Soforthilfe sieht anders aus

Walace stand im Olympia-Finale gegen Deutschland in der Startelf
© getty

Walace ist der dritte Wintertransfer des Hamburger SV. Etwa neun Millionen Euro überwiesen die Rothosen für den 21-Jährigen an Gremio Porto Alegre. Der Brasilianer gilt in seiner Heimat als riesiges Talent und stand auf dem Zettel zahlreicher großer Klubs. Doch eine direkte Verstärkung ist Walace zunächst wohl nicht.

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Als Dietmar Beiersdorfer im Sommer 2016 von den Olympischen Spielen in Rio zurück nach Hamburg reiste, war sein Zettel gespickt mit Talenten und aufgehenden Sternchen. Ganz oben stand beispielsweise Douglas Santos. Ein junger, quirliger Linksverteidiger, der mit der brasilianischen Nationalmannschaft die Goldmedaille holte. Der 22-Jährige tat es den Hamburgern so sehr an, dass sie ihn direkt verpflichteten.

Ebenfalls auf der Liste war ein gewisser Walace Souza Silva zu finden. Auch er sollte am besten noch im selben Transferfenster zu den Rothosen wechseln. Doch Beiersdorfer scheiterte mit seinen Verhandlungen, der Brasilianer blieb in seiner Heimat und die Akte wurde auf den Stapel gelegt.

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Nur wenige Monate später kramte Beiersdorfer-Nachfolger Jens Todt die Personalie wieder hervor und startete einen neuen Anlauf - mit Erfolg. Der defensive Mittelfeldspieler einigte sich am Montag mit den Hamburgern auf einen Vertrag bis 2021. Satte neun Millionen Euro überwiesen die Hanseaten dafür angeblich nach Südamerika.

"Walace ist ein körperlich robuster und zweikampfstarker Spieler. Wir freuen uns sehr, dass er ab sofort für den HSV spielt", sagte Todt, nachdem der Brasilianer den obligatorischen Medizincheck absolviert hatte.

Debüt in der Selecao

Für Walace ist der Hamburger SV der erste Klub außerhalb seines Heimatlandes. "Wichtig ist, dass ich mich schnell an die neue Situation gewöhne und hier einlebe, damit ich auf dem Platz eine gute Leistung zeigen kann", erklärte der Spieler selbst bei seiner Ankunft: "Ich hoffe, dass ich dem Klub in der momentan schweren Situation helfen kann."

Seit jungen Jahren spielte der defensive Mittelfeldspieler bei Gremio Porto Alegre. Ein gewisser Luiz Felipe Scolari verhalf ihm mit 19 Jahren zum Durchbruch bei den Profis. Seitdem war er im Team Stammspieler und ging auch auf der internationalen Bühne einen Schritt nach dem anderen.

Bei der U20-Südamerikameisterschaft 2015 war er elementarer Baustein des Mittelfelds der Brasilianer. Es folgten die Premiere bei der A-Nationalmannschaft der Selecao und wenig später das Heimturnier bei Olympia, bei dem erstmals zahlreiche Teams aus Europa auf Walace aufmerksam wurden. Sein Anteil an der Goldmedaille war mehr als ordentlich. Ab dem dritten Gruppenspiel bis zum Finale stand der 21-Jährige jede Minute auf dem Platz.

Abstiegskampf in der Bundesliga: Das Bild wird langsam klarer

Die Selecao profitierte schon im Sommer von der enormen Dynamik und Robustheit des Brasilianers. Sein Körper ist eine Wucht. Auch wenn er auf den ersten Blick wie ein Weitspringer aussieht, setzt der 1,88-Meter-Schlaks seinen drahtigen Körper im Infight immer wieder geschickt ein, schirmt den Ball gut ab oder stürmt wuchtig auf den Gegner zu.

