Bundesliga: Der Trainer-Transfermarkt im Wandel

Es herrscht Anarchie!

Freitag, 09.06.2017 | 14:54 Uhr
Der Trainer-Transfermarkt im Wandel: Herrlich, Weinzierl, Bosz und Nagelsmann
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Die Wechsel von Peter Bosz zu Borussia Dortmund und Heiko Herrlich zu Bayer Leverkusen sowie die Vertragsverlängerung der TSG Hoffenheim mit Julian Nagelsmann stehen exemplarisch für neue Trends. Der Trainer-Transfermarkt durchlebt einen Wandel und nähert sich dem Spieler-Transfermarkt an.

Die Website transfermarkt.de ist wie der Name schon vermuten lässt auf Transfers im Fußball-Geschäft spezialisiert. Es gibt Rankings, Statistiken und Wertungen aller Art: Transferrekorde, Transfergewinne, Transfersalden, Transfererlöse. Und das zu allen Profi-Ligen, allen Profi-Vereinen und allen Profi-Spielern.

Man kann herausfinden - falls man es nicht ohnehin schon weiß -, dass Cristiano Ronaldo 100 Millionen Euro wert sein soll und am 1. Juli 2009 für 94 Millionen Euro von Manchester United zu Real Madrid gewechselt ist. Genauso wie, dass der Marktwert von David Pisot 600.000 Euro betragen soll und er am 16. August 2016 für 300.000 Euro vom VfL Osnabrück zu den Würzburger Kickers transferiert wurde.

Egal auf welchem Leistungsniveau: Der Spieler-Transfermarkt fesselt und begeistert und wird nicht nur dann verfolgt, wenn das Transferfenster gerade geöffnet ist, sondern immer. Er genießt große Aufmerksamkeit, die er sich aber zunehmend mit seinem kleinen, heranwachsenden Bruder teilen muss: Dem Trainer-Transfermarkt.

Anders als der organisierte großer Bruder ist der Trainer-Transfermarkt noch reichlich wild, wenig reguliert und schlecht dokumentiert. In Sachen Trainer-Wechsel gibt es bei transfermarkt keine Transferrekorde, Transfergewinne, Transfersalden oder Transfererlöse. Derzeit lautet das Motto: Jeder wie er will, wo er will und wann er will. Es herrscht Anarchie!

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Der Trainer als Transfer-Ware

Früher war es ja oftmals so: Ein Trainer wurde entlassen, hat ein paar Wochen lang entspannt und wurde dann vom nächsten Verein angeheuert. Wenn er Erfolg hatte, genoss er ihn und zog womöglich nach Vertragsende zu einem größeren Klub weiter. Wenn er auch dort entlassen wurde, fing das Spiel von vorne an. Dem Trainer wurde selten hohe Bedeutung zugewiesen, die Tore schossen ja die Spieler. Das tun sie zwar immer noch, aber der Stellenwert des Trainers ist am Steigen, in der öffentlichen Wahrnehmung und wohl auch innerhalb der Vereine.

Der Trainer wird zunehmend - genau wie der Spieler es schon lange ist - zu einer heißen Transfer-Ware. Heiko Herrlich wurde nach dem geglücktem Aufstieg mit Jahn Regensburg etwa von Bayer Leverkusen gekauft. Besonders plakativ ist dieser Trend aber am Beispiel Bosz zu erkennen. Ajax stürmte in der vergangenen Saison mit einer jungen Mannschaft, die einige Vertreter der seltenen Spezies Top-Talent beinhaltet, bis ins Europa-League-Finale. Noch bevor sich aber die internationalen Top-Klubs wie Hyänen um diese gerade erst volljährigen Top-Talente zu streiten begannen, wurde erstmal der 53-jährige und somit längst volljährige Trainer weggekauft.

Knapp drei Millionen Euro soll Borussia Dortmund für Peter Bosz an Ajax überwiesen haben. Dessen ehemaligen Stürmer Kasper Dolberg machte das stutzig: "Es gibt Gerüchte über Spieler, die vielleicht weggehen, aber ich hätte nicht erwartet, dass der Coach als Erster geht. Das war eine große Überraschung." Verfolgt man die Entwicklung des Trainer-Transfermarkts der vergangenen Jahre, war das jedoch keine Überraschung mehr.

Die Ablöse-Diskrepanz zwischen Trainer und Spieler

500.000 Euro soll der FC Schalke 04 2015 an den SC Paderborn überwiesen haben, um sich die Dienste von Andre Breitenreiter zu sichern und ihn zu diesem Zeitpunkt zu einem der teuersten Trainer der Bundesliga-Geschichte zu machen. Für eine einjährige Leihe des damals 19-jährigen Pierre-Emile Hölbjerg zahlte Schalke im gleichen Sommer das Doppelte.

