Auf der Suche nach dem Mittelpunkt

Mittwoch, 03.08.2016 | 21:00 Uhr
Max Kruse absolviert den Medizincheck bei seinem neuen/alten Verein
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Mit seinen erst 28 Jahren hat Max Kruse bereits eine bewegte Karriere hinter sich, kaum ein deutscher Fußballer polarisiert so stark wie der Stürmer. Einem stetigen Aufstieg folgte in der vergangenen Saison ein rasanter Abstieg. Nun kehrt Kruse zu seinem ersten Profiverein Werder Bremen zurück. Für beide Parteien bedeutet dieser Transfer eine Chance.

Als Werder Bremen am Dienstagabend um 18.19 Uhr auf seiner Homepage die Rückkehr von Max Kruse vermeldete, da wussten die Mitarbeiter von werder.de schon ganz genau, worauf es ankommt. "Der Fußball ist der Mittelpunkt meines Lebens", sind die ersten Worte, mit denen Kruse als Wieder-Bremer dort zitiert wurde.

Das ist zwar eine viel bediente Phrase - bei Kruse aber eine, über deren Wahrheitsgehalt besonders gerne spekuliert wird. Die Tätigkeit von Fußball-Medien und die dadurch beeinflusste Fußball-Öffentlichkeit haben durchaus Parallelen mit der Arbeit von Beamten. Sie stempeln extrem gerne ab. Es gibt sie, die Spieler, die ein Image haben und es wohl nie mehr loswerden. Da ist der Schönwetterkicker Mesut Özil, der Musterschüler Philipp Lahm und da ist natürlich auch der Skandalprofi Max Kruse.

Durch den Haupteingang

Im September 2007 war bei Kruse von diesem Image noch nichts zu hören oder zu lesen. Kruse, gerade von der Bremer U19 zu den Profis befördert und für öffentliche Abstempelungen noch viel zu unprominent, wurde erstmals in der Bundesliga eingesetzt. Bei einem Bremer 8:1-Sieg gab der damals 19-Jährige den Assist zum 6:1. Dass der Torschütze dieses Treffers Markus Rosenberg war, macht genauso deutlich, wie lange dieses Spiel her ist, wie die Namen des Bremer Tormanns und Gegners an diesem Nachmittag: Tim Wiese und Arminia Bielefeld.

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Bielefeld hat sich nach dem Abstieg in Liga drei in der Zwischenzeit wieder in die 2. Bundesliga emporgekämpft, Wiese ist Wrestler geworden und Kruse stellte sich an diesem Mittwoch in Bremen vor. Diesmal nicht leise durch die Hintertüre Jugendabteilung, sondern mit öffentlichem Getöse und kolportierten 7,5 Millionen Euro Ablöse durch den Haupteingang. "Werder hat mir damals die Möglichkeit gegeben, Fußball-Profi zu werden. Das möchte ich jetzt ein Stück weit zurückzahlen", sagte Kruse.

"In der Spitze Deutschlands"

Ob Kruse das wirklich mal "zurückzahlen" wollte, nachdem er in Folge des erwähnten Kurzeinsatzes keine Chancen mehr in der Bremer Profimannschaft bekam und 2009 ablösefrei zum FC St. Pauli gewechselt war, sei dahingestellt. Vor einem Jahr jedenfalls war solch eine Rückholaktion nur etwas wahrscheinlicher als eine offizielle Fan-Freundschaft zwischen dem SVW und dem Hamburger SV. Zwischen Bremen und Kruse lagen Fußball-Welten.

Für zwölf Millionen Euro wechselte Kruse gerade vom Bundesligadritten Borussia Mönchengladbach zum -zweiten VfL Wolfsburg. Kruse hatte in den Jahren zuvor einen wunderbar schrittweisen, steten Aufstieg hingelegt. Mit dem FC St. Pauli stieg er 2010 in die Bundesliga auf, 2012 wechselte er zum SC Freiburg und machte sich mit 19 Scorerpunkten interessant für ambitioniertere Teams.

Kruses Wahl fiel auf Borussia Mönchengladbach, wo er in einer begeisternden Fohlenelf von Lucien Favre groß aufspielte. In zwei Spielzeiten erzielte Kruse in der Bundesliga 23 Treffer und bereitete 20 weitere vor. Er kämpfte sich in die Nationalmannschaft und war EM-Kandidat. Kurz: Kruse war im Sommer 2015 eine der heißesten Transferaktien Deutschlands. Als sein Wechsel nach Wolfsburg dann feststand, verkündete er: "Ich bin froh, dass ich in der Spitze Deutschlands angekommen bin."

"Kein Karriereknick"

Nur ein Jahr später sitzt Kruse im Presseraum des SV Werder, dem 13. der vergangenen Bundesligasaison und sagt: "Für mich ist das kein Karriereknick." Natürlich ist der Wechsel ein Karriereknick für Kruse. Sein steter Aufstieg ist mit dem Transfer zum SVW abrupt beendet und daran ist natürlich hauptsächlich er selbst verantwortlich.

