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Freitag, 21.10.2016 | 13:15 Uhr
Julian Nagelsmann übernahm die Kraichgauer im Februar
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Vor acht Monaten ernannte die TSG Hoffenheim Julian Nagelsmann zum jüngsten Bundesliga-Trainer aller Zeiten. Die Kraichgauer, damals in höchster Abstiegsnot, kratzen mittlerweile an der Tür zu Europa - dank eines Taktikfreaks, der gar nicht so viel von Taktik hält.

"Die Spieler haben gemerkt, der Trainer ist ein bisschen verrückt", erinnert sich Julian Nagelsmann. Es war sein dritter Tag als Bundesligatrainer. Zwei Trainingseinheiten hatte er vor seinem ersten Duell mit Werder, mehr nicht.

Markus Gisdol war wegen Erfolglosigkeit früh entlassen worden, Huub Stevens wegen gesundheitlicher Probleme zurückgetreten und er, der 28-Jährige, sollte es jetzt richten. Fünf Punkte Rückstand trennten die Kraichgauer 13 Spieltage vor dem Ende vom Klassenerhalt. "Der Beginn der Hoffenheimer Schnapsidee", schreiben die Zeitungen und nannten Nagelsmanns Amtsübernahme einen PR-Gag.

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An diesem Samstag im Februar, seinem ersten Spiel als Chefcoach, warf Nagelsmann alles über den Haufen, ließ ein vollkommen neues System spielen, schickte eine neue Aufstellung auf den Platz. Am Ende stand ein 1:1 - der Anfang eines Projekts, das wenig mit Schnapsideen und PR-Gags zu tun hat.

Ein exquisiter Kreis

Wieder ein Samstag, nur acht Monate später: Die Hoffenheimer stehen nach einem 2:1 über den SC Freiburg auf Platz sechs. Betrachtet man nur die 21 Spiele, in denen Nagelsmann die TSG betreute, steht da sogar Platz fünf, die 36 geholten Punkte werden nur vom FC Bayern, Borussia Dortmund und Leverkusen übertroffen.

Ein durchaus exquisiter Kreis, in den sich die Kraichgauer still und heimlich geschlichen haben.

Dass die öffentliche Wahrnehmung Hoffenheim noch nicht in jene Sphären gehoben hat, dass da eher noch das Image der grauen Maus steht, hat wohl am ehesten mit den offensichtlichen Defiziten vor allem in der Defensive zu tun. In Mainz schoss Hoffenheim vier Tore - verwandelte damit aber einen 1:4-Pausenrückstand "nur" in ein Remis. Gegen Leipzig und Darmstadt fing sich die TSG ärgerliche Tore in der Schlussphase.

Rangnick als Basis, Tuchel als Inspiration

Dennoch: Es ist nicht hoch genug zu bewerten, was der ins kalte Wasser geworfene Nagelsmann bisher bewegt hat. Und dazu noch dem Verein das Gesicht zurückgegeben, das Ralf Rangnick einst etablierte. Pressing, schnelles Umschalten, rasantes Spiel in die Spitze. "Das war so etwas wie die Basis für meine Arbeit", sagt Nagelsmann.

Eine Arbeit, die jeden Taktiker und Fußballlehrer faszinieren dürfte. So ist Nagelsmann wohl der Coach, der seine Taktik am unberechenbarsten und schärfsten an jeden neuen Gegner anpasst. Das Training ist detailliert und akribisch, ohne Angst Neues auszuprobieren und ungewöhnliche Wege zu gehen - etwas, dass er sich zu seiner Zeit unter Thomas Tuchel beim FC Augsburg abgeschaut hat.

Und etwas, das auch mit dem frühen Tod seines Vaters zu tun hat. Schnell habe er lernen müssen, "Entscheidungen zu treffen, die nicht immer leicht und angenehm waren", erzählte Nagelsmann dem Sportmagazin Socrates. Denn: "Stillstand ist Rückschritt."

"Es ist egal, welche Grundordnung man spielt"

Leere Worte sind das keineswegs. "Bei mir gibt es im Jahr vielleicht sechs Übungen, die sich wiederholen", sagt Nagelsmann, der als erster Coach in Deutschland sein Training von Drohnen aufzeichnen lässt. Neue Perspektiven, neue Blickwinkel - abseits des Üblichen eben. "Wir entwickeln auch eigene Daten", so der Coach, "die der Markt großteils nicht hergibt, die aber für unsere Spielphilosophie interessant sind. Beispielsweise, wie viel Zeit Spieler im Deckungsschatten verbringen oder wie viele Spieler bei Balleroberung vor dem Ball sind."

Gern wird er als Prototyp des jungen Konzepttrainers herangezogen, gern versinkt er in taktischen Varianten. Und trotzdem ist es gerade Nagelsmann, der sagt, dass die Taktik gar nicht so wichtig sei.

"Total untergeordnet" sei sie "der persönlichen Beziehung. Als Trainer bist du immer sozial gefragt, fast mehr als Psychologe." 70 Prozent der Arbeit mache die mentale Seite aus, der Inhalt nur den Rest. "Der Menschenführer ist mehr wert als der Topfachmann."

Die Art und Weise, die Einstellung - das seien die entscheidenden Faktoren. "Es ist egal, welche Grundordnung man spielt." Und überhaupt: "Der Fußball ist begrenzt, es gibt eigentlich nur vier Phasen: Wenn man selbst den Ball hat, wenn ihn der Gegner hat und wenn du ihn gewinnst oder verlierst. Das ist im Prinzip der Fußball, mehr gibt es nicht."

Keine graue Maus mehr sein

Ein einfaches Prinzip, mit dem der mittlerweile 29-Jährige aber umzugehen weiß. "Ansonsten", sagt Nagelsmann, "arbeite ich wie ein Bäcker: Ich mische Dinge zusammen, schiebe sie in den Ofen und gucke, ob mir das schmeckt was rauskommt".

Gerade dürfte das der Fall sein, so steuert die TSG seit der Übernahme durch Nagelsmann schnurstracks gen Europa. Vom BVB auf Rang fünf trennt Hoffenheim nur das schlechtere Torverhältnis. Doch es stehen knochenharte Wochen an, es geht gegen Leverkusen, Köln, die Hertha und dann nach München.

"Die Reputation in der Öffentlichkeit wächst durch sportliche Erfolge, und vielleicht werden wir ja bald nicht mehr als graue Maus wahrgenommen werden", sagt Nagelsmann.

Die verrückten Pläne dazu wird er in der Hinterhand haben. Wie wichtig sie dann auch immer sein werden.

Die TSG Hoffenheim in der Übersicht

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