Fussball

Javairo Dilrosun bei Hertha BSC: Das Wunderkind aus dem Käfig

Von Maximilian Schmeckel
Javairo Dilrosun ist der Shootingstar von Hertha BSC
© getty

Javairo Dilrosun mischt im Moment mit Hertha BSC die Bundesliga auf. Der Niederländer reifte in einem Problemviertel Amsterdams zum gejagten Talent. Patrick Vieira lockte den Teenager einst zu Manchester City, wo er aber unter Pep Guardiola scheiterte. Bei der Hertha blüht Dilrosun aber auf. Um 18.30 Uhr (im LIVETICKER) ist die Alte Dame bei Werder Bremen zu Gast.

Und plötzlich war wieder alles wie damals auf den Straßen Amsterdams. Javairo Dilrosun nahm an der rechten Eckfahne einen Flugball mit dem linken Außenrist an, sah aus dem Augenwinkel den zu spät verschiebenden DFB-Verteidiger David Raum nahen. Zwei weitere kurze Ballkontakte mit links und schließlich ein formvollendeter Tunnel durch die Beine des Fürthers. Nur vier Sekunden von der Annahme bis zum Gewinn des Zweikampfs. Panna sagen sie dazu auf der Straße. Maximale Demütigung für den Gegenspieler, nur möglich mit maximalem Instinkt des Ausführenden.

Das Kabinettstück gegen den bemitleidenswerten Raum war ein Puzzleteil der Javaiiro-Dilrosun-Show an jenem 3. Juli 2017 im georgischen David Petriashvili Stadium. Zur Halbzeit hatte die deutsche Mannschaft im Gruppenspiel bei der U19-EM gegen die Niederlande noch mit 1:0 geführt.

Dann legte Dilrosun los, bereitete das erste Tor mit einer passgenauen Flanke vor, das 3:1 mit einem Traumpass auf engstem Raum. Es folgte der Panna, ehe der damals 19-jährige Linksaußen das 4:1 durch Jay-Roy Grot traumhaft per Hacke vorbereitete. "Er war unglaublich", schwärmte Trainer Maarten Stekelenburg nach der Partie, und die bei solchen Turnieren traditionell vielfach vertretenen Scouts notierten eifrig, was sie gesehen hatten.

Dilrosun: Straßenfußballer in Amsterdamer Problemviertel

Gut ein Jahr später wirbelt Dilrosun erneut. Dieses Mal nicht im orangenen Trikot der Elftal, sondern im blau-weißen von Hertha BSC. In drei Spielen traf er einmal und bereitete drei Tore vor. Sein Antritt, seine Tricks, sein Zug zum Tor und seine Spielfreude lassen die Liga staunen. Dabei schien es nur wenige Monate zuvor noch, als habe er sich in eine Sackgasse manövriert, der Traum vom Profifußball drohte zu platzen. Und das, obwohl Dilrosun lange zu den größten Talenten Europas zählte.

Geboren wurde Dilrosun 1998 als Sohn surinamischer Einwanderer in Amsterdam. Seine Kindheit war geprägt von Entbehrungen, das Viertel unweit des Zentrums der Hauptstadt bekannt für Drogenhandel. "Das ist eine eher raue Gegend, aber rückblickend war das gut für mich", erinnert sich Dilrosun im Interview mit der Hamburger Morgenpost.

Für den kleinen Javairo gab es immer nur den Fußball. "Ich habe als Kind und Jugendlicher sehr viel auf der Straße gekickt - mit allen möglichen Leuten, oft auch gegen Ältere", sagt er. "Das war eine gute Schule, dabei habe ich gelernt, keine Angst zu haben. Die Art, wie ich spiele, ist ganz natürlich für mich. Man kickt einfach auf einem der öffentlichen Spielfelder, fünf gegen fünf, wer zuerst zehn Tore hat, bleibt. Ganz simpel, aber alles auf Beton. Das härtet ab. Und man merkt schnell, was Siegermentalität bedeutet."