Rechte Klebe und Mini-Pogba

Ihn lediglich auf die Physis zu reduzieren, wäre falsch. Walace kann äußerst lange, präzise Pässe spielen und hat für sein Alter bereits eine gute Spielübersicht. Sobald er in Tornähe auftaucht, kommt eine weitere Stärke zum Tragen. Denn der 21-Jährige hat eine wuchtige rechte Klebe. Fällt ihm die Kugel in entsprechender Nähe vor die Füße, zieht er nicht selten direkt ab. Auf diese Weise erzielte der Brasilianer bei seinem Heimatverein bereits eine ganz Ladung spektakulärer Tore.

Auch aufgrund dieser Buden wird er in seiner Heimat bereits als eines der größten Talente überhaupt gefeiert. Klar, dass auch hier wieder ein großer Star aus Europa als Vorbild dienen muss. Vom "Mini-Pogba" ist bei ihm die Rede. Die Vergleiche hinken zwar noch stark, doch sowohl Phänotyp als auch Spielweise und Bewegungsabläufe erinnern stark an den Franzosen. Walace selbst sieht die Vergleiche gelassen und wischt sie selbstbewusst beiseite. "Ich will den Menschen nicht als zweiter Pogba in Erinnerung bleiben, ich möchte, dass sich die Menschen an meinen Namen erinnern", so der 21-Jährige.

Keine sofortige Verstärkung

Beim HSV wird eine weitere Parallele hinzukommen. Ähnlich wie Pogba in Manchester werden sie den Brasilianer in der Hansestadt als neuen Heilsbringer im Abstiegskampf empfangen. Schließlich baumelt um seinen Hals ein fettes Preisschild mit einer beachtlichen Summe. Es wird in den nächsten Tagen und Wochen die Hauptaufgabe der Verantwortlichen, dem Umfeld klar zu machen, dass der Brasilianer womöglich nicht auf Anhieb eine Verstärkung darstellt.

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Trainer Markus Gisdol äußerte sich bereits in diese Richtung. "Wir werden ihm sicher ein wenig Zeit einräumen müssen. Wir hoffen, dass er uns diese Saison in ein paar Spielen helfen kann", erklärte der Trainer gegenüber der Hamburger Morgenpost.

Entsprechend warnte auch Todt vor zu hohen Erwartungen an den Olympiasieger von Rio: "Wir dürfen gerade zu Beginn seiner Zeit in Deutschland nicht zu viel von ihm erwarten. Wir werden ihn fair behandeln und ihm eine Anpassungszeit zugestehen." Dafür spricht auch, dass das Spiel gegen Leverkusen am Wochenende "definitiv" kein Thema sei.

Der Plan war anders

Walace ist alles andere als ein kurzfristiger Notnagel, der im Abstiegskampf sofort funktionieren wird. Es wird dauern, bis er sich an die Bundesliga gewöhnt hat und die Defizite abgestellt hat. Alleine bei seinem Einsteigen wirkt der Mittelfeldspieler beispielsweise noch leicht hektisch und wild.

Meist stürmt er naiv in den Gegner hinein und versucht, den Ballverlust zu erzwingen. Geht es gegen einen geschickten Gegenspieler, führt die überhastete Attacke nicht selten zu einem Foul. So sah er alleine in den letzten beiden Spielzeiten 17 Mal die Gelbe Karte.

An der Elbe sind sie sich bewusst, dass sie keinen fertigen Spieler verpflichtet haben. Walace ist eine Investition in die Zukunft. Auch wenn der Plan anders aussah. "Die Spieler, die in Deutschland spielen und Thema bei uns waren, haben wir nicht kriegen können. Dann musst du dir Optionen im Ausland ansehen - und auch perspektivisch denken", hatte Gisdol vor dem Transfer gesagt.

Die von vielen HSV-Fans erhoffte Soforthilfe muss also weiterhin aus dem Kollektiv heraus entstehen. Walace dagegen ist ein weiterer Fingerzeig an die Konkurrenz, was beim HSV finanziell möglich ist. Genau an diesen Transfers muss sich der Klub aber letztlich auch messen lassen.

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