Giovanni Trapattoni im Interview

"Meine Reaktion war: Was will Thomas denn?"

Donnerstag, 15.09.2016 | 19:24 Uhr
Giovanni Trapattoni und Thomas Strunz hatten bei Bayern München ein schwieriges Verhältnis
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Titel in Italien, Portugal oder Deutschland, Erfolge als Spieler und Trainer, Kultfigur wegen prägnanter Zitate und einer historischen Wutrede - Giovanni Trapattoni hat im Fußballgeschäft schon alles erlebt. Die Trainerlegende sprach im Rahmen der Vorstellung seiner Biographie "Ich habe noch nicht fertig" im Delius-Klasing-Verlag über seine Zuneigung zu Deutschland, die Schwierigkeiten eines italienischen Bayern-Trainers und eine mögliche Taktik-Revolution durch das Platzen der Ballbesitz-Blase.

Frage: Herr Trapattoni, Sie kommen immer wieder gerne nach Deutschland zurück. Sie beschreiben auch in Ihrem Buch, wie wohl Sie sich hier fühlen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass Sie in Deutschland als Trainer große Erfolge gefeiert haben. Doch bereits in Italien haben Sie erfolgreich mit deutschen Spielern zusammen gearbeitet. Wie kam das zustande?

Giovanni Trapattoni: Als ich Ende der 80er Jahre Trainer von Inter wurde, traf ich dort auf Karl-Heinz Rummenigge. Den habe ich gefragt: 'Gibt es denn gute Spieler in Deutschland?' Er sagte ja. Also fuhr ich nach Deutschland und verpflichtete Brehme und Matthäus. Das war ein Glücksgriff. Mit den drei Spielern zusammen habe ich alles gewonnen.

Frage: Einige Jahre später holte Karl-Heinz Rummenigge Sie als Trainer zum FC Bayern. Die erste Amtszeit verlief unglücklich, nach einem Jahr war Ihr Engagement bereits beendet. Als Sie 1996 zum zweiten Mal nach München kamen, lief es mit dem Gewinn der Meisterschaft und des DFB-Pokals besser. Dennoch kam es am 10. März 1998 zu der Wutrede, die aus heutiger Sicht als legendär bezeichnet werden kann. Wie sind Ihre Erinnerungen an diese Zeit?

Trapattoni: Die Situation war so: Die Bayern waren es gewohnt, immer zu siegen und als Rummenigge mich damals geholt hat, hat er das getan, weil sie mit mir siegen und große Erfolge feiern wollten. Das war ja klar. Aber um meine Idee vom Fußball durchzusetzen, brauchte ich Zeit. Meine Sprache war natürlich noch nicht so ausgereift, hinter der deutschen und der italienischen Sprache steht eine andere Idee, da kam es häufig zu Missverständnissen. Und die Spieler mussten sich auch an meine Art des Trainings gewöhnen. So etwas dauert eben. Aber relativ schnell gab es heftige Kritik - und so kam es dann auch zu der Wutrede.

Frage: Wie lief das ab?

Trapattoni: Thomas Strunz hatte damals einen geschwollenen Knöchel. Er hat aber dennoch gespielt und wir haben das Spiel auf Schalke verloren. Es fühlte sich an, als hätte ich das Spiel verloren. Ich habe ihn aus dem Spiel genommen und er sagte vor der Presse, er könne nicht verstehen, warum er ausgewechselt worden sei. Und die Journalisten haben ihn verteidigt. Alle haben mich gefragt: Warum haben Sie ihn ausgewechselt?

Frage: Und dann ist Ihr Geduldsfaden gerissen?

Trapattoni: Meine Reaktion war dann zu fragen: Was will Thomas eigentlich? Das hat sich alles hochgeschaukelt, die Presse wollte, dass ich das sage. Das verlief alles sehr unglücklich. Auch da hat die Unterschiedlichkeit der Sprachen einiges schlimmer gemacht. Besonders unglücklich war, dass es sich mit Strunz um einen Spieler gehandelt hat, dessen Nachname in Italien eine - sagen wir mal - merkwürdige Konnotation hat. Nach der Pressekonferenz habe ich dann zu Bayern gesagt, dass ich mich zurückziehen und nach Italien zurückgehen werde.

Frage: Wie kamen Sie zu der Entscheidung?

Trapattoni: Ich wusste, dass ich nach dieser Wutrede nicht mehr mit der Mannschaft würde zusammen arbeiten können. Es wäre ein Riesenkonflikt entstanden - mit der Mannschaft, mit den Fans, mit der Presse. Deshalb war es meiner Meinung nach dann besser, mich rauszuziehen. Auch um zu vermeiden, dass ich als Vorwand für alle möglichen Schwierigkeiten und Probleme herhalten kann. Ich habe diese Entscheidung also auch zum Wohle des Vereins getroffen.

Frage: Ist es als Bayern-Trainer besonders schwierig, den Erwartungen gerecht zu werden?

Trapattoni: Das Schicksal des FC Bayern ist vergleichbar mit dem von Juventus. Sie sind immer die dominanten Mannschaften in ihrer Liga und jeder spielt gegen den FC Bayern, um den FC Bayern zu besiegen. Das ist eine besondere Situation, mit der ein Trainer und eine Mannschaft erst einmal zurechtkommen müssen.

Frage: Hatten Sie einen Lieblingsspieler in Ihrer Zeit bei den Bayern?

Trapattoni: Alle Spieler waren sehr gut und nur mit Champions kann man siegen. Ein Trainer ist immer gut, wenn er mit technisch starken und intelligenten Spielern zusammenarbeitet. Die Geschichte des FC Bayern zeigt, dass sie immer wieder eine sehr gute Mannschaft hatten, auch heute noch.

Frage: Sie schreiben, dass Ihnen die angeberische Art von Mehmet Scholl manchmal auf die Nerven ging.

Trapattoni: Mehmet Scholl war für mich ein goldener Junge. Er war fantastisch. Manchmal behielt er den Ball aber etwas zu lange am Fuß. Und dann musste ich anschreien: 'Mehmet, spiel den Ball weiter!' Aber die Spieler haben nicht immer das gemacht, was ich gesagt habe. Da wurde es schon manchmal ein bisschen lauter. Ich bin ja für meine emotionale Sprache auf dem Spielfeld bekannt. Ich war aber im persönlichen Gespräch mit Spielern wie Mehmet sehr offen. Da gab es keine Probleme.

Frage: Sie waren damals der erste italienische Trainer beim FC Bayern. Jetzt ist Carlo Ancelotti sozusagen in Ihre Fußstapfen getreten. Ihr Verhältnis zueinander ist von großer gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Sie haben gesagt, fachlich müssten Sie ihm nichts erklären, aber Sie haben ihm angeboten, ihm ein paar Tipps zur Mentalität der Verantwortlichen beim FC Bayern München zu geben. Was kann Ancelotti Ihrer Meinung nach mit dieser Mannschaft erreichen?

Trapattoni: Für Ancelotti ist es wie für jeden großen Trainer: Er braucht Zeit, um alles kennen zu lernen und seine Idee vom Fußball zu etablieren. Alles sofort zu erreichen, jeden einzelnen Titel sofort zu gewinnen, ist sehr schwierig. Aber wenn er alles versteht und die nötige Zeit bekommt, kann er mit dieser Mannschaft sowohl die Bundesliga als auch die Champions League gewinnen.

Seite 1: Trap über seine Zuneigung zu Deutschland, die Wutrede und Carlo Ancelotti

Seite 2: Trap über das Schicksal seines Vaters, seine Ambitionen und eine mögliche Taktik-Revolution

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