Bürki: Kein Problem mit Konfrontation

Dienstag, 17.10.2017 | 07:54 Uhr
Roman Bürki wechselte 2015 vom SC Freiburg zu Borussia Dortmund
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Roman Bürki ist bei Borussia Dortmund unangefochtener Stammtorhüter. Dennoch gab es nach Unsicherheiten des Schweizers zuletzt prompt Meldungen über einen hochkarätigen Neuzugang beim BVB. Wie geht Bürki mit der Situation um? Rechtfertigt seine Leistung eine Torwart-Diskussion? Und welche Möglichkeiten bieten sich der Vereinsführung um Hans-Joachim Watzke? In der Champions League trifft Dortmund am Dienstag auswärts auf APOEL Nikosia (ab 20.45 Uhr im LIVETICKER).

Zweimal konnte Bürki nur machtlos den rechten Arm hochreißen, zweimal schlug der Ball dicht neben ihm im Kasten des BVB ein. Erst war es Heung-Min Son, der für Tottenham aus spitzem Winkel in Bürkis kurze Ecke traf, wenig später war dann auch Harry Kane aus ähnlicher Position erfolgreich. Ebenfalls hoch abgeschlossen, kurzer Pfosten, vorbei am geschlagenen Bürki.

Vorbei am chancenlosen Bürki? War da tatsächlich nichts zu halten?

Kaum war in Tottenham das 1:3 am ersten Champions-League-Spieltag abgepfiffen, konzentrierte sich die öffentliche Debatte zu großen Teilen auf das Stellungsspiel des 26 Jahre alten Schweizers. Dass die hoch stehende Abwehr zuerst ausgekontert und anschließend von Kane wie eine Bande von Schulbuben bloßgestellt wurde - geschenkt. In der kurzen, der "Torwartecke" überwunden werden, das gehe doch eigentlich immer auf des Keepers Kappe.

Irgendwann hatte der Dortmunder Schlussmann genug gehört - schließlich fühlte sich sogar Weltmeister Bodo Ilgner bemüßigt, auf Instagram wertvolle Tipps und liebe Grüße an Bürki zu übermitteln: Der Torwart sei für die kurze, die Abwehr für die lange Ecke zuständig. Und das zweite Tor sei ob der etwas größeren Entfernung haltbar gewesen.

Bürki setzte sich gegen die aus seiner Sicht unfaire Kritik ebenfalls auf seinem Instragram-Account zur Wehr und berief sich dabei auf ein Zitat von Kasper Schmeichel. Die Binsenweisheit "Kurze Ecke = Torwartfehler" sei ein Mythos: "Ob kurzer oder langer Pfosten, man versucht alles abzudecken und ärgert sich über jedes Gegentor, egal wo es einschlägt."

Kommen Kevin Trapp oder Timo Horn zum BVB?

Es lag wohl auch am Tottenham-Spiel, dass in der Folge Gerüchte durch die Medien wanderten, der BVB könne ein Auge auf Kevin Trapp geworfen haben, der in Paris zumeist nur die Bank hütet. Oder alternativ auf den Kölner Timo Horn. Gerüchte, die vom Verein umgehend ins Reich der Fabeln verwiesen wurden.

Das übliche Rauschen im Blätterwald eben, zumal es in Dortmund ein offenes Geheimnis ist, dass der mittlerweile 37-jährige Roman Weidenfeller die Handschuhe bald an den Nagel hängen wird. Vermutlich nach der laufenden Saison. Und so wird beim Bundesliga-Spitzenreiter in absehbarer Zeit ein Platz zu besetzen sein. Was natürlich den einen oder anderen Berater auf den Plan ruft. Gerade wenn der Stammtorwart medial angezählt wird.

Bürki: "Was da manchmal steht, ist hanebüchen"

Bürki ging mit der Situation um, wie er derzeit auch sein Stellungsspiel in der Defensive interpretiert: ausgesprochen offensiv. Zuerst gab er im Kicker Einblicke in sein Seelenleben ("Da habe ich Fehler im Stellungsspiel gemacht oder die Situation unterschätzt. Ich habe mir selber große Vorwürfe gemacht."), dann legte er in einem Interview mit der Funke Mediengruppe nach in Richtung selbsternannte Torwartexperten.

"Jeden, der einen Torwart bewertet ohne selbst je im Tor gestanden zu haben, kann ich ehrlich gesagt nicht richtig ernst nehmen", betonte er. Und: "Ginge es nach manchen Leuten, hätte es beim BVB schon dreimal einen Torwartwechsel geben müssen. [...] was da manchmal steht, ist hanebüchen."

Was die Gerüchte um eine prominente Neuverpflichtung angehe, gebe es immer jemanden im Verein, "der auf mich zukommt und direkt sagt: Das ist völliger Quatsch, du musst das nicht glauben". Im Gegenteil, sogar Gespräche über eine vorzeitige Verlängerung des bis 2019 laufenden Vertrags würden geführt: "Ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als hier zu spielen."

Die entscheidende Frage, die viel zu oft durch einzelne Szenen überlagert wird, kommt in der ganzen Diskussion viel zu kurz: Wie gut spielt Bürki für den BVB denn nun wirklich? Da bleiben "Patzer" wie gegen Tottenham im Fangedächtnis verankert, während vergessen wird, dass er zwei Wochen später gegen Real Madrid mit einer starken Leistung eine noch höhere Niederlage verhinderte und sich so ein Extralob von Trainer Peter Bosz abholte: "Roman Bürki hat uns sehr gut geholfen."

