Dahin, wo es wehtut

Von Felix Keil
Freitag, 14.10.2016 | 15:08 Uhr
Vedad Ibisevic erzielte in sechs Spielen fünf Tore
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Es gibt Phasen im Leben, da gelingt einem einfach alles. Vedad Ibisevic von Hertha BSC kennt dieses Geühl. Erst wird der 32-Jährige zum zweiten Mal Vater, am Folgetag überholt er Sergej Barbarez als besten bosnischen Torschützen in der Bundesliga-Geschichte. Doch was steckt hinter dem zweiten Karriere-Frühling des einstigen Problem-Profis?

Wenn Borussia Dortmund heute Abend (20.30 Uhr im LIVETICKER) Hertha BSC empfängt, treffen nicht nur der Tabellendritte und -zweite aufeinander, sondern auch zwei der besten Torjäger der laufenden Saison. Sowohl Pierre-Emerick Aubameyang als auch Vedad Ibisevic trafen fünf Mal. Doch das ist nicht das Einzige, das die Torjäger verbindet.

Beide Stürmer haben eine Vergangenheit als Leihspieler beim FCO Dijon in Frankreich, wo sie nachhaltige Eindrücke hinterließen: Der Gabuner traf in einer Saison acht Mal, während Vedo zehn Mal netzte. Ein Blick auf die Fairplay-Werte verrät, dass sich die beiden Spieler doch unterscheiden. Während sich Aubameyang mit drei gelben Karten so gut wie nichts zu Schulden kommen ließ, flog Ibisevic in dieser Zeit zwei Mal vom Platz. Eine Eigenschaft, die sich wie ein roter Faden durch seine Karriere zieht.

Ibisevic so gut wie mit 20?

Aktuell rechtfertigt der Bosnier aber, warum Hertha BSC um Trainer Pal Dardai ihn trotz seines temperamentvollen Charakters unbedingt holen wollte. Im Spiel gegen den Hamburger SV erzielte er seine Bundesliga-Treffer 96 und 97, die ihn zum erfolgreichsten Bosnier in der Geschichte machen. Der entthronte Sergej Barbarez kam auf 95 Tore. Auf diesen Rekord ist Vedo sichtlich stolz: "Sergej ist eine Legende bei uns. Es ist für mich natürlich eine große Ehre."

Vor der Saison sagte Ibisevic, er fühle sich so gut wie mit 20. In seiner derzeitigen Verfassung darf das als Drohung verstanden werden. Tatsächlich ist er aber 32 Jahre alt und hat in seiner lange Karriere schon einiges erlebt. Das veranlasste Dardai auch dazu, ihm das Kapitänsamt zu übergeben, das vorher Fabian Lustenberger innehatte.

"Wenn es gut läuft, kann jeder Kapitän sein. Wenn es aber schlecht läuft, brauchst du einen Mann mit Körpersprache und Mut", begründete der Coach seine Entscheidung. Wobei "Körpersprache und Mut" sicherlich ein Euphemismus für die physische Spielweise des Bosniers ist. So abgedroschen es klingt, so zutreffend ist es: Ibisevic geht dort hin, wo es weh tut und wenn es sein muss auch weiter.

18 Tore und sieben Vorlagen in 17 Spielen

Dieser Charakterzug kommt nicht von ungefähr. Als Sechsjähriger musste er mit seiner Familie vor dem ausbrechenden Bosnienkrieg fliehen. "Ich habe erlebt, wie die Bomben fielen. Auch wenn ich noch ein Kind war und es damals nicht alles verstanden habe, vergisst man so etwas nie wieder", beschreibt er seine Kindheit. Ibisevic und seine Familie mussten oft umziehen. 2004 landete er bei Paris Saint-Germain, wo er allerdings nicht oft zum Einsatz kam und auf Leihbasis zum FCO Dijon wechselte.

