BVB und Schalke vor dem Revierderby

Kurven mit Wellen

Freitag, 28.10.2016 | 10:41 Uhr
Während sich der BVB derzeit mit ein paar Problemen rumschlagen darf, geht es bei Schalke bergauf
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Am Samstag gastiert der FC Schalke 04 zum 149. Revierderby bei Borussia Dortmund (18.30 Uhr im LIVETICKER). Während beim BVB zuletzt verletzungsbedingt die Rädchen nicht mehr ineinander griffen und die Reparatur-Phase anhält, fügten sich bei den Knappen die Einzelteile immer besser zusammen. Sollte es einen Derbysieger geben, wartet auf ihn eine große Portion Erleichterung.

Diese Sache mit dem schnelllebigen Fußballgeschäft betrifft ja nicht nur Transfergeschichten oder einzelnen Personalien. Sie kann auch auf Mannschaften und damit Vereine übergreifen. Vor vier Wochen, Ende September, da lagen zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 noch sportliche Welten.

Der BVB hatte gerade vier Partien in Folge gewonnen, 20 Treffer dabei erzielt und angedeutet, wozu der runderneuerte Kader künftig in der Lage sein könnte. Die ebenfalls runderneuerten Knappen dagegen verloren in der Bundesliga jede einzelne Partie, lediglich in der Europa League führten zwischendurch zwei ordentliche Leistungen zu Siegen.

Nun, kurz vor dem 149. Revierderby, stellt man fest: Alles neu macht der Oktober. Die Vorzeichen dieses Duells haben sich innerhalb dieses Monats gedreht, die Leistungskurven beider Teams laufen seitdem in entgegengesetzte Richtungen - kommen aber dennoch nicht ohne Wellenbewegungen aus.

Durchgehend Schwankungen beim BVB

Bei der Borussia ziehen sich diese Schwankungen durch die gesamte Saison und begannen bereits in der Vorbereitungsphase. Nach einem guten Monat Training überzeugte die Mannschaft Ende Juli bei den Testspielen gegen die beiden Teams aus Manchester mit aufeinander abgestimmten Laufwegen und jenen Abläufen, durch die sie bereits im Vorjahr serienmäßig Spiele gewann.

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Der erste Bruch folgte nicht nur durch die Abwesenheit der beiden Olympia-Fahrer Matthias Ginter und Sven Bender, sondern vor allem aufgrund der Rückkehr der Nationalspieler. Deren körperlicher Zustand unterschied sich zu sehr vom Rest, Trainer Thomas Tuchel konnte in den Spielen nur tröpfchenweise an den Automatismen und der Eingespieltheit der Truppe schrauben.

Eine Belastungssteuerung mit Augenmaß führte schließlich dazu, dass sich das gesamte Gefüge rund um den Saisonstart einem gemeinsamen Level annäherte und man trotz einiger spielerischer Holprigkeiten eine gewisse Dominanz in den Pflichtspielen ausstrahlte.

Tuchel: "Das ist jetzt Crashkurs"

Auffällig viele Muskel- und Adduktorenverletzungen sorgten nun jedoch für einen vehementen Bruch dieser zarten Entwicklung. Der Dortmunder Krankenstand wuchs zwischenzeitlich auf elf Spieler an - und hat sich noch längst nicht erholt. Es dürfte nicht zu weit hergeholt sein zu prognostizieren, dass sich der BVB noch die gesamte Hinrunde über mit dieser Problematik zu beschäftigen hat.

Man hangle sich daher von Tag zu Tag, sagt Tuchel heute. Der Coach wirkt angesichts der Ohnmacht gegenüber immer neuen Blessuren leicht resignierend, das Schicksal hat ihm im letzten halben Jahr eine Menge ungeahnter Arbeit eingebrockt.

"Die Ansprüche an uns selbst sind gerade gesunken", konstatiert Tuchel, dessen seit vier Wochen pausenlos verändertes Team den physisch-psychischen Anstregungen des Dreitagesrhythmus' hinterherhechelt. Seine zahlreichen sehr jungen und unerfahrenen Spieler würden derzeit "einfach ins Wasser geworfen, die Bademeister stehen an der Seite. Die pädagogische Reihe ist nicht mehr angesagt, sondern das ist jetzt Crashkurs."

Dortmund fehlt Gewöhnung an den Rhythmus

Dortmund lebt von der Hand in den Mund. Das Problem dabei: Der andauernde Crashkurs führt kaum zu Konstanz in den Leistungen, da momentan die Zeitabstände zwischen Verletzung und Wiedereingliederung immer geringer ausfallen müssen.

Die lädierten Sokratis, Marc Bartra, Lukasz Piszczek, Gonzalo Castro oder Adrian Ramos beispielsweise mussten sofort wieder auflaufen, sobald sie nach ein, zwei Trainingseinheiten auch nur schwachgrünes Licht von der medizinischen Abteilung erhalten hatten.

