Königsblauer Wortführer statt Anwalt

Von Mario Krischel
Freitag, 27.01.2017 | 13:31 Uhr
Leon Goretzka zählt mit 21 Jahren zu den Führungsspielern beim FC Schalke
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Leon Goretzka ist gerade einmal 21 Jahre alt. Trotzdem zählt er beim Schalke 04 schon zum Führungsspieler und Wortführer. Mit seiner Malocher-Mentalität - und seinem speziellen Social-Media-Auftritt - ist der Mittelfeldmann eine königsblaue Identifikationsfigur. Und muss sich trotzdem ab und zu kneifen.

Manchmal reicht ein kurzer Blick hinter die Kulissen, in diesem Fall in den Spielertunnel der Veltins-Arena. Rund sechzehn bis siebzehn Knappen warten darauf, dass der Stadionsprecher sie zum Aufgalopp bittet. Bevor es soweit ist, pushen sich die Schalker Akteure noch einmal gegenseitig. Einer, der hervortritt und das Wort ergreift: Leon Goretzka.

Zwei Stunden später, Schalke hat eben auf bitterste Weise gegen Leverkusen verloren, treten die Knappen unisono mit gesenktem Haupt vor die Nordkurve und holen sich für einen starken Kampf den verdienten Applaus ab. Einer, der immer wieder fragend den Kopf schüttelnd und die Wut aus sich herausschreit: Leon Goretzka.

"Auch nachdem man eine Nacht drüber geschlafen hat, wird das Ganze nicht weniger enttäuschend", schreibt Goretzka am Tag darauf bei Instagram unter ein Foto, das die oben genannte Situation zusammenfasst. Goretzka tritt hervor und spricht stellvertretend im Namen der gesamten Mannschaft - in dieser Saison längst keine Seltenheit mehr.

Vom Talent zum Führungsspieler

Spätestens im letzten Jahr ist das einstige "Jahrhundertalent" beim FC Schalke zum Führungsspieler gereift, das belegt nicht nur seine Position im Mannschaftsrat. Gerade in Phasen, in denen bei S04 viele gestandene Profis ausfallen und Königsblau eine schwierige Saison durchlebt, ist Goretzka mit seinen 21 Jahren ein Ansprechpartner für seine Teamkollegen.

Nicht nur für die noch jüngere Generation, wie beispielsweise Donis Avdijaj oder Thilo Kehrer. Sondern auch für die Generation, die schon im Profi-Fußball Fuß fasste, als Goretzka noch in Bochum für das Abitur büffelte. Auf und neben dem Feld ist er inzwischen ein Wortführer.

Das sei eigentlich schon immer so gewesen, erzählte er mal in einem Interview mit der Westfalenpost. "Meine Freunde sagen immer, ich wäre Anwalt geworden", wenn da nicht das fußballerische Talent im Weg gestanden wäre. "Ich weiß nicht, ob ich mich zu hundert Prozent damit identifizieren kann. Aber sie spielen darauf an, dass ich ganz gerne diskutiere."

Mr. Pferdelunge und die Gerechtigkeitsfrage

Und trotzdem, da kommt dann doch noch der "Bochumer Junge" zum Vorschein, müsse er sich manchmal noch kneifen. Mit 21 Stammspieler in der Bundesliga, Nationalspieler und Gewinner der olympischen Silbermedaille? "Das ist schon ein Riesentraum", sagt Goretzka fast wehmütig. "Man muss sich das noch mal vor Augen führen und sagen: 'Hey, du musst alles dafür tun, damit das bleibt und damit du das Maximum herausholst.' Sonst wäre es irgendwo unfair den Anderen gegenüber." Die Anderen, die Kollegen aus der Jugend, die den Sprung eben nicht geschafft haben.

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Genau diese Art schätzen die Fans auf Schalke. Goretzka verkörpert wie nur wenige seiner Mannschaftskameraden die königsblaue Malocher-Mentalität. Als "Mr. Pferdelunge" taufte ihn die WAZ zuletzt. Dass er lieber einen Weg zu viel als zu wenig macht, das wird durchaus honoriert.

Da macht es auch niemanden was aus, dass Goretzka nach wie vor in Bochum wohnt und auch immer noch VfL-Fan ist. "Alles andere wäre nicht fair, auch den Schalke-Fans gegenüber, wenn ich mich hinsetze und sage: 'Ich finde Schalke hundert Mal geiler als Bochum.' Aber ich merke von Jahr zu Jahr, dass sich mit den ganzen tollen Momenten, die wir hier auf Schalke mit unseren Fans erleben, etwas Extremes entwickelt."

Ellenlange Hashtags

Und es macht auch niemandem was aus, dass man bei seinen Beiträgen in den sozialen Netzwerken siebenmal drüber lesen muss, damit man sie versteht. Nicht etwa, weil er sie in der englischen Sprache oder dergleichen publiziert. Sondern weil Goretzka seine geistigen Ergüsse gerne in einen einzigen, ellenlangen Hashtag ohne Punkt und Komma packt. Das hat mit seiner Entwicklung und seiner Führungsqualität auf Schalke relativ wenig zu tun, dennoch zeichnet es den Menschen Goretzka auf eine bizarre Art und Weise aus.

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Auf der sportlichen Habenseite stehen beim dreimaligen Nationalspieler in dieser Saison zwei Tore und eine Vorlage in der Bundesliga sowie ein Treffer in der Europa League. Auch wenn er in der Mittelfeldzentrale, in der Trainer Markus Weinzierl ein Dreigespann aus Goretzka, Johannes Geis und Nabil Bentaleb präferiert, eine offensivere Rolle einnimmt, ist er nicht der torgefährlichste Knappe im Aufgebot. Weinzierl sieht ihn ohnehin vielmehr als Stabilisator, da "macht er seine Sache sehr gut".

Reifeprüfung bestanden

Eigenschaften, die auch Jogi Löw schon lange schätzt. Er hätte durchweg "einen sehr, sehr guten Eindruck" gehabt. "Er war immer wieder mal verletzt, die Pausen haben ihn zurückgeworfen", sagte der Bundestrainer vor Goretzkas Comeback in der A-Elf im Novmeber letzten Jahres. "Aber in diesen Jahrgängen, in denen wir derzeit suchen, ist er einer der Talentiertesten. Er hat eine sehr gute Technik, viel Tempo mit und ohne Ball" - und, da wäre wieder einer der zentralen Punkte - "er hat auch schon Persönlichkeit. Er macht auf mich für sein Alter einen überaus reifen Eindruck."

2018 läuft Goretzkas Vertrag bei Königsblau aus, ebenso wie der seines Kumpels Max Meyer. Dass beide auch in Zukunft das Gerüst der Knappen sein soll, hat Manager Christian Heidel mehrfach betont. Beim Verpassen des internationalen Geschäfts könnte sich das wohl als schwierig herausstellen, obwohl Heidel dem Duo gerne zeigen würde, "dass sie ein Teil einer Entwicklung sein können", wie er der Bild sagte. "Und auch ein mögliches Jahr ohne Europa kein Karriererückschritt wäre."

Leon Goretzka im Steckbrief

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