Mainz-Sportdirektor Rouven Schröder im Interview

"Ihre sportliche Vita interessiert mich nicht"

Donnerstag, 19.01.2017 | 14:10 Uhr
Rouven Schröder ist seit Sommer offiziell Sportdirektor beim 1. FSV Mainz 05
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Rouven Schröder hat nach dem Ende seiner Spielerkarriere eine vielschichtige Funktionärslaufbahn eingeschlagen. Beim 1. FSV Mainz 05 ist der 41-Jährige seit Sommer Sportdirektor und damit Nachfolger von Vereinspatron Christian Heidel. Im Interview spricht Schröder über seine Zeit außerhalb des Fußballs im Außendienst, den überraschenden Anruf aus Mainz und erklärt, warum Heidel niemals wirklich weg sein wird.

SPOX: Herr Schröder, nach Ihrer Karriere als Spieler hat sich ja einiges auf Ihrer Vita angesammelt: Außendienstler, Co-Trainer, Scout, Video-Analyst, sportlicher Leiter, Direktor Profifußball, Sportdirektor. Das klingt enorm.

Rouven Schröder: Ich habe nichts am Reißbrett geplant, das Leben spielt manchmal einfach so. Dieser Werdegang spiegelt für mich die komplexe berufliche Situation im Fußball wider. Es können unheimlich viele Faktoren, positive wie negative, und Puzzleteile zusammenkommen, die am Ende ein Bild für das große Ganze ergeben. Nur so kann man viele Bereiche selbst richtig beurteilen. Es war für mich im Nachgang sehr wichtig, all die zahlreichen Einblicke bekommen zu haben.

SPOX: Sie haben noch während Ihrer Spielerkarriere einen kaufmännischen Job auf der Geschäftsstelle sowie eine Art Trainee beim VfL Bochum durchlaufen und sind dabei mit mehreren Abteilungen im Verein in Berührung gekommen. Dort waren Sie genauso spielender Co-Trainer wie später beim Amateurverein NTSV Strand 08 oder interimsweise bei der SpVgg Greuther Fürth. Wieso haben Sie das nicht weiterverfolgt?

Schröder: Das hat sich letztlich nicht ergeben, auch wenn das ein sehr spannender Bereich ist. Ich denke manchmal, dass es mir in meiner aktuellen Funktion gut zu Gesicht stünde, auch im Besitz der Trainerlizenzen zu sein und diese Art der Fortbildung mitzunehmen. Das wäre sehr interessant und wie ein weiteres Mosaiksteinchen, um die ganze Sache weiter abzurunden. Die Trainerscheine sind jedoch sehr komplex und verschlingen ziemlich viel Zeit. Momentan bin ich auch so glücklich und zufrieden - und ja auch noch jung genug. (lacht)

SPOX: Im Januar 2010 haben Sie Bochum dann verlassen, um näher zu Ihrer Familie in Lübeck zu rücken. Das bedeutete auch den Ausstieg aus dem Profifußball. Wieso haben Sie damals so entschieden?

Schröder: Ich war in Bochum von sieben Tagen in der Woche sechseinhalb Tage nicht bei meiner Familie. Wir haben uns gemeinsam entschieden, die Familie wieder in den Norden zurückzuführen, da sie dort tief verwurzelt ist. Ich habe daher meinen Job beim VfL mehr oder weniger von heute auf morgen beendet. Danach habe ich gemerkt, wie schwierig es unter gewissen Umständen sein kann, in der Fußballbranche zu bleiben.

SPOX: Wie ging es weiter?

Schröder: Ich bin zunächst für drei Monate als Area Sales Manager in die Gastronomie- und Wasserbranche eingestiegen. Das war so etwas wie ein Übergang, denn es ging zunächst unter anderem ja auch darum, meine Familie zu ernähren. Direkt im Anschluss arbeitete ich von Montag bis Freitag in der Sportartikelbranche, ab Juli war ich zudem am Wochenende als Honorar-Scout für den 1. FC Nürnberg in Norddeutschland und Skandinavien unterwegs. Dass der Sport auch künftig eine große Rolle in meinem Leben spielen sollte, war mir immer klar. Ein Jahr später ging es beim Club in eine Festanstellung über. Das war dann auch gleichzeitig der schnelle Wiedereinstieg in den Fußball.

SPOX: Wie sah Ihr Alltag als Außendienstler aus?

Schröder: Der Schwerpunkt in der Gastronomie lag in Hamburg beziehungsweise in ganz Schleswig-Holstein. Ich bin morgens die Zentrale angefahren und habe meine Route für die gesamte Woche geplant. Ich habe Kunden betreut und versucht, neue zu akquirieren. In der Sportartikelbranche war es ähnlich. Ich war vor Ort und hatte Kontakt zu den einzelnen Teams. Es ging darum, Kontakte zu knüpfen und Textilien zu verkaufen. Das Ausrüster-Geschäft war mehr regionaler Art. Ich konnte aber wieder mit Vereinen sprechen, zusammen mit dem Scouting-Job für den FCN war das eine Art Neuanfang für mich.

