Das Erwachen der Macht

Freitag, 26.08.2016 | 14:00 Uhr
Javi Martinez ist mit 40 Millionen Euro immer noch Bayerns Rekordtransfer
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Drei Jahre lange kämpfte er mit einem kaputten Körper, der fitte Javi Martinez aus dem Sommer 2016 ist gefühlt ein Neuzugang für den FC Bayern - und schafft für seinen neuen Coach ein beneidenswertes Dilemma.

Beim FC Bayern ist es ja so: Gibt es an der Säbener Straße Neuigkeiten in Sachen Personal zu vermelden, seien es Verpflichtungen, seien es Verkäufe oder Verlängerungen, darf man sich der gebannten Blicke der deutschen Journalie sicher sein.

Das liegt zum einen am großen Namen des Rekordmeisters, zum anderen an den meist ebenso großen Namen der Protagonisten. So war das bei Mats Hummels, dessen Wechsel vom Erzfeind zwar im Vorfeld tröpfchenweise durchsickerte, bei der Verkündung aber dennoch ein mittelschweres Erdbeben auslöste. Und so war das bei Renato Sanches, dessen Transfer die Münchner nicht nur zeitgleich verkündeten, sondern auch ohne Nebengeräusche an allen Journalisten vorbei gemogelt hatten.

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Auch im zurückliegenden Winter sorgten die Bayern für so einen Erdbebentag. Vier Spieler grinsten da von einem Foto, dass der FCB stolz der Fußballwelt präsentierte. Alle hatten soeben ihre Verträge verlängert: Der von Manchester United mit Abermillionen umgarnte Thomas Müller, Jerome Boateng, überraschenderweise auch Xabi Alonso um ein weiteres Jahr. Und noch ein Spieler war auf diesem Foto zu sehen: Javi Martinez.

"Martinez hat mich sehr überrascht"

Dass auch der Spanier ein neues Arbeitspapier für die kommenden fünf Jahre unterschrieben hatte, war beinahe untergegangen, wurde so zur Kenntnis genommen. Erst jetzt, ein dreiviertel Jahr später, ist Martinez wieder in aller Munde.

"Ich fühle mich momentan besser als je zuvor", hatte er in der Sommerpause gesagt. In den ersten beiden Pflichtspielen der Saison, dem Supercup gegen den BVB und der ersten Pokalrunde gegen Jena, trat der Schlacks den Beweis an. "Ganz ehrlich", musste Carlo Ancelotti der Öffentlichkeit gestehen: "Martinez hat mich sehr überrascht." Schon gegen den BVB "war er der beste Spieler auf dem Feld. Und gegen Jena spielte er auf dem gleichen Niveau".

Ein Niveau, das man beim Spanier ob seiner irrwitzigen Krankenakte lange nicht bestaunen durfte. Dem heimlichen Helden seiner ersten Saison an der Isar, als der 40-Millionen-Rekordtransfer den "scheintoten" (Beckenbauer) Verein nach dem verlorenen Finale dahoam im Jahr darauf zum Triple führte.

Was dann kam, ist bekannt: Eine Verletzung nach der anderen warf Martinez zurück. In der Folgesaison, der ersten unter Pep Guardiola, verpasste er 29 Spiele wegen einer Leistenoperation, Sprunggelenksproblemen und Entzündungen in den Knien.

Im Jahr darauf, als Pep mit ihm nach einer sensationellen Vorstellung im vorangegangenen Pokalfinale gegen Dortmund als zentralem Spieler in der Dreierkette plante, setzte er im Supercup, ebenfalls gegen den BVB, zum Seitfallzieher an - und kollidierte mit Marcel Schmelzer. Das Knie knickte beinahe nach vorne durch: Kreuzband ab, Außenband ab, Meniskus und Kapsel schwerst verletzt. Ein Totalschaden. Der Arbeitsnachweis nach beinahe einem kompletten Jahr Pause, Behandlung und Reha: Drei Minuten gegen Barcelona, eine Stunde in der Liga gegen Leverkusen.

Wohin mit Martinez?

Auch vergangene Spielzeit schlug sich Martinez mit Folgebeschwerden herum, Patellasehne und Meniskus streikten, im Saisonendspurt musste ein freier Gelenkkörper aus dem Sprunggelenk entfernt werden - DFB-Pokalfinale und Europameisterschaft waren futsch. Nie wirklich fit, wurde Martinez in seinen Spielen zu defensivem Füllmaterial in Guardiolas Taktikvarianten, hauptsächlich in der Innenverteidigung.

Was auch naheliegt bei Martinez, einem strategischen Balleroberer, der Löcher stopft, die kein anderer sieht, ein Meister der Antizipation ist und mit dem Ball am Fuß schnell umschalten und Angriffe initiieren kann. Für Guardiola, in dessen Kosmos es im optimalen Team einen Spieler mit diesen Kernkompetenzen im Mittelfeld nicht gibt, der perfekte Innenverteidiger.

Für Ancelotti stellt sich also die Frage: Wohin mit Martinez? Beginnen wird der 27-Jährige am Freitag gegen Bremen (Fr., 20.30 Uhr im LIVETICKER) neben Mats Hummels in der Innenverteidigung. Doch wird es nicht mehr lange dauern, bis der unantastbare Boateng zurückkehrt.

Für den pragmatischen Ancelotti, der weder in seiner Zeit bei Chelsea, noch in Paris oder Madrid von einer Viererkette in der Abwehr abgewichen ist und einen absichernden Sechser vor selbiger bevorzugt - egal, wie sich das Mittelfeld insgesamt sortiert - ist Martinez eine Toplösung. Vor allem bei den hoch verteidigenden Münchnern dürfte die Tendenz Richtung Mittelfeld gehen.

"Mit so einem Mann gewinnst du Schlachten"

"Ganz egal, wann und wo" er gebraucht werde, sagt Martinez: "Ich fühle mich in beiden Rollen wohl." Ungeachtet davon, wo er am Ende landet, beschert der Spanier seinem Coach ein beneidenswertes Dilemma: Ancelotti hat für zwei bereits Weltklasse besetzte Mannschaftsteile einen weiteren Spieler - der, kommt er in die Nähen der Sphären, in denen er sich in seinem ersten Jahr bewegt hat, eigentlich spielen muss.

Dem allen natürlich vorausgesetzt, Martinez' Knie spielen mit. "Das Problem ist, dass erst die Zeit zeigen wird, wie das Knie reagiert", sagt der Spanier über das große Fragezeichen, das noch über ihm schwebt. "Es war eine schwerwiegende Verletzung, mit deren Konsequenzen ich für den Rest meines Lebens klarkommen muss." Läuft aber alles nach Plan, könnte der verkappte Neuzugang den "echten" gehörig die Show stehlen.

"Mit so einem Mann gewinnst du Schlachten", hat Franz Beckenbauer einmal gesagt. Das haben sie in München nicht vergessen.

Javi Martinez im Steckbrief

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