Sebastian Rudy wechselt vom FC Bayern zu Schalke 04: Die eierlegende Wollmilchsau

Von Jonas Rütten
Montag, 27.08.2018 | 23:17 Uhr
Sebastian Rudy soll beim FC Schalke 04 für neue Stabilität im Mittelfeld sorgen.
© getty

Nach nur einem Jahr kehrt Sebastian Rudy dem FC Bayern den Rücken und wechselt zum FC Schalke 04. Nach Omar Mascarell und Suat Serdar greifen die Königsblauen erneut für einen zentralen Mittelfeldspieler tief in die Tasche. Eine Tatsache, die Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Rudy-Verpflichtung sät. Der Wechsel ist allerdings eine Ideallösung für alle Beteiligten.

"Lassen Sie sich überraschen." Für einen Spieler, der von sich selbst behauptet, dass er Dinge auf dem Platz klar anspreche, wenn ihm etwas auffalle, gab sich Sebastian Rudy in den vergangenen Tagen bezüglich seiner Zukunft geheimnisvoll.

"Grob weiß ich, wohin es gehen wird", sagte Rudy. Dabei war zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon absehbar, dass ihn sein Weg nach Gelsenkirchen und ins königsblaue Trikot führen wird - und nicht wie zwischendurch schon als fix vermeldet zu RB Leipzig. Als "logischen Schritt von ihm" bezeichnete Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge den Wechsel des 28-Jährigen.

Sebastian Rudy schon im Mai beim FC Schalke 04 auf dem Zettel

Gleiches gilt auch für den FC Schalke 04, der den Nationalspieler zu seinem Königstransfer des Sommers machte, obwohl die Knappen schon zuvor mit Mascarell (10 Millionen Euro) und Serdar (11 Millionen Euro) kräftig in das zentrale Mittelfeld investiert hatten. Angesichts der Schalker Transferpolitik stellt sich für nicht Wenige die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Geschäfts aus Schalker Sicht.

"Wenn Schalke 04 der Meinung ist, sich auf einer entsprechenden Position verstärken zu können - unabhängig davon, ob sie besetzt oder weniger besetzt ist - dann müssen wir es machen, wenn es machbar ist", hatte Schalke-Trainer Domenico Tedesco jedoch bereits vor einigen Tagen erklärt und somit nicht nur mit dem Zaunpfahl, sondern gleich mit dem ganzen Zaun gewunken.

Bereits im vergangenen Mai hatte sich der FC Schalke 04 in Person von Sportvorstand Christian Heidel bei Bayerns Sportdirektor Hasan Salihamidzic bezüglich Rudy erkundigt. Damals wäre jedoch nur ein Leihgeschäft aus Schalker Sicht realisierbar gewesen. Ein sowohl für den FC Bayern als auch für den Spieler unbefriedigendes Angebot.

Sebastian Rudy nach seinem Wechsel zum FC Bayern: Grenzgänger

"Ich bin nicht hierhergekommen, um schon nach einem Jahr wieder zu gehen", sagte Rudy noch im März, obwohl sich seine Situation beim deutschen Rekordmeister im Vergleich zum Sommer da schon erheblich verschlechtert hatte.

Anders als unter Carlo Ancelotti, der Rudy in vier der ersten sechs Bundesligaspielen von Beginn an brachte, kam Rudy nach der Rückkehr von Jupp Heynckes nur noch in vergleichsweise "unwichtigen" Spielen zum Zuge. Die K.o.-Phase der Champions League beobachtete er ebenso von der Bank aus wie das Halbfinale und das Finale des DFB-Pokals.

Heynckes gab Javi Martinez und Arturo Vidal den Vorzug vor Rudy. Dem Nationalspieler attestierte er, ein "feiner, eleganter Fußballer mit einem guten Auge" zu sein, dem aber "das robuste Element" etwas fehle.

"Bank oder Tribüne sind nicht mein Anspruch", hatte der Nationalspieler angesichts seiner Reservistenrolle klargestellt. Sein Vorhaben, durch einen Wechsel zum Rekordmeister im Sommer 2017 seine "Grenzen auszuloten", schien spätestens unter dem neuen Trainer Niko Kovac erfüllt - und das im negativen Sinne.

"Sollte Sebastian gehen, hat der Kader eine gute Größe", sagte Kovac vor knapp zwei Wochen und berief Rudy in den ersten beiden Pflichtspielen noch nicht mal in den Kader. Die Grenzen im üppig besetzten Mittelfeld des Rekordmeisters zeigte Kovac Rudy in kürzester Zeit schonungslos auf.

Rudys Leistungsdaten beim FC Bayern in der Saison 2017/18

WettbewerbSpieleToreTorvorlagen
Bundesliga2514
Champions League500
DFB-Pokal401

Rudy bei der WM: Die besten 30 Minuten des taumelnden Weltmeisters

Dabei hatte Rudy erst kürzlich bei der Weltmeisterschaft 2018 gezeigt, dass er einer topbesetzten aber strauchelnden Mannschaft zu dringend benötigter Stabilität verhelfen kann. Als er überraschend im zweiten Gruppenspiel gegen Schweden in der Startelf stand, war die Empörungswelle über eine erneut diskutable Entscheidung von Bundestrainer Joachim Löw groß.

Nach dem Vorrunden-Aus sprachen aber nicht wenige von der besten halben Stunde der deutschen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft, als Rudy neben Toni Kroos den defensiven Part auf der Doppelsechs übernahm und einen guten Job in der Rolle des soliden und fehlerfreien Arbeiters machte.