In einer nach Sensationsmeldungen gierenden Öffentlichkeit ist Kruse ein gefundenes Fressen. Lässt ein prominenter Fußballer 75.000 Euro in einem Taxi liegen, nimmt er nachts einer Reporterin ihr Handy weg und macht auch ansonsten mit wiederkehrenden Meldungen, die auf einen nicht allzu leistungsfördernden Lebenswandel schließen lassen, auf sich aufmerksam, dann wird er schnell ausgepackt, der berüchtigte Stempel. Skandalprofi!

Das Privatleben ist, wie es der Begriff schon sagt, eigentlich auch Privatangelegenheit der betroffenen Person, könnte man meinen. Diese Zeiten sind im Profifußball jedoch vorbei. Für eine fürstliche Entlohnung muss sich der Spieler voll und ganz dem Sport verschreiben. Kruse wollte das nie einsehen, er lebte stets auch ein Leben neben dem Profifußball.

Gemischte Reaktionen

Die Reaktionen seiner Vorgesetzten darauf könnten unterschiedlicher nicht sein. In Wolfsburg und beim Nationalteam wurde Kruse klargemacht, dass sein Verhalten nicht akzeptabel sei. "Ich möchte Spieler, die sich auf den Fußball konzentrieren, auch zwischen den Spielen", begründete DFB-Trainer Joachim Löw Kruses Ausbootung vor der EM. Sein Vereins-Boss Klaus Allofs forderte, dass Kruse "sein Verhalten etwas ändern" solle.

Max Eberl sieht das anders. Kruses ehemaliger Gladbacher Manager sagte jüngst im kicker: "Für mich bleibt er ein sehr gerader Mensch und ein super Spieler." In Bremen scheint das Vertrauen in Kruse ähnlich groß zu sein, wie einst in Gladbach. "Ich habe keine Bedenken, dass was passiert, das uns als Verein belasten wird. Wir kennen ihn gut", sagte Manager Frank Baumann.

Mit Aussagen wie diesen wurde Kruse nach eigener Auskunft von einem Wechsel an seine alte Wirkungsstätte überzeugt. Das Wort "Spaß" war bei seiner Präsentation der wiederkehrende Nenner. Kruse sagte Dinge wie: "Mit Spaß kann man viel erreichen." Oder: "Ich möchte den Spaß am Fußball wiederfinden." Dieser Spaß ist Kruse offenbar erstmal wichtiger als großes Renommee und Geld, das er im Ausland hätte verdienen können.

"Leck-mich-am-Arsch-Mentalität"

Für Werder Bremen ist all das ein absoluter Glücksfall. Frank Baumann fragte vor einigen Tagen nur pro Forma bei Kruses Berater an, eine wirkliche Chance auf eine Verpflichtung sah er nicht. Geklappt hat sie trotzdem. Bremen bekommt einen herausragenden Fußballer, der in Deutschland fast jede Mannschaft besser machen würde.

Trotz aller Skandale und Skandälchen, die sich um Kruse ranken: Kein Feldspieler bestritt in den vergangenen vier Spielzeiten mehr Bundesligaspiele als Kruse und auch seine 76 Scorerpunkte sind in diesem Zeitraum ein absoluter Top-Wert.

Womöglich hat ihm dabei auch gerade seine angeblich so mangelhafte Einstellung geholfen. "Wenn einer eine 'Leck-mich-am-Arsch-Mentalität' mitbringt, dann klingt das erst mal negativ", sagte Eberl dem kicker: "Aber das sind dann vielleicht die kreativen Burschen, die auch in Drucksituationen unbeschwert und gelassen bleiben. Man muss natürlich wissen, wie man mit diesen Jungs umgeht." In Bremen scheint man sich darauf eingestellt zu haben, wie man mit dem Jungen Max Kruse umgehen muss.

Doppelte Chance

Mit seinem Wechsel zu Wolfsburg und der einen oder anderen Dummheit zu viel hat Kruse Fehler gemacht. Er wurde bei seinem neuen Verein und auch im Nationalteam ausgebootet. Im heutigen Fußball-Business kann so etwas Karrieren zerstören.

Kruse wollte aber nicht "weglaufen" aus der Bundesliga, nicht von der Bildfläche verschwinden. Bremen hat diese Chance ergriffen und einen Fußballer von internationalem Format verpflichtet. Aber auch für Kruse ist der Transfer eine große Chance. Die Chance, seinen wirklichen Mittelpunkt zu finden. Er liegt wohl irgendwo zwischen Fußball, Spaß, Karriere und einem unterhaltsamen Privatleben.

Max Kruse im Steckbrief

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