Fussball

Auf den Spuren von Overath und Flohe

Von Simon Ommer
Salih Özcan schaffte in dieser Saison den Durchbruch in der Bundesliga

Der 1. FC Köln spielte eine starke Hinrunde und träumt erstmals seit langer Zeit wieder vom internationalen Geschäft. Die Mannschaft trotzte einigen Verletzungssorgen und überwintert auf Rang sieben. In Abwesenheit des verletzten Kapitäns Matthias Lehmann spielte sich dabei ein Spieler besonders in den Fokus: Salih Özcan. Der 19-Jährige ist einer von acht gebürtigen Kölnern im Kader - und könnte bei den Geißböcken auf die Ikonen der Vereinsgeschichte folgen.

21. September 2016, Veltins-Arena auf Schalke: Der 1. FC Köln führt bei Schalke 04 mit 2:1. In den Schlussminuten schickt Peter Stöger einen neuen Mann auf den Platz. Salih Özcan. Der Mittelfeldspieler feiert sein Debüt in der Bundeslig. Und benötigt dabei keine lange Anlaufzeit - nur wenige Minuten nach seiner Einwechslung fasst sich der junge Mann ein Herz, umkurvt technisch brillant die Defensive der Schalker und legt das 3:1 durch Simon Zoller auf. Die Entscheidung.

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Eine Szene, die nicht nur für reichlich Aufmerksamkeit sorgte, sondern vor allem die Fähigkeiten des Talentes aufzeigt. Sehr früh wurde der 1. FC Köln auf Özcan aufmerksam. Bereits im Jahr 2007 wechselte der damals Neunjährige vom Kölner Klub SC West in die Jugend der Geißböcke.

In den Nachwuchsmannschaften des Vereins erlernte er eine beeindruckende Passsicherheit, hatte mit seiner Torgefahr aber auch einen entscheidenden Anteil an den Erfolgen der Mini-Böcke. In der B-Junioren-Bundesliga erzielte er 25 Treffer in 48 Spielen - als gelernter zentraler Mittelfeldspieler.

In Köln sind die Vorzeichen jetzt klar: Vergebens hat man in den letzten Jahrzehnten nach einem hervorragenden Spielmacher gesucht. Nun sorgt nach langer Zeit mal wieder ein Eigengewächs für Euphorie in der Domstadt. Kein Spieler auf dieser Position konnte in jüngerer Vergangenheit vollends überzeugen. Zu groß waren die Spuren, welche Ikonen wie Wolfgang Overath und Heinz Flohe hinterlassen haben. Dahin ist der Weg für Özcan noch weit, dennoch träumt man in der Rheinmetropole von einer glorreichen Zukunft.

Souverän und zuverlässig

Die Kombination aus Torgefahr, Passspiel und Übersicht sorgen dafür, dass Özcan auf mehreren Positionen flexibel einsetzbar ist. Im defensiven Mittelfeld, auf der Zehn oder zwischen den Linien absolvierte er den Großteil seiner Spiele. Sogar im Sturm wurde der Juniorennationalspieler schon eingesetzt.

Am stärksten ist er aber im zentralen offensiven Mittelfeld, auch dank seines Offensivdrangs. Bei der U17-WM zeigte er auf eben jener Position im ersten Gruppenspiel gegen Australien seine herausragendste Eigenschaft: Die Vorbereiterqualitäten. Beim 4:1-Sieg der deutschen Mannschaft legte er alle Tore auf und hatte so erheblichen Anteil am gelungenen Start der DFB-Junioren.

Dennoch setzte ihn Coach Stöger in seinen ersten acht Bundesligaspielen ausschließlich im defensiven Mittelfeld ein. Neben dem erfahrenen Marco Höger bekleidete er die Position mit großer Souveränität und Zuverlässigkeit. Es ist beachtlich für sein Alter, wie abgeklärt die Aktionen des 18-Jährigen sind. Seine Mitspieler scheuen keinen Pass und suchen Özcan - auch in Drucksituationen.

Zu Gute kommt ihm dabei auch seine enorme Robustheit, die es ihm ermöglicht, gegen erfahrene Bundesligaspieler zu bestehen. Ähnlich sieht es Stöger: "Er wird noch seine Zeit brauchen. Aber für sein Alter ist er schon gut unterwegs."

Nur selten kommt seine Unerfahrenheit und die seiner Jugend geschuldete Naivität zum Vorschein: Beim 1:1-Unentschieden gegen Borussia Dortmund zum Beispiel flog Özcan nach einem überflüssigen Foul in der Schlussphase vom Platz. Trotzdem vertraut ihm das Trainerteam und setzte ihn nach seiner Sperre auf Anhieb zurück in die Startformation.

"Er will lernen"

Doch auchÖzcan selbst trägt seinen Teil dazu bei, dass er weiter Spielpraxis im deutschen Oberhaus sammeln wird, wie Thomas Kessler anmerkt: "Er ist einer, der in der Kabine von Anfang an viel zugehört hat, der wissbegierig ist, der lernen möchte. Ich glaube, das mag auch der Trainer so an ihm."

Eine große Hilfe für Özcan in der Eingewöhnungszeit an den harten Profialltag war stets sein Mitspieler Mergim Mavraj. Der Innenverteidiger unterstützte seinen jungen Kollegen auf dem Platz mit reichlich Fürsorge, begleitete seinen "Ziehsohn" aber auch abseits des Felde - und stand ihm sogar bei seinem ersten Interview bei. Nun hat Mavraj den Verein Richtung Hamburg verlassen und Özcan seinen Begleiter verloren.

Der Kapitän der deutschen U19-Nationalmannschaft, ist einer von acht gebürtigen Kölnern im Geißbockheim. Trotz seines rasanten Aufstiegs muss der Jungspund noch einiges lernen: Der feine Techniker hält oftmals den Ball zu lange und verhindert damit ein schnelleres Umschaltspiel. Zudem agiert er in Drucksituationen teilweise zu ungenau.

Wohin führt der Weg?

Dennoch: Im Regelfall bereichert Özcan das Spiel der Kölner mit Präsenz, Übersicht und großartigen Spielverständnis. Sein Talent ist unumstritten, auch wenn er von der Verletzung des Kapitäns Matthias Lehmann profitierte. Ohne die hätte er vermutlich weniger Spielanteile bekommen.

In der Rückrunde wird er sich daher vorerst wieder hinter dem Spielführer, der seinen Vertrag jüngst verlängerte, einreihen. In dessen Schatten kann sich Özcan aber in Ruhe weiterentwickeln. Und macht er so weiter wie bisher, wird der Weg früher oder später automatisch in die Startformation führen.

So träumt der bekanntlich euphorische Kölner Fan schon früh von einem Nachfolger der goldenen Generation aus der Zeit um die Legenden Overath und Flohe. Ein Vergleich ist natürlich unangebracht und deutlich zu früh. Aber die Anlagen, um ein bedeutender Spieler in der FC-Historie zu werden, hat Özcan in jedem Fall.

Salih Özcan im Steckbrief

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