Zum ersten und auch einzigen Mal war die DFB-Elf nicht mehr so konteranfällig wie noch im Auftaktspiel gegen Mexiko. Die Balance stimmte. Ein Nasenbeinbruch setzte sowohl Rudys WM-Debüt als auch der deutschen Stabilität ein Ende, eine Minute nach seiner Auswechslung traf Schweden zum 1:0. Der gute Eindruck aber blieb haften: Rudy verließ Russland als einer der wenigen Lichtblicke im DFB-Team.

Auch deshalb kam für den FC Bayern ein Leihgeschäft bei der Personalie Rudy kaum in Frage. Entweder ordentlich Reibach machen, oder Rudy weiterhin als gute, wenn auch nur vermeintlich überflüssige Ergänzung im Kader haben. Das machte nicht zuletzt Uli Hoeneß deutlich, als er sagte, dass 15 Millionen Euro "sicherlich nicht reichen" würden.

Rudys Wechsel zum FC Schalke 04: Die eierlegenden Wollmilchsau

In der Konsequenz zog sich beispielsweise RB Leipzig aus dem Transferpoker zurück. Sportdirektor und Trainer Ralf Rangnick, der eine Meldung des SWR über die Verpflichtung als "Mutter aller Fake News" bezeichnete, wollte seinem designierten Nachfolger Julian Nagelsmann zwar anscheinend Spielerwünsche erfüllen, jedoch nicht um jeden Preis.

In Hoffenheim war Rudy in seinem letzten Vertragsjahr unter Nagelsmann unumstrittener Stamm- und Führungsspieler. "Manchmal hat ihm noch das Entscheider-Gen gefehlt", hatte Nagelsmann damals über den heute 28-Jährigen gesagt. Über Rudys fußballerische Qualität brauche man sich hingegen nicht zu unterhalten, "die ist außergewöhnlich".

Als Rudy Hoffenheim ablösefrei in Richtung München verließ, verglich Nagelsmann sich selbst mit einem Bauer, der sich von seinen Kühen und Schweinen trennen müsse, "auch wenn er eine gute Beziehung zu ihnen hat".

Ein Jahr später wechselt Rudy erneut den Verein. Dieses Mal aber nicht als Kuh, die eine gute Beziehung zu ihrem Bauer pflegt, sondern vielmehr als eierlegende Wollmilchsau. Denn unter dem Strich profitieren alle Parteien von dem Transfer.

Warum S04 Rudy zum Königstransfer macht: Nicht in Schönheit sterben

Während beim FC Bayern die Kassen klingeln, wird Rudy bei einem Champions-League-Teilnehmer gesetzt sein und endlich den eigenen Ansprüchen genügen können. Tedesco bekommt auf Schalke einen Spieler für die Zentrale, der exakt seine Vorstellungen von Fußball verkörpert und unmittelbar weiterhelfen soll.

"Spielintelligent und technisch versiert" sei Rudy und eine Bereicherung für "unseren zum Teil sehr jungen Kader", sagte der Schalker Trainer, nach der offiziellen Verkündung des Wechsels. Doch nicht nur deswegen flog Tedesco vor Wochen eigenhändig nach München, um Rudy von seinen Ideen mit ihm im Schalker Mittelfeld zu überzeugen.

"In Schönheit sterben oder kämpferisch siegen - da nehme ich lieber das Zweite", sagte Tedesco im März als Replik auf die Kritik am unattraktiven, aber erfolgreichen Fußball auf Schalke in der vergangenen Saison. Rudy passt insofern in diese Philosophie, als dass er ohne jegliche Schnörkel auskommt und seine Aufgaben als zuverlässiger, laufstarker Ballverteiler erledigt.

Rudy ist keiner, der in Schönheit stirbt und nach eigener Aussage auch niemand, der das Podest suche. Vielmehr sei er der Typ, der Mitspielern den Rücken freihalte und sie auf dem Platz coache, "auch wenn das nicht immer jeder mitkriegt". Nicht die schlechtesten Voraussetzungen, um auf Schalke ein entscheidender Faktor zu sein und bei den Fans hoch im Kurs zu stehen.

FC Schalke 04: Kritik an Rudy-Verpflichtung verständlich, aber hinfällig

Diese hatten nach den teuren Verpflichtungen von Mascarell und Serdar angenommen, die Abgänge von Max Meyer und Leon Goretzka im Zentrum gut kompensiert zu haben. Diskussionen über Sinn und Unsinn der Rudy-Verpflichtung sind daher zwar legitim, aber mit Blick auf die Besetzung im Zentrum schnell hinfällig.

Mascarell bestätigte schon zu einem beängstigend frühen Zeitpunkt seinen Makel der Verletzungsanfälligkeit. Serdar fremdelte gegen Wolfsburg noch merklich mit dem Schalker Spiel und Nabil Bentaleb ist auf der Zehner- oder Achterposition besser aufgehoben. Nur mit dem jungen Weston McKennie als zuverlässigen Sechser in eine Saison mit Dreifachbelastung zu gehen, entspräche nicht dem Planungsschema von Heidel und Tedesco.

Schon die Auftaktpleite gegen Wolfsburg hat gezeigt, dass Rudy dem Schalker Spiel gut tun würde. Dort mangelte es der Mannschaft von Tedesco an Ruhe und Stabilität. Qualitäten, die Rudy für sich beansprucht und die ihn auf Schalke wertvoll machen können. Eine Überraschung wäre das eben so wenig, wie letztendlich der Wechsel Rudys, um den er noch vor wenigen Tagen so ein Geheimnis machte.

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