Fussball

(R)ode an die Freude

Von Tristan Ebertshäuser
Mittwoch, 11.01.2017 | 15:20 Uhr
Sebastian Rode ist noch nicht richtig beim BVB angekommen

Sebastian Rode kam mit großen Erwartungen vom FC Bayern München zu Borussia Dortmund. Doch die Hinrunde lief für ihn persönlich noch durchwachsener als für den BVB. Der Mittelfeldspieler ist in Tuchels System noch immer auf der Suche nach seinem Platz.

"Freude, schöner Götterfunken" - der erste Vers der ersten Strophe von Schillers berühmtem Poem ist weithin bekannt. Der erste Vers der siebten Strophe hingegen weniger: "Freude sprudelt in Pokalen", heißt es da. Von Pokalen und sprudelndem Siegessekt ist der BVB nach durchwachsener Hinrunde ungefähr so weit entfernt wie sein Arbeitnehmer Sebastian Rode von der Freude - etwa über einen Stammplatz. Der war nach seinem ernüchternden "Karrierezwischenschritt" bei Rekordmeister Bayern München beim neuen Arbeitgeber eigentlich fest vorgesehen.

"Natürlich ist es mein Ziel und mein Anspruch, dort Stammspieler zu werden. Wenn das klappt, dann bin ich auch wieder interessant für Jogi Löw."

So lauteten die forschen Worte des 26-jährigen Mittelfeldspielers im kicker kurz nach seiner Verpflichtung. Eine Hinrunde später muss man konstatieren, dass Rode hier vielleicht gedanklich den zweiten Schritt vor dem ersten gemacht hat. Der Bundestrainer hat sich vermutlich noch nicht gemeldet.

Weniger zweite Plätze, mehr Sekt, mehr Pokale

Lässt man den Sarkasmus beiseite - denn wer hat nicht schon einmal etwas gesagt, was hinterher wie ein Bumerang zurückgeflogen kam? - muss man Rodes Führungsanspruch eigentlich positiv bewerten. Genau dafür wurde er geholt: ein "aggressive Leader", der sich reinhaut, als gäbe es kein Morgen und der taktisch und spielerisch dennoch mithalten kann. Einer, der dem Team die nötige Balance gibt, die Feingeister um sich herum noch besser macht und sich voll mit dem Klub identifiziert. Ein "neuer Kehl", mit dem man gegen Liverpool eine 3:1-Führung nicht noch aus der Hand gibt und in der Nachspielzeit ausscheidet.

Weniger zweite Plätze, mehr Sekt, mehr Siegerpokale - (R)ode an die Freude.

Die Realität sieht anders aus: Wettbewerbsübergreifend sammelte er 18 Einsätze, davon wurde er zehnmal meist spät eingewechselt, viermal ausgewechselt, bleiben vier Spiele über 90 Minuten, davon nur zwei in der Bundesliga.

Dazu kam Pech: Eine Blinddarm-Not-Operation kostete ihn das Spiel gegen seinen Ex-Klub Bayern, ein Schlag im Spiel gegen Köln die letzten beiden Ligaspiele gegen Hoffenheim und Augsburg. Statt eines Stammplatzes im zentralen Mittelfeld blieb er trotz Verletztenmisere außen vor oder musste auf der Außenverteidigerposition aushelfen.

Doch was ist los? Anlaufschwierigkeiten? Pech? Oder tatsächlich ein Missverständnis, wie Kritiker schon bei seiner Verpflichtung befürchteten?

Die Suche nach dem Platz im Team

Klar ist: Rodes Rolle in Tuchels System ist unklar. Rode ist kein Ballverteiler wie Weigl, der meist den alleinigen Sechser gibt. Er ist auch kein Gündogan, der Weigl letzte Saison entlastete, indem er neben ihm den Ball nach vorne trieb, wenn dieser zugestellt wurde. Kann Rode dem BVB also überhaupt helfen?

