Fussball

Eintracht Frankfurt unter Adi Hütter vor dem Bundesliga-Start: Angst essen Seele auf

Von Jonas Rütten
Gilt schon jetzt als "Favorit" auf die erste Trainer-Entlassung in der Bundesliga: Frankfurts neuer Coach Adi Hütter.
© getty

Noch bevor die Eintracht aus Frankfurt ihr erstes Bundesligaspiel beim SC Freiburg (Samstag, 15.30 Uhr im LIVETICKER) absolviert hat, ist sie eigentlich schon abgestiegen. "Hütter raus", forderten nicht wenige nach der Blamage im DFB-Pokal gegen Viertligist Ulm. Drei Monate nach dem größten Triumph der jüngeren Vereinshistorie soll plötzlich alles schlecht sein am Main - von den Neuzugängen bis zur Spielphilosophie. Ein Abgesang auf Hütter und die Hessen kommt trotz berechtigter Kritik aber viel zu früh.

Adi Hütter ist momentan so etwas wie eine sich lohnende Kapitalanlage. Zumindest nach Einschätzung der Buchmacher: Wettanbieter legten jüngst die Quoten für die erste Trainer-Entlassung in der Bundesliga fest. Ganz vorne im Ranking, also der wahrscheinlichste Kandidat: Hütter.

Völlig überraschend kommt das nicht. Nach der 0:5-Pleite im DFL-Supercup gegen den FC Bayern und dem peinlichen Ausscheiden im DFB-Pokal gegen Regionalligist SSV Ulm ist die Stimmung bei der Eintracht schon vor dem Saisonstart auf einem Tiefpunkt, der vor drei Monaten so weit weg war wie Frankfurt in der vergangene Saison von den Abstiegsrängen.

Nur zwei Niederlagen hat es gebraucht, bis eine vor Europapokal-Euphorie pulsierende Stadt in Panik zu versinken droht. Die Angst davor, einen ähnlichen Kollaps wie der 1. FC Köln im vergangenen Jahr oder der SC Freiburg 2014 zu erleiden, ist omnipräsent. Davon zeugen nach dem Fehlstart in erster Linie die "Hütter raus"-Forderungen in den sozialen Medien.

Eintracht Frankfurt nach dem DFB-Pokalsieg: Ein Hauch von Scheinrealität

Es hat den Anschein, als habe der sensationelle Triumph im DFB-Pokal die Erwartungshaltung in Frankfurt auf ein Niveau gesteigert hat, auf dem sie schlichtweg nicht zu erfüllen ist.

Angesichts der ersten Forderungen nach dem Kopf des Trainers nach einer erwartbaren, wenn auch überdeutlichen Niederlage gegen den deutschen Rekordmeister in einem Endspiel mit Testspielcharakter und einem peinlichen, aber verschmerzbaren Erstrunden-Aus im Pokal liegt folgender Verdacht nahe: Manch einer in der Main-Metropole hat nach dem Pokalsieg vergessen, wo sich die Eintracht für gewöhnlich selbst im nationalen und internationalen Vergleich einordnet.

Dass es so weit kommen konnte, liegt nicht zuletzt in der Verantwortung der Vereinsführung. Man wolle Europa ernst nehmen "und durch die Gruppenphase marschieren", hatte Sportvorstand Fredi Bobic Ende Mai angekündigt. Damals machte er sich auch keine Sorgen, die Abgänge von Torhüter Lukas Hradecky, Marius Wolf, Omar Mascarell und Kevin Prince-Boateng kompensieren zu können. Es gebe "genügend gute Spieler auf dem Markt", sagte Bobic.

Fast drei Monate später hinterlässt der erste Eindruck der Neuverpflichtungen allerdings mehr Fragen als Antworten. Der designierte Mascarell-Nachfolger Lucas Torro (Real Madrid) überzeugte noch nicht, Hradecky-Ersatz Frederik Rönnow (Bröndby IF) hat ebenfalls noch Steigerungsbedarf. Francisco Geraldes (Sporting) und Evan Ndicka (AJ Auxerre) standen weder gegen die Bayern noch gegen Ulm im Kader.