Dilrosun: Tricks wie Ronaldo

Von seinen Cousins lernt er, was es heißt, sich durchzusetzen - und Tricks, mit denen Ronaldo Fußballeuropa begeistert. Der Brasilianer hatte es aus der Eredivisie, von PSV, zu Barca, Inter und Real geschafft, auf die ganz große und von grellen Scheinwerfern beleuchtete Fußballbühne. "Ich wollte immer wie der brasilianische Ronaldo spielen", sagt er und eifert sonst den großen Jungs nach, denen, die auf dem Amsterdamer Beton im Käfig das Sagen haben - weil sie besser mit dem Ball umgehen können als die anderen: "Einige meiner Cousins haben mit Straßenfußball sogar ein bisschen Geld verdient. Die kannten die verrücktesten Tricks und haben mir schon früh viel beigebracht. Durch sie war ich relativ schnell auf einem hohen Level."

Auf einem so hohen Level, dass er bereits mit acht Jahren zu Ajax wechselt, dort schnell als größtes Talent seines Jahrgangs gilt. Er bringt das Mutige, das Überraschende von der Straße mit, lernt in den legendären Hallen der Jugendakademie "De Toekomst", wie er seine Eleganz und seinen Antritt taktisch optimal einsetzt und verfeinert. Abends geht es dann mit seinen Freunden weiter. Dort feilt er weiter am Ronaldo-Übersteiger, an seinen Haken auf engstem Raum: "Gespielt habe ich im Grunde jeden Tag, selbst, wenn ich vorher schon Training in der Ajax-Akademie hatte."

Patrick Vieira fliegt persönlich für Dilrosun ein

Dilrosun durchläuft sämtliche U-Teams der Niederlande. Als er 13 ist, stehen die Interessenten Schlange. PSV verspricht, ihm mehr Freiheiten zu geben, als er sie bei Ajax hat, Klubs aus dem Ausland fliegen für das Wunderkind ein. Manchester City schickt sogar einen ehemaligen Weltstar.

Im Frühjahr 2014 trifft Dilrosun sich mit Patrick Vieira, dem einstmals großen Anführer von Wengers Invincibles, jenem Arsenal-Team, das 2004 ohne Niederlage englischer Meister wurde. Vieira arbeitet mittlerweile als Trainer der U21 für die Skyblues - und will den jungen Holländer unbedingt. Dilrosun ist schwer beeindruckt von der Hartnäckigkeit ManCitys.

"Vieira sagte mir, er würde mich zu einem besseren Fußballer machen", sagte er dem Magazin Elf Voetbal. Dilrosun sagt zu und wechselt mit 16 Jahren auf die Insel, City zahlt stolze 200.000 Euro für ihn. "Meine Mutter war geschockt", erinnert er sich, "aber zum Glück habe ich auf mein Gefühl gehört." Ein Gefühl, das auch vom fehlenden Kampf vonseiten Ajax' gestärkt wurde: "Ich dachte, man würde mir ein Angebot machen, aber von Ajax kam nichts. Andere Klubs wollten mich unbedingt, neben Manchester City PSG und Chelsea."

Dilrosun: Bei Manchester City nur einer von vielen

In der U19 der Citizens ist er einer von vielen, die Profimannschaft, damals von Weltstars wie Kun Agüero, Yaya Toure oder David Silva angeführt, ist unerreichbar weit weg. Im hochmodernen Trainings-Komplex der ambitionierten Engländer gibt es viele wie ihn: Hochtalentierte, die aus dem Ausland geholt worden waren, um vielleicht eines Tages zu Weltstars zu reifen. Da gibt es Angelino, ein Jahr zuvor für 4,5 Millionen Euro aus der Depor-Jugend geholt, Jose Pozo, drei Jahre zuvor für 2,8 Millionen von Real Madrid gekommen. City investiert für Teenager bisweilen mehr als so mancher Bundesligist für Profikader-Neuzugänge.

"Privat bin ich ein ziemlich ruhiger, zurückhaltender Typ", sagt Dilrosun. In Manchester tut er sich auch deshalb schwer, obwohl seine Familie mit ihm gekommen ist. "Im Winter habe ich das Haus im Dunkeln verlassen und bin im Dunkeln zurückgekommen." Ist er mal nicht auf dem Trainingsplatz, kann er sich nur beim FIFA-Zocken entspannen: "Ich denke nicht, dass mich irgendjemand bei FIFA schlagen kann."