Seine erste Profistation in Deutschland hieß Alemannia Aachen. Während er mit seinem Klub in die 2. Liga abstieg, feierte er in der bosnischen Nationalmannschaft sein Debüt. Mit einem aufstrebenden Dorf-Klub aus dem Kraichgau gelang ihm jedoch schnell die Rückkehr in die Beletage des deutschen Fußballs. Die Hinrunde bei der TSG 1899 Hoffenheim liest sich wie ein Märchen: Im ersten Spiel gegen Energie Cottbus gelang dem Bosnier ein Doppelpack. Am Gewinn der Herbstmeisterschaft war er mit 18 Toren und sieben Vorlagen maßgeblich beteiligt.

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So sehr er auf dem Platz sein Genie aufblitzen ließ, so sehr entwickelte er außerhalb einen Ruf als Problem-Profi. Immer wieder kam es zu Meinungsverschiedenheiten mit seinen Trainern. Hinzu kam, dass er sich mit Manager Ernst Tanner überwarf. Als Holger Stanislawski schließlich Marco Pezzaiouli ablöste und ein Konzept mitbrachte, das nicht zur Spielweise von Vedo passte, war der Bruch mit der TSG perfekt. Alle Zeichen standen auf Abschied.

"Diesen Transfer haben uns nicht viele zugetraut"

So kam es zur Rückrunde der Spielzeit 2011/12 dann schließlich zum Wechsel zum VfB Stuttgart. Dort erhoffte man sich viel von Ibisevic. Sportdirektor Fredi Bobic, der den Deal abgewickelt hatte, sagte nicht ohne Stolz: "Diesen Transfer haben uns nicht viele zugetraut." Auch der Neuzugang gab sich motiviert: "Ich will meinen Teil dazu beitragen, dass wir uns mittelfristig wieder nach oben orientieren können." Dieser mittelfristige Erfolg schien sich zunächst auch einzustellen.

Am Ende war man Sechster in der Liga. Ibisevic identifizierte sich voll und ganz mit dem roten Brustring, was ihn bei den Fans beliebt machte. Auch die darauffolgende Saison verlief zufriedenstellend: 19 Torbeteiligungen standen für den Mittelstürmer zu Buche und im Pokal scheiterte man erst im Finale an den Bayern.

Diesem Rausch folgte jedoch ein gewaltiger Kater. Anfang 2013 blieb er 856 Minuten ohne Treffer und je länger diese Serie anhielt, desto mehr rutschte der VfB in der Tabelle ab. Ibisevic' persönlicher Abstieg begann allerdings mit einem Ellbogenschlag gegen Augsburgs Jan-Ingwer Callsen-Bracker. Er wurde für fünf Spiele gesperrt und bekam vereinsintern eine saftige Geldstrafe aufgebrummt.

Weder Perspektive noch lukrative Angebote

Die Saison 2014/15 schließlich kann man wohl als Tiefpunkt in seiner Karriere ansehen. Zunächst warf ihn ein Ermüdungsbruch zurück, dann strich Huub Stevens ihn aus dem Kader. Der Knurrer von Kerkrade betonte aber auch, dass es am Spieler selbst liege, ob er aufgestellt werden möchte oder nicht: "Jeden Tag gucke ich den Spielern beim Training zu. Eigentlich stellen sie sich selbst auf."

Am Ende stand nur eine Torvorlage in 14 Spielen zu Buche. Die Aussichten auf Besserung unter dem zukünftigen Trainer Alexander Zorniger? Kaum vorhanden. "Ich habe ihnen [Ibisevic und Mo Abdellaoue, Anm. d. Red.] gesagt, dass sie im Moment bei mir nicht die Rolle spielen, die sie sich selbst wünschen", sagte Zorniger deutlich.

Dennoch lief der Vertrag des Großverdieners (rund 3 Millionen Euro jährlich) bis 2017 und Ibisevic machte nicht die Anstalten, auf einen Cent verzichten zu wollen. Er hatte keine Perspektive beim VfB. Und Angebote, die ihn zufrieden stellten, gab es auch nicht.