Ein Umstand, der für Hütter so erwartbar war. "Die Spieler sind teilweise sehr jung, sie sind noch nicht so weit", sagt Hütter, stets bemüht, Zweifel an der finanziell erzwungenen Transferpolitik des Vereins zu besänftigen. "Wir müssen Fantasie reinbringen", hat Sportdirektor Bruno Hübner erst vor kurzem gesagt, die Eintracht könne keine fertigen Spieler kaufen.

Neuzugänge bei Eintracht Frankfurt zur Saison 2018/18

SpielerPositionAlterAbgebender VereinAblöse
Carlos SalcedoInnenverteidiger24Chivas5,00 Mio.
Evfan N'DickaInnenverteidiger18AJ Auxerre5,00 Mio.
Lucas TorroDefensives Mittelfeld23Real Madrid3,50 Mio.
Gonzalo PaciencaMittelstürmer23FC Porto3,00 Mio.
Frederik RönnowTorhüter25Bröndby IF2,80 Mio.
Filip KosticLinksaußen25Hamburger SV1,20 Mio Leihgebühr
Chico GeraldesOffensives Mittelfeld23Sporting200 Tsd. Leihgebühr
Nicolai MüllerRechtsaußen30Hamburger SVablösefrei
AllanZentrales Mittelfeld21Liverpool U23Leihe
Felix WiedwaldTorhüter28Leedsablösefrei

Frankfurts Probleme auf dem Transfermarkt: Gefangen im eigenen Kader

Dass die Eintracht ohne großen finanziellen Spielraum den Umbruch angehen muss, ist ein Stück weit auch hausgemacht. "Jeder sieht doch, dass wir einen zu großen Kader haben", sagte Hütter zuletzt in einer Gesprächsrunde mit Journalisten. Weil er "ein hochwertiges Training" machen wolle, werde er den Kader verkleinern.

In der Konsequenz bediente sich Hütter einer berüchtigten Praktik nach Hoffenheimer Vorbild und schob sieben Profis in eine "Trainingsgruppe 2" ab - darunter Simon Falette, Marijan Cavar und Daichi Kamada. Alle drei kamen erst im Sommer 2017, beziehungsweise im Winter 2018 als "Investition mit Perspektive" für insgesamt sechs Millionen Euro zur Eintracht.

Nun dürfen sie wieder gehen. Ebenso den Verein verlassen sollen Marc Stendera, Marco Fabian und Branimir Hrgota, die sportlich keine Perspektive mehr unter Hütter haben, dafür aber ein ordentliches Gehalt beziehen. Geld, dass an anderer Stelle nun fehlt, beispielsweise für einen Führungsspieler im Zentrum als Boateng-Ersatz, oder für eine Alternative für den lange verletzten Timothy Chandler (Knie-OP).

Eine solche Personalpolitik mit der "Trainingsgruppe 2" birgt in einer Europapokalsaison zudem erhebliche Risiken, wenn Verletzungen, Formschwäche oder Sperren den vorher ausgedünnten Kader zu einem weiteren Aderlass bitten.

Eintracht Frankfurt im Umbruch: Geduld ist das Stichwort

Der Herausforderungen einer Saison mit Mehrfachbelastungen war sich Hütter durchaus bewusst. "Wir können nicht mit 13, 14 Spielern sieben, acht Partien in dreieinhalb Wochen spielen. Das geht einfach nicht. Deshalb brauchen wir in der Breite Qualität", sagte er noch Ende Juli. Dass er nun eben jene Kaderbreite schmälert, zeugt von einer gewissen Widersprüchlichkeit und wird auch in Fankreisen kontrovers diskutiert.

