Höwedes wechselt von Schalke 04 zu Lokomotive Moskau: Ende ohne Schrecken

Von Jonas Rütten
Mittwoch, 01.08.2018 | 08:06 Uhr
© getty

Benedikt Höwedes verlässt den FC Schalke 04 erneut - und dieses Mal endgültig. Nachdem sein Abschied im Jahr zuvor in einem verbalen Schlagabtausch ausgeartet war, geht Höwedes nun fast heimlich, still und leise. Der Wechsel zu Lokomotive Moskau ist besonders für den Verein eine Ideallösung und das letzte Kapitel einer immer seltener gewordenen Symbiose im Fußball.

Als Benedikt Höwedes im vergangenen Sommer an Juventus Turin verliehen wurde, war der Aufschrei in Gelsenkirchen groß. "Identitätsschänder" nannten die Fans in der Schalker Nordkurve Sportvorstand Christian Heidel, der die Wurzeln des Vereins nicht achte, sondern vernichte. Und der neue Trainer Domenico Tedesco? Der stand aufgrund seines offensichtlich unsensiblen Umgangs mit dem Publikumsliebling gleich zu Saisonbeginn in der Kritik.

"Das Schalker Herz geht weg", kommentierte ein königsblauer Anhänger via Twitter den damals noch zeitlich begrenzten Abschied von Höwedes. Ein Jahr später gleicht sich das Bild, die Reaktionen aber sind gänzlich anders. Wut auf und verbale Attacken gegen Tedesco oder Heidel? Fehlanzeige. Der Erfolg in der vergangenen Saison, in der die Königsblauen Vizemeister wurden, gab insbesondere Tedesco im Nachhinein Recht, nicht auf Teufel komm raus mit der verdienten Vereinsikone zu planen.

Der Sprengstoff der Personalie Höwedes war nach dessen Rückkehr aus Turin daher endgültig raus und einer Hoffnung auf eine friedliche Trennung gewichen. Das konstatierte auch Heidel vor wenigen Wochen: "Wir waren alle der Auffassung, dass wir dieses Thema im Sommer irgendwie klären müssen. Ohne Druck und ohne Schlammschlacht. Wenn es jetzt über die Bühne geht, ist es sehr sauber gelaufen."

Tedesco und Höwedes beim FC Schalke 04: Die Geburt des Reisenden

Nun ist das Thema, das Christian Heidel in den vergangenen Tagen so sehr beschäftigt und auch "ein bisschen genervt" hat, vom Tisch. Lokomotive Moskau bestätigte am Dienstag die Verpflichtung von Höwedes, die sich zwar in den vergangenen Tagen angebahnt, sich aber hauptsächlich im Hintergrund abgespielt hatte. Heimlich, still und leise statt Schlammschlacht. So, wie es sich Heidel gewünscht hatte.

Aufgrund der Vorgeschichte wurde er nicht müde zu betonen, dass "beide Seiten" Interesse an einer Veränderung hätten: "Wir wollen getrennte Wege gehen." Vorbei sollten die Zeiten sein, in denen sich Höwedes und Tedesco, der den Weltmeister von 2014 mit einer seiner ersten Amtshandlungen als Kapitän absetzte, mit kontroversen Aussagen in der Öffentlichkeit befeuerten.

Nachdem Höwedes auch noch seinen Stammplatz verloren hatte, erweckte Tedesco mit der Aussage "Reisende solle man nicht aufhalten" den Eindruck, den Nationalspieler vom Hof jagen zu wollen, obwohl er zuvor immer wieder betont hatte, wie wichtig Höwedes für ihn sei. Später sagte er zwar, dass dieses Zitat aus dem Kontext gerissen worden sei, ergänzte aber auch, dass er Höwedes schlichtweg nicht die eingeforderte Stammplatzgarantie geben wollte.

Für einen neuen Trainer, bei einem Verein, der einen Neuanfang anstrebte, eine legitime Herangehensweise. Indirekt wiederholte er aber so seinen Vorwurf an den Ex-Kapitän, der nach seinem Abgang zu Juventus Turin auf seiner Facebookseite zurückschoss: "In den letzten Wochen ist dieses Vertrauensverhältnis mehrfach auf die Probe gestellt worden. Das Kapitänsamt ist nur ein Teil davon. Reisende kann man aufhalten, wenn man will."

Höwedes bei Schalke 04 und Juventus Turin: Statistiken und Daten

VereinSpieleToreTorvorlagenEinsatzminuten
FC Schalke 04335231327.847
Juventus Turin31-248

Benedikt Höwedes bei Juventus Turin: Die Leiden des letzten Blaublüters

Das Tischtuch zwischen Tedesco und Höwedes schien endgültig zerschnitten. Warum wollte Tedesco den Weltmeister nicht? War sich Höwedes zu eitel für den Konkurrenzkampf? Die Fragen, die sich damals stellten, blieben teilweise unbeantwortet. Zwar lieferte Tedesco mit der Vizemeisterschaft beste Argumente in sportlicher Hinsicht, doch für die Fans stand damals schlichtweg fest: Der Transfer hat irgendetwas Falsches an sich.