Einen Tag vor Schließung des Transferfensters im Sommer 2015 fand sich in Hertha BSC dann doch noch ein Abnehmer. Die Hauptstädter mussten keine Ablöse bezahlen und der VfB begleicht noch bis 2017 die Hälfte von Ibisevic' Gehalt. Das Problem war also gelöst und brachte nur Gewinner hervor: Ibisevic fühlte sich wieder gebraucht, die Stuttgarter konnten ein wenig sparen und die Alte Dame bekam einen Bundesliga-erfahrenen Stürmer zum Nulltarif.

Dardais absoluter Wunschspieler

Während viele Experten den Transfer als Notlösung ansahen, klopften sich Trainer Pal Dardai und Manager Michael Preetz ordentlich selbst auf die Schultern. Dardai ließ verlauten, dass Ibisevic sein absoluter Wunschspieler sei: "Er ist groß, torgefährlich, kopfballstark, aggressiv und erfahren." In seiner ersten Saison wirkte er nach den Wochen der Bedrückung in Stuttgart wie entfesselt.

Seinen ersten Doppelpack für die Hertha erzielte er bereits im dritten Spiel. Dass er sich in der Hauptstadt so gut zurechtfand, lag hauptsächlich an Dardai und Salomon Kalou. Zusammen waren Vedo und sein ivorischer Sturmpartner in der Saison 2015/16 an 30 der 42 Hertha-Tore beteiligt.

Doch es lief längst nicht alles rund: In seinem sechsten Spiel für Berlin holte er sich nach einem überharten Foul am Schalker Max Meyer bereits in der 18. Spielminute die rote Karte ab. Nicht das erste Mal, dass er seine Mannschaft früh schwächte. Insgesamt mussten Ibisevic' Teams durch seine Disziplinmängel bereits satte 274 Minuten in Unterzahl bestreiten. Außerdem verpasste er in seiner Bundesliga-Karriere schon elf Spiele aufgrund einer Rotsperre.

"Dreimal Durchatmen. Warten. Dann zum Schiedsrichter gehen"

Kaum zu glauben, dass er von Manager Michael Preetz nun als "erwachsenster Spieler bei uns" und "Muster-Profi" bezeichnet wird. Doch in der Tat ist Vedo ruhiger geworden.

"Dreimal Durchatmen. Warten. Dann zum Schiedsrichter gehen", erklärt er sein Verhalten bei Konflikten auf dem Platz. Mittlerweile überzeugt er auch mit Führungsqualitäten. Auch deshalb hat Dardai ihn zum Kapitän gemacht. Wegen "seines unverwüstlichen Willens" und seinen "Fähigkeiten als Motivator und Anführer". Und in der Hoffnung, dass die Binde eine beruhigende Wirkung auf den Hitzkopf hat.

Aus sportlicher Sicht ist Vedo ohnehin unverzichtbar für die Berliner. Er spürt in der Hauptstadt das absolute Vertrauen von Trainer und Mitspielern und kann dadurch völlig befreit aufspielen.

Pal Dardai hat indes nichts dagegen, dass Ibisevic seiner Mannschaft noch länger erhalten bleibt: "Wenn es nach mir geht, spielt Vedad so lange für Hertha bis er nicht mehr laufen kann." Sein Vertrag läuft bis 2017. Der Coach verriet mit einem Augenzwinkern, wie er sich die ideale Zukunft vorstellt: "Noch zwei schöne Jahre bei Hertha und dann der letzte Vertrag im Ausland, dann wären alle zufrieden." Wie und wo es für ihn aber tatsächlich weitergeht, ist noch nicht geklärt. Sicher ist nur, dass er dahin geht, wo es wehtut.

Vedad Ibisevic im Steckbrief

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