Gleichzeitig ist es aber auch ein Zugeständnis an die zuletzt kritisierten Neuzugänge: Hütter setzt weiter auf sie. "Wir müssen ihnen eine Chance geben", sagte Präsident Peter Fischer nach dem Ausscheiden in Ulm, als beispielsweise Torhüter Rönnow und Torro in die Kritik geraten waren. Sportdirektor Hübner attestierte dem Kader "die Qualität für die Bundesliga", weswegen man ein Stück weit anders handele, als der verunsicherte Fan. Hütter mahnte zur Geduld: Er sei hergekommen, um eine neue Mannschaft aufzubauen, "dass das nicht von heute auf morgen geht, ist klar."

Dass etwaige Töne in Frankfurt angeschlagen werden, ist mit Blick auf die Vergangenheit durchaus legitim. Schließlich waren die jetzt vermissten Abgänge ebenfalls nicht von jetzt auf gleich über jeden Zweifel erhaben. Wolf kam beispielsweise als gescheiterter Profi aus der Reserve von Hannover 96 und kam in seinem ersten Jahr nicht zurecht.

Von Boateng hieß es vor dessen erstem Spiel, dass sich die Eintracht einen schwierigen Typen und potenziellen Unruhestifter ins Boot hole, der dazu noch chronische Knieprobleme habe. Im Sommer 2018 war er dann allerdings der schmerzhafteste Verlust neben Trainer Niko Kovac.

Adi Hütter folgt auf Niko Kovac: Der verfälschte erste Eindruck

Von eben jenem Kovac unterscheidet sich Hütter elementar - und das nicht nur in seiner Spielphilosophie, sondern auch in der Ausstrahlung. Eintracht-Fans haben sich durch Kovac an ein gewisses Charisma, an eine gewisse Strahlkraft auf dem Trainerstuhl gewöhnt. Hütter sei - so der gängige Vorwurf - hingegen zu brav und zu höflich.

Während der Fußball unter Kovac von Mentalität, Kampfgeist und Emotionen geprägt war, hat Hütter seine ganz eigene Vorstellung. "Ich stehe für offensiven Fußball, weil ich der Meinung bin, dass die Leute ins Stadion kommen, um eine Mannschaft zu sehen, die versucht, begeisternden Fußball zu spielen", kündigte er bei seiner Vorstellung an.

"Um die Spielsystematik umzusetzen" brauche es Zeit, erklärte Eintracht-Präsident Fischer - und traf damit den Nagel auf den Kopf. Auch bei den Young Boys Bern, die Hütter binnen drei Jahren in einem 4-4-2 zum Meister formte, war sein Erfolg das Ergebnis eines Prozesses und erfolgte eben nicht "von heute auf morgen".

Dazu kommt die Tatsache, dass elementare Bausteine für Hütters Spielidee und das Mannschaftsgefüge, wie beispielsweise HSV-Leihgabe Filip Kostic oder Pokal-Held und WM-Finalist Ante Rebic, erst seit kurzem wieder oder überhaupt mit an Bord sind. Der erste Eindruck der Eintracht unter dem neuen Trainer ist daher ein Stück weit verfälscht, musste dieser doch taktische Kompromisse in den ersten beiden Pflichtspielen eingehen.

Eintracht Frankfurt vor dem Saisonstart: "Habe keine Bange"

Das entschuldigt zwar nicht die Niederlage gegen Ulm, es sollte bezüglich der deutlich verfrühten Abgesänge auf Hütter und die Eintracht aber zumindest Teil der Diskussion sein, um die auch selbstgemachte Untergangsstimmung vor dem Saisonstart einzudämmen.

Zumindest Stand jetzt genießt Hütter das volle Vertrauen der Vereinsführung, die dem neuen Trainer Zeit geben will, seine Ideen mit der neu zusammengewürfelten Mannschaft umzusetzen. "Ich habe keine Bange. Ich weiß durchaus, dass am Anfang das Getriebe noch nicht funktionieren kann", sagte Präsident Fischer wenige Tage vor dem Ligastart.

Den gleichen Kredit sollten auch die Fans Adi Hütter und der Mannschaft gewähren. Die Angst, das Kölner oder Freiburger Schicksal zu teilen, frisst momentan die Frankfurter Seelen auf. Dabei ist die Situation am Main vor dem Ligastart zwar ernst, aber bei weitem nicht hoffnungslos.

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