Schließlich war Höwedes auf Schalke mehr als ein Jahrzehnt lang das rackernde Gegenbeispiel zum in die Mode gekommenen Image des Profifußballers, der nur auf Titel und Geld schaue. Die perfekte Symbiose aus Verein, Spieler und Fans. Einer der letzten echten Blaublüter aus der Knappenschmiede, der noch in Herne West die Stiefel schnürt.

Höwedes, der die Rolle eines Fußball-Reisenden ebenso verkörperte, wie der FC Schalke 04 damit beschäftigt ist, Meistertitel zu zählen, suchte sein Glück bei Juventus Turin. Dort prägten jedoch die Treppen hoch zur Tribüne oder der Gang ins Reha-Zentrum seinen Alltag. Immer wieder warfen Muskelverletzungen den 30-Jährigen zurück.

So kam Höwedes in der gesamten Saison auf lediglich drei Einsätze bei der Alten Dame. Ausgerechnet im Spitzenspiel gegen den ärgsten Scudetto-Konkurrenten SSC Neapel stand Höwedes auf dem Platz. Napoli gewann mit 1:0 und Höwedes geriet anschließend in die Kritik. "Höwedes spielt nie wirklich sicher", urteilte die Corriere dello Sport anschließend.

Juve sah vom eigentlichen Vorhaben, Höwedes nach Ablauf der Leihe fest zu verpflichten, ab. Das konnten die Bianconeri, weil der Verteidiger bei weitem nicht auf die 25 Pflichtspiele kam, die die Familie Agnelli zu einem Kauf verpflichtet hätte. Höwedes war gezwungen zum FC Schalke zurückzukehren, doch für alle Beteiligten war klar: Er kommt, um wieder zu gehen.

Höwedes wechselt zu Lokomotive Moskau: Zwang der eigenen Ansprüche

Menschlich passte es nicht mehr auf Schalke, auch wenn Höwedes kundtat, dass alle Unstimmigkeiten mit Tedesco ausgeräumt seien: "Ich bin kein nachtragender Mensch", sagte Höwedes vor seiner Rückkehr zum S04. Doch auch sportlich glich die Perspektive von Höwedes nach der Verpflichtung von Salif Sane und der ohnehin schon gut besetzten Knappen-Defensive einer Sackgasse.

Die Suche nach einem neuen Arbeitgeber verlief allerdings nur schleppend. So sehr Höwedes auch an seinen eigenen Ansprüchen, bei einem neuen Verein Champions League zu spielen, hing, so wenig Aussichten hatte er aufgrund seiner Verletzungsanfälligkeit auf ein Angebot von einem passenden Klub. Zumal Höwedes mit einem kolportierten Jahressalär in Höhe von vier Millionen Euro auch nicht zu den Geringverdienern auf Schalke zählte.

Als der ehemalige Schalke-Funktionär Erik Stoffelhaus in seiner Funktion als Sportdirektor von Lokomotive Moskau bei den Königsblauen vorstellig wurde, bot sich jedoch für alle Beteiligten eine Wende zum Guten.

Trennung von Höwedes und S04: Ende? "Einmal Schalker, immer Schalker"

Höwedes wird in der kommenden Saison an der Seite des Ex-Schalkers Jefferson Farfan mit dem russischen Meister in der Königsklasse spielen, muss jedoch mit gerade einmal 30 Jahren die Hypothek einer im europäischen Vergleich bestenfalls mittelklassigen Liga aufnehmen. Dass Moskau seine letzte Karriere-Station sein wird, darauf deutet zumindest die Vertragslaufzeit hin (4 Jahre).

Die Knappen sparen hingegen acht Millionen Euro Jahresgehalt und erhalten noch weitere fünf Millionen Euro Ablöse. Geld, dass an anderer Stelle investiert werden kann. So mehren sich die Gerüchte, dass zum Beispiel noch in einen Ersatz für den Langzeitverletzten Bastian Oczipka investiert werden könnte. "Es ist kein Geheimnis, dass wir die Augen offen halten", sagte Heidel diesbezüglich.

Das Ende der Schalker Institution Höwedes mag aus fußballromantischer Sicht in einem traurigen Licht erscheinen. Aber unter dem Strich bleibt es ein Ende ohne Schrecken - für den Spieler, den Verein und die Fans. Obwohl auch das Herbeireden eines Endes den Nagel nicht auf den Kopf trifft. "Denn einmal Schalker, immer Schalker", das wusste Höwedes bereits vor einem Jahr.

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