Betrachtet man Dortmunds Defensivprobleme, die sich wie ein roter Faden durch die Saison ziehen, muss man den Schluss ziehen: Auf dem Papier ist Rode die gemalte Lösung! Wie oft wünschte man sich einen zweikampfstarken Terrier, der noch dazwischenspritzt, wenn Weigl schon überspielt war und der Gegner ungehindert im Eiltempo mit drei Leuten auf die sichtlich nervöse Abwehrkette zusprintete? Doch erstens fehlte dieser Terrier in der Hinrunde, egal ob mit oder ohne Rode auf dem Platz. Und zweitens wäre wohl eine Systemumstellung zurück zu zwei Sechsern nötig, die den BVB einer Kreativoption in der Offensive berauben würde.

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Doch auf der Sechs sieht Rode sich selbst eigentlich sowieso nicht: "Weigl sehe ich nicht als direkten Konkurrenten, weil er direkt auf der Sechs spielt. Mein Einsatzgebiet ist ein Stück weiter vorne, das wurde mir auch vom Trainer so vermittelt", sagte Rode vor der Saison. Und genau dort, auf der Acht, kam er am Anfang auch meist zum Einsatz.

Doch Tuchel merkte schnell, dass der BVB noch nicht so aus einem Guss spielt, dass man für Rode einen Castro, Götze, Kagawa oder Guerreiro draußen lassen kann. Wie wichtig die individuelle Kreativität für Dortmunds Offensive ist, zeigte sich zuletzt dadurch, dass sogar der eigentlich als Außenspieler geholte Dembele statt Rode im Zentrum zum Einsatz kam.

Einer für die großen Spiele?

Bleiben die sogenannten "großen Spiele". Gegen Gegner, die selbst auch das Spiel machen wollen, Gegner die man mit aggressivem Pressing und Gegenpressing entnerven und ihnen die Spielfreude nehmen muss - gegen solche Mannschaften kann ein Rode Gold wert sein. Doch blickt man zum Beispiel auf die Champions League, sieht man: Gegen Real Madrid wurde Rode einmal in der 80. Minute eingewechselt, einmal war er nicht im Kader.

Insgesamt stellt sich also schon die Frage, woran es in der Beziehung Dortmund-Rode tatsächlich hakt. Am beiderseitigen Willen zumindest nicht. Rode selbst schlief schon als Kind in BVB-Bettwäsche und auch Tuchel wollte den Ex-Juniorennationalspieler unbedingt. Er hätte ihn sogar gerne schon zu Mainz geholt. Auch die BVB-Verantwortlichen wollten Rode schon 2014 für sich gewinnen.

Wie es weiter geht, liegt an ihm und daran, was Tuchel mit ihm vorhat. Wird er nach Kampl der nächste BVB-Fan seit Kindheitstagen, für den es bei seinem Lieblingsverein letztlich nicht reicht? Oder erkämpft er sich seine Rolle und überrascht am Ende alle - vielleicht sogar einen bekannten Schalträger aus Baden? Möglich ist alles. Rode selbst wird alles daran setzen, seine Position im Team zu finden und sein Ziel - den Stammplatz - nicht aus den Augen zu verlieren.

Chance Marbella - spielt der Körper mit?

Eigentlich wäre das Wintertrainingslager wie geschaffen gewesen, um den Beziehungsstatus nun endlich von "es ist kompliziert" auf "gesucht und gefunden" zu stellen. Doch womöglich erlitt Rode mit seiner Verletzung einen kleinen Rückschlag im Winterurlaub.

Tuchel hatte vergangenen Samstag bereits ankündigt, in Marbella nicht mit dem Blondschopf im Mannschaftstraining zu rechnen. Der nächste Nackenschlag. So sah man Rode hauptsächlich im kleinen, neben dem Platz aufgebauten weißen Fitnesszelt, während der Rest der Mannschaft auf dem Grün schwitzte und sich einspielte.

Die gute Nachricht: Wider Erwarten konnte Rode am Montag dann doch kleinere Spielformen mit dem Team absolvieren. Die Wahrscheinlichkeit, einen fitten und ins System integrierten Rode in der Rückrunde zur Verfügung zu haben, ist für den BVB somit etwas gestiegen. Das heißt für Rode im Moment: Noch kein Sekt, keine Pokale, aber immerhin ein kleiner Grund zur Freude.

Sebastian Rode im Steckbrief

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