Fussball

"Die großen Aufreger kommen erst noch"

Urs Meier hat vier Wochen nach der Einführung ein erstes Fazit zum Videobeweis gezogen

SPOX: Wir haben bislang über viele Probleme beim Videobeweis gesprochen. Wann greift er bereits erfolgreich?

Meier: Bei schwarz-weißen Entscheidungen funktioniert die Absprache sehr gut. Das war am letzten Spieltag bei der Roten Karte für Yoric Ravet im Spiel zwischen Freiburg und Dortmund oder dem Elfmeter für Schalke gegen Stuttgart der Fall. Und auch wenn man nach diesen langen Tests gerade technisch mehr erwarten konnte, hat die DFL ihre Schiedsrichter intensiv vorbereitet und das hat sich bezahlt gemacht. Trotzdem bleibe ich dabei: Der Schiedsrichter darf sich nicht hinter dem Videobeweis verstecken, sonst wird es gefährlich.

SPOX: Sonst geht der Airbag auf und überstimmt den Schiedsrichter im Zweifel auch mehrmals pro Spiel. Kratzt das nicht an der Autorität des Unparteiischen?

Meier: Auch wenn es eigentlich nicht der Fall sein sollte: Jede Fehlentscheidung beschäftigt den Schiedsrichter und bringt ihn ins Grübeln. Und die Spieler merken das sofort. Viele Schiedsrichter verkaufen auch nicht so gute Entscheidungen hervorragend. Da die Situation binnen weniger Sekunden aufgelöst werden kann, ist dieser Bonus jetzt weg und dadurch gerät auch die Akzeptanz auf dem Feld in Gefahr. Aber das ist keine Einbahnstraße. Erhält der Schiedsrichter aus Köln die Info, dass die Entscheidung korrekt war, gibt das Selbstvertrauen.

SPOX: Ändert sich für den Schiedsrichter der Umgang mit den Spielern?

Meier: Absolut. Gerade in der Schlussphase werden die Teams nach jedem Strohhalm greifen - und das ist der Videobeweis. Früher oder später wird er garantiert als taktisches Mittel eingesetzt. Merkt der Trainer, dass das eigene Team gerade keinen Fuß auf den Boden bekommt, wirkt er auf den Schiedsrichter ein und forciert den Videobeweis. Das könnte wirklich hässlich werden, wie wir beim Confed Cup schon vereinzelt gesehen haben.

SPOX: Was wäre die Lösung, um das zu verhindern?

Meier: Innerhalb der FIFA kursieren verschiedene Entwürfe. Muss der Videobeweis immer eingesetzt werden? Stellen wir den Mannschaften pro Spiel eine bestimmte Anzahl an Challenges zur Verfügung? Sollte es eine grundlegende Review-Obergrenze geben? Wollen wir das überhaupt reglementieren?

SPOX: Der Trend ist offensichtlich: Durch technische Errungenschaften sollen die Fehler der Schiedsrichter minimiert werden. Wo führt das hin?

Meier: Ich bin davon überzeugt, dass wir noch nicht alle Ressourcen optimal einsetzen. Die Torlinienrichter braucht zum Beispiel kein Mensch. Es wäre zielführender gewesen, die Schiedsrichter auf dem Platz noch besser zu schulen und zu professionalisieren. Da gibt es im Profifußball noch viel Luft nach oben. Die Technik löst nicht alle Probleme. Deshalb müssen wir den Fokus vermehrt auf die Menschen legen und dann ergänzend mit der Technik arbeiten. Die Kombination aus professionellen Schiedsrichtern und reibungslos funktionierender Technik ist am vielversprechendsten.

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