SPOX: Wie ungewohnt war der Job im Außendienst für Sie?

Schröder: Er war eine sehr wichtige Erfahrung. Ich bin sehr bodenständig erzogen worden. Ich weiß ziemlich gut, wie das normale Leben funktioniert. Es galt dort, die Dinge wieder so zu nehmen, wie sie sind. Das war nicht immer einfach. Ich weiß noch, wie mein damaliger Chef nach dem ersten Gespräch zu mir sagte: Herr Schröder, Ihre sportliche Vita interessiert mich mal gar nicht. (lacht) Ich war gezwungen, richtig Gas zu geben, um mich weiter zu empfehlen. Meine wirtschaftliche Ausbildung hat sich als sehr wichtig erwiesen, damit man mich in diesem neuen Job nicht belächelt.

SPOX: Zu Beginn Ihrer Laufbahn haben Sie Amateurfußball beim SSV Meschede gespielt und nebenbei ein Studium begonnen. Erst mit 23 sind Sie Profi geworden. Was ist aus dem Studium geworden?

Schröder: Ich habe nach meinem Abitur an der Sporthochschule Köln begonnen, aber nur ein Semester Lehramt studiert. Ich merkte schnell, wie das alles funktioniert und war mir sicher, dass ich das Studium niemals beenden würde. Ich brauchte irgendwie eine klarere Linie und habe mich dann entschieden, das einjährige Wirtschaftsabitur einzubauen. Damit habe ich anschließend meine Lehre zum Industriekaufmann von drei auf zwei Jahre verkürzt. Ich wollte einfach möglichst schnell einen ordentlichen Abschluss in der Tasche haben. In dieser Zeit kam unverhofft der Profifußball hinzu, so dass ich das letzte halbe Jahr parallel zur Ausbildung auch in der zweiten Mannschaft des VfL Bochum in der damaligen Regionalliga gespielt habe.

SPOX: Wie dankbar sind Sie Bernard Dietz, der Sie als Trainer der VfL-Amateure damals aus Meschede überhaupt erst nach Bochum und somit in Richtung Profidasein lotste?

Schröder: Sehr. Ich glaube, jeder Mensch braucht gewisse Fürsprecher, die einem manchmal auch neue Wege und Chancen aufzeigen können. Nutzen muss man sie dann allerdings selbst. Es fliegt einem nichts zu, gerade im Bereich des Profifußballs ist arbeiten angesagt. Man muss sich durchsetzen und überzeugen. Ich kann Ihnen nicht sagen, was mit mir genau passiert wäre, wenn es diese Episode in meinem Leben nicht gegeben hätte. Ich weiß nur, dass ich auf eine andere Weise aber genauso glücklich wäre. Ich kann auch ein ganz normales Leben führen.

SPOX: Nach zwei Jahren als Scout und Analyst endete Ihre Zeit in Nürnberg im Juni 2012. Was war der Hauptgrund dafür?

Schröder: Ich hatte das Angebot aus Fürth und konnte dort Koordinator sowie Spielanalyst der Lizenzmannschaft werden, die gerade erstmals in die Bundesliga aufgestiegen ist. Ich habe in der Zeit beim Club gemerkt, dass ich dort in dieser Funktion auch so etwas wie ein Außendienstler bin. Ich wollte daher die Chance nutzen, wieder näher an einen Verein und auch an eine Mannschaft heran zu rücken. Das war für mich der nächste logische Schritt. Ich konnte mich in Fürth empfehlen, ein halbes Jahr später bin ich sportlicher Leiter geworden.

SPOX: Letztlich haben Sie nach der Saison 2013/2014 auch Fürth verlassen, um wieder näher an Ihrer Familie zu sein. Hätten Sie das auch getan, wenn Sie nicht zeitgleich bei Werder Bremen eine Weiterbeschäftigung als "Direktor Profifußball und Scouting" bekommen hätten?

Schröder: Es war die Kombination beider Dinge. Ich hatte die Möglichkeit, in Bremen einzusteigen und habe sie dazu aufgrund der Nähe zur Familie sehr gerne wahrgenommen. Der Gedankengang wurde dadurch einfach beschleunigt, denn ich konnte fast 500 Kilometer an meine Familie heranrücken.

Seite 1: Schröder über die Distanz zur Familie und seine Zeit als Außendienstler

Seite 2: Schröder über den Anruf aus Mainz und den Unterschied zwischen Theorie und Praxis

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