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VfB Stuttgart im Abstiegskampf angekommen: Konstanz gibt es nur am Bodensee

Die vergangene Rückrunde wies den VfB Stuttgart als zweitbestes Bundesligateam aus. Im Sommer wurde der Kader teuer und prominent verstärkt, doch entgegen der Prognose von Sportvorstand Michael Reschke stecken die Schwaben nun tief im Abstiegskampf. Das permanente Auf und Ab am Neckar ist chronisch.

Günther Schäfer ist beim VfB Stuttgart Legende und Urgestein in einem. Doch er ist auch der aktuelle Teammanager und in dieser Funktion konnte er einem schon etwas leidtun, als er am Samstagabend nach der Halbzeitansprache in Hoffenheim vor dem Sky-Mikrofon stand und darauf hoffte, dass der VfB nach dem Platzverweis gegen Emiliano Insua ja womöglich eine Jetzt-erst-Recht-Mentalität im zweiten Abschnitt an den Tag legen würde.

15 Minuten später lagen die Schwaben 0:4 zurück und ließen ihr Schicksal über sich ergehen. Es trat das ein, was man beim Amtsantritt des neuen Trainers Markus Weinzierl vielleicht vage befürchtet hatte, aber in derart desaströser Form nicht auf sich zukommen sah - zwei krachende Klatschen gegen den BVB und die TSG.

"Es geht nur noch darum, die Klasse zu halten", rief Reschke anschließend offiziell den Abstiegskampf aus. Dies ist auch alternativlos, denn die Signale, die das Stuttgarter Team in dieser Saison sendet, sind längst alarmierend.

VfB Stuttgart im Abstiegskampf angekommen

Der VfB hat nun den schlechtesten Bundesliga-Start der Vereinsgeschichte hingelegt, in sieben von zehn Pflichtspielen nicht getroffen und ein Torverhältnis von minus 15 beisammen. Es wird in naher Zukunft sehr entscheidend sein, inwiefern diese harten Fakten auch in die Köpfe der Spieler einsickern.

"Langsam sollte auch der Letzte realisiert haben, dass wir erstmal voll gegen den Abstieg kämpfen. Wir müssen jetzt alle aufwachen", warnte Torhüter Ron-Robert Zieler und in seinem Statement schwang ein wenig die Befürchtung mit, dass die dramatische Situation vielleicht noch nicht bei jedem angekommen ist.

Sie kommt ja auch für alle überraschend. Selbst die traditionell kritischen Anhänger rechneten nach der starken Rückrunde unter Tayfun Korkut nicht mit einem solchen Absturz. Befeuert wurde dies bereits in der Sommerpause, als man nicht nur Korkuts Vertrag ohne größere Not verlängerte, sondern sich in Person von Reschke auch noch festlegte, man werde diesmal nichts mit dem Abstiegskampf zu tun haben. Knapp 40 Millionen Euro investierte man in den Kader, so viel wie noch nie zuvor.

Reschkes Saisonprognose erweist sich als falsch

Und dennoch findet man in Stuttgart wieder eine Situation vor, wie sie sich in den vergangenen Jahren schon häufig darstellte. Man spielt wahlweise eine gute Hin- oder Rückrunde (diesmal: Rückrunde), verlängert mit dem Trainer, gerät in einen Negativstrudel (diesmal: Hinrunde), setzt den Coach vor die Tür und muss die Scherben zusammenkehren.

Nichts wünscht man sich am Neckar daher mehr als Konstanz, doch das gibt es in Baden-Württemberg offenbar nur am Bodensee. Versinnbildlicht wird dies durch den Fakt, dass am Wochenende das achte VfB-Spiel gegen Hoffenheim stattfand und bei den Schwaben acht Mal in Folge ein anderer Trainer auf der Bank saß, wenn es gegen die Kraichgauer ging.

Doch nicht nur Reschkes Saisonprognose erwies sich als falsch. "Ziel des VfB ist es, erst die Klasse zu halten, sich dann zu etablieren und im vierten Jahr das obere Drittel zu erreichen", sagte Präsident Wolfgang Dietrich im Sommer 2017 nach der erfolgreichen Ausgliederung der Profisparte in eine Aktiengesellschaft.