Der Trainer ist die wichtigste Person im Verein, heißt es oft und gerne. Angesichts dessen ist das Geld, das Vereine für die Besetzung dieses Postens investieren, in Relation zu dem, was für Spieler ausgegeben wird, ein Witz. Derzeit wird aus diesem brüllendlustigen Witz aber langsam ein, naja, semilustiger. Die Diskrepanz beginnt sich nämlich zu verringern.

Nachdem der FC Schalke 04 Andre Breitenreiter entlassen hatte, investierte er im darauffolgenden Sommer für die Neubesetzung des Postens das Achtfache. S04 zahlte knapp vier Millionen, um Markus Weinzierl vom FC Augsburg loszueisen. Gebunden wurde er bis 2019. Weinzierl galt als aufstrebendes Trainer-Talent und Schalke wollte sich mit dem langfristigen Vertrag vor einem ablösefreien Wechsel, wie man ihn von Spielern kennt, schützen. Sollte Weinzierl gute Ergebnisse erzielen und das Interesse größerer, finanzkräftiger Vereine wecken, würde Schalke immerhin eine Ablöse kassieren.

Jetzt, da Weinzierl wohl Geschichte ist, verfolgt Schalke den gleichen Plan erneut. Kommt Domenico Tedesco von Erzgebirge Aue, wird auch er einen langfristigen Vertrag bei S04 erhalten. Tedesco ist ein großes Trainer-Versprechen, er schloss seine Ausbildung zum Fußballlehrer einst sogar besser ab als Julian Nagelsmann.

Nagelsmann arbeitet mittlerweile erfolgreich bei der TSG Hoffenheim und verlängerte nun seinen Vertrag. Die Ausdehnung des ohnehin bis 2019 laufenden Vertrags bis 2021 kam zwar überraschend, wird aber letztlich keine Bedeutung haben. Sie wird lediglich die Ablösesumme, die Hoffenheim irgendwann für Nagelsmann kassieren wird, erhöhen.

Handeln wie am Spieler-Transfermarkt

All das zeigt: Klubs behandeln Trainer in Vertragsfragen zunehmend wie Spieler. 2014 verlängerte Hoffenheim den 2015 auslaufenden Kontrakt von Stürmer Roberto Firmino vorzeitig bis 2017. Schon zu diesem Zeitpunkt war der Brasilianer europaweit umworben und es war absehbar, dass er kaum bis zum neuen Vertragsende im Kraichgau bleiben würde. Durch die Verlängerung entstand jedoch eine Win-Win-Situation: Der Spieler bekam die Möglichkeit, sich noch ein Jahr zu entwickeln und freute sich wohl über eine beträchtliche Gehaltserhöhung; der Klub musste den Spieler nicht unter Druck verkaufen, sondern kassierte letztlich eine Ablösesumme von knapp 40 Millionen Euro.

Sollte Nagelsmanns Mannschaft weiterhin guten Fußball und gute Ergebnisse liefern, wird sich dieses Szenario alsbald wiederholen. Sowohl beim FC Bayern als auch in Dortmund soll der Name Nagelsmann bereits diskutiert worden sein, das wissen auch die Hoffenheimer Verantwortungsträger. Nicht umsonst sagte Mäzen Dietmar Hopp erst vor knapp drei Wochen in der SportBild: "Ich habe die Hoffnung, dass Nagelsmann länger als seine aktuelle Vertragslaufzeit bei uns bleibt. Ich glaube aber, das ist eine Illusion." Durch die jetzige Vertragsverlängerung hat sich an diesem Umstand nichts geändert. Außer eben, dass sich Hoffenheim wohl auf eine gewaltige Ablöse wird freuen dürfen.

Wo es Nagelsmann künftig auch hinzieht, es wird aller Voraussicht nach die höchste Summe, die je für einen Trainer gezahlt wurde, fällig. Halb im Spaß meinte Hopp vor einem Monat in einem Interview mit der Welt am Sonntag: "Ich lege hiermit seine Ablösesumme auf 400 Millionen Euro fest." Solche Aussagen sind neu im deutschen Fußball, aber angesichts der Entwicklung der vergangenen Jahre nur verständlich.

Große Vereine handeln auf dem Trainer-Transfermarkt zunehmend wie auf dem Spieler-Transfermarkt. Überzeugt der Coach eines kleineren Klubs, wird er einfach aus seinem Vertrag rausgekauft. Da es keine Trainer-Transferfenster gibt, haben die großen Vereine hierbei absolute Narrenfreiheit. Doch die kleineren Klubs, deren langfristige Planungssicherheit ob des Verhaltens der größeren eingeschränkt wird, wehren sich. Sie versuchen ihre Trainer-Talente langfristig zu binden, um später nicht nur für ihre begehrten Spieler Ablösesummen zu kassieren, sondern auch ihre Trainer.

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