Bürkis Opta-Daten

Die Zahlen verraten: Seit seinem Wechsel aus Freiburg hat sich die Anzahl der auf sein Tor kommenden Bälle laut Opta-Daten mehr als halbiert - kein Wunder, nach einem Wechsel von einem Kellerkind zu einem Spitzenklub. Doch während ihm die Umstellung in der Saison 2015/16 nach eigener Aussage doch etwas zu schaffen machte, hatte er sich im vergangenen Jahr schon sichtlich an die neuen Umstände gewöhnt: viel Leerlauf, aber wenn mal ein Ball aufs Tor kommt, muss man ihn halten. Manuel Neuer kann ein Lied davon singen.

SaisonTeamGegentore/SpielAbgewehrte SchüssePassquoteFehler, die zu Toren führtenVereitelte Großchancen
2014/15Freiburg1,3876,26 Prozent58,11 Prozent212 von 50
2015/16Dortmund1,0367,92 Prozent73,46 Prozent29 von 41
2016/17Dortmund1,0771,00 Prozent74,45 Prozent011 von 37
2017/18Dortmund0.6380,77 Prozent72,34 Prozent12 von 9

In der abgelaufenen Saison steigerte Bürki seine Leistung also durch die Bank, von Paraden über Passquote bis hin zur Vereitelung von Großchancen. Außerdem leistete er sich keinen einzigen groben Patzer, der zu einem Gegentor führte. In dieser Spielzeit liegt er nach acht Spielen mit fast 81 Prozent abgewehrter Schüsse auf Platz zwei in der Liga.

Dabei darf man nicht vergessen, dass sich sein Spiel seit seinem Abgang aus dem Breisgau fundamental verändert hat. Wo beim Sportclub noch der lange Schlag nach vorne dominierte, wurde Bürki unter Tuchel und jetzt auch unter Bosz in den Spielaufbau eingebunden. Er steht oft weit vor dem Kasten und gibt im Dreieck mit den beiden Innenverteidigern fast eine Art Libero. Eine Aufgabe, der er sich bislang fast immer gewachsen zeigte.

Fehlt dem BVB ein "Weltklasse-Torwart"?

Warum also die Diskussionen? In gewisser Weise erinnert Bürkis Situation an Sven Ulreich beim FC Bayern München. Zeigt der eine gute Parade, wird diese vorausgesetzt. Umgekehrt steht jedoch bei jedem Gegentor die Frage im Raum: "Hätte Neuer ihn gehabt? Bestimmt hätte Neuer ihn gehabt." Auch Ulreich hatte mit Unverständnis auf öffentliche Kritik reagiert.

Bürki hat beim BVB keinen Manuel Neuer als Maßstab im Nacken. Doch die Ansprüche an Schwarz-Gelb sind gestiegen, in den Medien, vielleicht auch bei einem Teil der Fans. Da mag sich der eine oder andere die Frage stellen, ob "ein richtiger Weltklasse-Torwart" gegen Tottenham besser ausgesehen hätte. Oder beim 1:1 durch RB Leipzig am vergangenen Wochenende.

Dabei spielen die exzellenten Statistiken von Bürki nur eine untergeordnete Rolle, oder die Frage, wie viele Prozent bei ihm noch zur Weltspitze fehlen. Mit 26 hat er seine besten Jahre schließlich noch vor sich, und der Trend geht ja in die richtige Richtung. Es ist vielmehr ein schwer greifbares Gefühl im Hinterkopf: Die Frage, ob das Gras auf der anderen Seite nicht doch grüner ist. Zum Beispiel das Gras in der französischen Hauptstadt. Für dreieinhalb Millionen aus Freiburg, das ist eben nicht besonders sexy.

Die Vereinsspitze hat dieser Diskussion bisher konsequent das Wasser abgegraben, soweit eben möglich. Aber Bürki selbst verriet zuletzt durch die Blume, dass Weidenfeller nicht mehr lange auf der Bank sitzen wird: "An meiner Einstellung wird die Entscheidung, ob eine klare Nummer 2 geholt wird oder einer, der um den Platz im Tor kämpft, nichts ändern."

Star oder Nachwuchs: Welchen Torwart holt Watzke?

Diese Entscheidung müssen nun Watzke und Co. treffen. Will man zwei gleichwertige Keeper, um den Konkurrenzdruck zu erhöhen? Und wenn ja: Wären ein Trapp oder ein Horn die erforderliche Ablöse wert? Stellt ein Keeper dieser Güteklasse im Vergleich zu Bürki wirklich eine sportliche Qualitätssteigerung dar?

Alternativen böten sich natürlich auch im eigenen Nachwuchs: Der 20-jährige Dominik Reimann hat bei den Amateuren einen rasanten Aufstieg hingelegt, als ehemaliger Feldspieler würde er die fußballerischen Fähigkeiten für das offensive Torwart-Spiel des BVB mitbringen. Andererseits stünde man im Falle einer Bürki-Verletzung plötzlich mit extrem dünner Personaldecke da: Hätte Reimann im Zweifelsfall auch in der Champions League das Vertrauen?

Zweifellos hat der Klub mehrere Lösungen in der Schublade. Womöglich ist die Entscheidung im stillen Kämmerlein auch schon gefallen. Sollte die Entscheidung gegen eine klare Nummer zwei ausfallen, hätte Bürki damit auf jeden Fall kein Problem: "Überall, wo ich war, hatte ich einen Zweikampf. Ich bin nie zu einem Verein gekommen und war zu Beginn direkt die klare Nummer eins."

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