VfB-Trainer seit der Meisterschaft 2007

NameAmtsantrittAmtsende
Markus Babbel21.11.200806.12.2009
Christian Gross07.12.200913.10.2010
Jens Keller14.10.201011.12.2010
Bruno Labbadia12.12.201025.08.2013
Thomas Schneider26.08.201309.03.2014
Huub Stevens09.03.201430.06.2014
Armin Veh01.07.201423.11.2014
Huub Stevens25.11.201430.06.2015
Alexander Zorniger01.07.201523.11.2015
Jürgen Kramny24.11.201530.06.2016
Jos Luhukay01.07.201615.09.2016
Olaf Janßen15.09.201620.09.2016
Hannes Wolf21.09.201628.01.2018
Tayfun Korkut29.01.201806.10.2018
Andreas Hinkel07.10.201808.10.2018
Markus Weinzierl09.10.2018?

Jürgen Klinsmann positioniert sich - für den VfB?

Es war zwar nachvollziehbar, dass Dietrich in jenem Moment eine Zukunftsperspektive verkaufen musste. Seine Vision von Europa kam dennoch reichlich forsch und nicht gerade demütig für einen Verein daher, der ein Jahr zuvor noch kläglich aus der Bundesliga abstieg. Und sie belegte ein weiteres Mal, wie sehr in Stuttgart Realität und Wunschvorstellung auseinanderklaffen.

Dies ist kein Phänomen der jüngeren Vergangenheit, sondern reicht problemlos bis ins letzte Jahrzehnt zurück. Seit der Meisterschaft und dem Fast-Double 2007 wechseln beim VfB Trainer, Manager, Präsidenten und Spieler in unermüdlichem Tempo, während parallel dazu die sportliche Leistungskurve gelinde gesagt wellenförmiger kaum sein könnte.

Nun sind Dietrich und Reschke die starken Männer und gleichsam mit einer Machtfülle ausgestattet wie kaum einer ihrer Vorgänger. Was dieser Konstellation abgeht, ist eine Art Korrektiv, das idealerweise mit großer sportlicher Kernkompetenz ausgestattet ist.

Nachwuchschef Thomas Hitzlsperger wäre ein möglicher Kandidat, doch der Ex-Profi scheint noch nicht bereit zu sein, sich in die erste Reihe zu stellen.

Wohl nicht ohne Grund hat sich in den letzten Tagen auch Jürgen Klinsmann positioniert ("Ich kann mir eine Arbeit als Trainer vorstellen, aber auch eine Tätigkeit als Sportchef, der in einem Verein oder einem Verband strategisch arbeitet und das größere Bild zeichnet") und nachdem was man so hört, könne er sich einen Job in seiner alten Heimat sehr gut vorstellen. Dass der ehemalige Bundestrainer jedoch mit dem als stur geltenden Reschke in ein Boot steigt, gilt als unwahrscheinlich.

Druck auf Stuttgarts Bosse Reschke und Dietrich ist immens

Dietrichs Ruf wiederum ist der eines knallharten Entscheiders. Wenngleich er Reschke in den letzten Tagen demonstrativ den Rücken stärkte, würde er auch nicht lange zögern, sollte er eines Tages von seinem Sportvorstand nicht mehr überzeugt sein. Ihn hat dazu längst dasselbe Schicksal wie viele seiner Vorgänger ereilt: Ganz gleich, wie unterschiedlich sich die VfB-Präsidenten in der Öffentlichkeit bewegten, sie wurden immer kontrovers diskutiert und standen beim Anhang in der Kritik.

Es sind chronische Krankheiten, die den VfB seit einiger Zeit begleiten und aufgrund des ständigen Personalaustauschs Kontinuität verhindern. Der Druck auf Reschke und Dietrich ist nun immens, Weinzierl könnte für den Manager bereits die letzte Patrone sein. Die momentane Situation ist eindeutig, aber auch trügerisch, da sie unerwartet über den Verein hereinbrach und nun hastig nachjustiert werden muss.

Und dies, das hat die Bundesligahistorie dutzende Male gezeigt, wird auch für den VfB Stuttgart gefährlich sein. Womöglich sogar gefährlicher, als wenn man sich gleich das Ziel Klassenerhalt gesteckt hätte.

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