Die Abfolge Spiel-Regeneration-Abschlusstraining-Spiel bringt in dieser Personalkonstellation kein automatisiertes Spielen mit sich, neben der Gewöhnung an diesen Rhythmus fehlt es Dortmunds Spielern auch an der Selbstverständlichkeit und Formstärke.

Das BVB-Niveau schwankt gewaltig

So agierte der BVB in den zurückliegenden Tagen häufig zu fehlerhaft, wenig zielstrebig in der Offensive und enorm anfällig im Rückwärtsgang. Die Arbeit gegen den Ball muss zwingend intensiver werden, damit die Defensive nicht wie zuletzt mit zwei, drei schnell gespielten Pässen in die Tiefe leicht auszuhebeln ist.

Immerhin lassen sich die Hartnäckigkeit und der Wille, an die momentane Leistungsgrenze zu gehen, nicht absprechen. Einzig das Endprodukt dieser Bemühungen, also die Ausschläge in den Darbietungen, ist zu unterschiedlich. Der Sieg in Lissabon war ein nicht unverdienter Kraftakt, auch die Aufholjagd in Ingolstadt lässt sich auf dieser Ebene positiv bewerten. Das Niveau schwankt innerhalb von Tagen aber zu gewaltig, um Siege in Serie landen zu können.

Es bleibt Tuchels Team also nichts anderes übrig, als sich durch diese Phase zu beißen, die neuen Erfahrungen mitzunehmen und die Lektion zu lernen, trotz allem nicht aufzugeben. "Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht", fasste der Trainer zusammen.

Schalke: Bundesligapartien als Testspiele

Davon unberührt bleiben freilich die Erwartungen an die Mannschaft - das gilt nach dem miserablen Saisonstart mit fünf Ligapleiten am Stück vor allem auch auf Schalke. Dort können die Reaktionen des Publikums schnell weiteres Öl ins Feuer gießen, doch diesmal ist es den Schalker Zuschauern durchaus positiv anzurechnen, die sportlichen Probleme nicht noch mit polemischen Reaktionen weiter angeheizt zu haben.

Der Umbruch der Knappen im Sommer war enorm. Trainer und Manager neu, die Mannschaft fügte sich erst nach den Transferreaktionen auf den millionenschweren Abgang von Leroy Sane final zusammen. "Die ersten Bundesligaspiele wurden leider zwangsläufig zu Testspielen", blickte Christian Heidel bei der FAZ zurück.

So litt der S04 zu Beginn unter demselben Problem, das nun der BVB zu bekämpfen versucht - der mangelnden Eingespieltheit. Den Gelsenkirchenern unterliefen individuelle Fehler am Fließband, Stabilität wollte sich nicht einstellen. Dies mündete letztlich in eine "brutale Druck-Situation" (Trainer Markus Weinzierl).

S04 seit einem Monat ohne Pleite

Der Inhalt von Heidels Wutrede nach dem 1:2 in Hoffenheim, dem fünften verlorenen Ligaspiel in Folge, scheint sich mittlerweile aber in die Köpfe eingebrannt zu haben. Und auch Weinzierls Detailarbeit fügte die personellen Einzelzeile zuletzt immer besser zusammen.

In den letzten Jahren versuchten sich einige Trainer daran, die Haltung der Schalker Spieler zu verändern. Die Mentalität, die schwächer besetzte Teams wie beispielsweise Mainz oder Augsburg auszeichnete, ging den Knappen zu sehr ab, um sich deutlich von der Konkurrenz abzusetzen.

Weinzierl und Heidel sind nun dabei, den nächsten neuen Anlauf zu starten und eine veränderte Denkweise in der Psyche der Spieler zu implementieren. In den vergangenen sechs Partien ist dies auf fruchtbaren Boden gefallen, Schalke hat seit dem 25. September kein Spiel mehr verloren und seitdem drei Mal zu Null gespielt.

Erleichterung für den Derbysieger

Die Art der Zweikampfführung hat sich verbessert, die Lust auf gemeinschaftliches Verteidigen und hohen läuferischen Aufwand ist aktiviert worden. "Es ist eine klare Entwicklung zu erkennen. Es gibt kein Chancen-Festival mehr gegen uns. Das haben wir komplett abgestellt. Das ist der Kern der Entwicklung", skizziert Heidel.

Das Revierderby am Samstag in Dortmund stellt daher für den Moment die größtmögliche Prüfung dar. Es wird für die Schalker neue Hinweise dafür liefern, ob dieser Kern auch in einer solch emotional aufgeladenen Begegnung zu etwas Zählbarem reichen wird.

Trotz der sehr unterschiedlich anmutenden Ausgangslagen dürfte klar sein: Auf den kommenden Derbysieger wartet eine große Portion Erleichterung - und zwar nicht nur für den Moment.

Von einem dreifachen Punktgewinn in dieser Partie würden beide Teams für die weiteren intensiven Wochen einen positiven Schub mitnehmen, der Weg zu einer neuen Leichtigkeit wäre dann nicht weit. Das bedeutet aber wohl nicht automatisch, dass die Leistungskurven von Schwarzgelb und Königsblau nicht auch weiterhin erst einmal wellenförmig bleiben.

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