Es habe immer nur Optimierung gegeben, immer nur Training. Obwohl das seinen fußballerischen Fähigkeiten guttut, sind andere weiter. Er darf zwar ab und an bei den Profis mittrainieren, lernt dort unter anderem von den deutschen Nationalspielern Leroy Sane und Ilkay Gündogan, von denen er sich "viel abschaut", sieht aber gerade bei den Einheiten mit den Stars, wie hoch das Niveau ist. "Pep ist ein fantastischer Coach, ich habe eine Menge von ihm gelernt", sagt er zwar, für einen Einsatz bei den Profis reicht es aber nie.

Dilrosun: Hertha BSC statt BVB

In seinen ersten beiden Jahren ist er selbst in der U19 oder U21 oft nur Ersatz, Vieira vertraut Spielern wie Thierry Ambrose, Brandon Barker und natürlich allen voran Brahim Diaz. Der Spanier, 2013 für 350.000 vom FC Malaga gekommen, gilt bis heute als eines der größten Talente des Vereins, debütierte im vergangenen Jahr unter Pep Guardiola in der Premier League.

Dilrosun dagegen ist davon weit entfernt. Er spielt zwar in der U21 bald regelmäßiger, zeigt teilweise starke Leistungen, es bei City zu schaffen, ist aber unmöglich. Er wird wechseln, das ist im Sommer 2017 bereits klar. Nach seiner starken U19-EM, bei der im Halbfinale gegen Portugal Schluss ist, hat er bereits viele Angebote, will sich aber noch ein Jahr entwickeln und in Ruhe nach einem neuen Arbeitgeber umsehen.

Am Ende entscheidet er sich für Hertha BSC und die Bundesliga. Zentral beim Wechsel ist die Aussicht auf Spielzeit in einer europäischen Top-Liga: "Darum bin ich hier, deshalb bin ich nicht nach Dortmund oder Lissabon gewechselt. Ich hatte sehr gute Gespräche mit Michael Preetz und Pal Dardai. Beide haben mir versichert, dass ich Spielzeit bekommen würde, und das ist für mich nun mal das Wichtigste im Moment." Dilrosun weiß, wie sich Ousmane Dembele, Sane oder Mario Götze in jungen Jahren in Deutschland entwickelt haben. Und er weiß, was er kann.

Dilrosun: Selbst Pal Dardai schwärmt

Beim Auftakt der Berliner auf Schalke verletzt sich nach wenigen Minuten Landsmann und Kumpel Karim Rekik. Dilrosun kommt ins Spiel und wirft alles in sein Bundesliga-Debüt, was er zu bieten hat: das Tempo, den Mut, die Geschmeidigkeit. Den Führungstreffer durch Duda bereitet er stark vor - und ist plötzlich in aller Munde. Gegen Wolfsburg legt er seinen ersten Bundesligatreffer nach, gegen Gladbach zwei Vorlagen - und ist damit bester Vorbereiter der Liga.

"Er kann Sachen, die bei uns sonst keiner kann. Er hat unglaublich viele Tricks drauf, macht überraschende Drehungen und ist verdammt schnell", schwärmt der sonst nicht gerade für überschwängliches Lob bekannte Pal Dardai. "Das Team wird ihm helfen und für ihn da sein. In zwei bis drei Jahren kann er ein Top-Spieler für Hertha werden", schließt sich Salomon Kalou, von dem Dilrosun nach eigener Aussage "einfach alles" lernt, an.

Der Ivorer könnte, das ist schon jetzt klar, grob daneben liegen: Denn Javairo Dilrosun muss zwar noch eine Menge lernen, ist aber ein Spieler, der mit wenigen Aktionen Spiele entscheiden kann - und das schon jetzt und nicht erst 2021. Und der diesen ganz besonderen Instinkt mitbringt. Den Instinkt des Straßenfußballers, der immer wieder für diese Magie sorgt wie an jenem Julitag, 2600 Kilometer von Berlin entfernt.

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