hinkel: Ich finde, dass schon eine sehr große Eventisierung stattgefunden hat. Ich merke das auch bei Bundesligaspielen im Stadion. Ein Beispiel: Wenn heutzutage ein Spieler ausgewechselt wird, erhält er praktisch standardisiert Standing Ovations, fast schon unabhängig von seiner Leistung. Oder wenn ich mir anschaue, wie viel näher die Fans früher an uns dran waren. Wir sind vor und nach dem Training mitten durch die Fans gelaufen, das war völlig normal. So was wie nicht-öffentliches Training gab es nicht.

SPOX/Goal: Wenn Sie eines Tages als Trainer in der Bundesliga arbeiten sollten, wie soll eine Mannschaft, die von Ihnen trainiert wird, spielen? Was wäre Ihnen wichtig?

Hinkel: Mir wäre vor allem wichtig, dass viel von Sevilla erkennbar ist. (lacht) Meine Sevilla-Zeit hat mich diesbezüglich am meisten geprägt. Wir hatten damals eine Mannschaft, die unglaublich flexibel war. Wir konnten ein Spiel mit Ballbesitz dominieren, gleichzeitig konnten wir aber auch auf Konter spielen. Unberechenbarkeit und Flexibilität wären für mich die wichtigsten Eigenschaften. Allerdings kommt es auch immer darauf an, welche Mannschaft ich zur Verfügung habe. Ich vergleiche es gerne mit einem Satz Karten. Wenn ich nur zwei Asse habe und eben keine elf, dann muss ich aus diesem Satz Karten das Beste herausholen.

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