Maestro ohne Peitsche

Samstag, 09.07.2016 | 16:59 Uhr
Carlo Ancelotti wurde 1959 in Reggiolo, eine knappe Autostunde westlich von Parma, geboren
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Am Montag tritt Carlo Ancelotti mit seinem ersten Training in München die Nachfolge von Pep Guardiola beim FC Bayern an. Der Italiener steht nicht für eine charakterisierende Spielidee wie Guardiola, hat sich mit seiner "quiet leadership" zu einem der erfolgreichsten Trainer der Welt gemausert. In München weckt das Erinnerungen an Ottmar Hitzfeld und Jupp Heynckes.
Dieser Artikel erschien am 20. Dezember 2015 auf SPOX.com. Die ursprüngliche Fassung wurde leicht überarbeitet.

Carlo Ancelotti ist nach Giovanni Trapattoni der zweite Italiener auf der Trainerbank des FC Bayern. Der legendäre Trap hat dem FC Bayern in zwei Versuchen zwar auch Titel hinterlassen, aber vor allem mit seiner historischen Wutrede gegen Strunz, Mario und Mehmet die Geschichte der Bundesliga und die deutsche Sprache bereichert.

Von Ancelotti sind nur ganz wenige Temperamentsausbrüche überliefert. Als Trainer von Paris St.-Germain hat er 2013 mal eine Kiste durch die Kabine getreten, die ausgerechnet Zlatan Ibrahimovic am Kopf erwischte.

Aber das war kein großes Problem, beide konnten nach dem verflogenen Frust über eine Niederlage im Pokal darüber lachen.

Ansonsten wird Ancelotti eher mit Adjektiven wie stoisch, nüchtern oder pragmatisch beschrieben. Früh in seiner Trainerkarriere hat er gelernt, nicht zu viel öffentlichen Aufhebens zu machen, sich auf die Arbeit zu konzentrieren und die Show anderen zu überlassen.

Beim AC Milan musste er unter Klubpatron Silvio Berlusconi schon mal ertragen, dass dieser den Übungsleiter zu seinem Lakaien degradierte. "Ich habe dem Trainer die siegreiche Aufstellung diktiert", sagte Berlusconi beispielsweise nach dem Champions-League-Triumph 2003.

Umstrittener Abschied in Madrid

Von solchen Dingen hat sich Ancelotti nicht aus der Fassung bringen lassen und 2007 einen weiteren Henkelpott nach Mailand geholt. Mit dieser Ruhe und Gelassenheit arbeitete er auch beim FC Chelsea, wo er Meister und Pokalsieger wurde. Und auch beim von Katar alimentierten PSG, wo er Meister wurde und das Team in Richtung europäischer Spitze coachte, ehe er Paris für Real Madrid verließ.

Er wusste, was ihn erwartet: "Wenn der Trainer in Madrid nichts gewinnt, wird er entlassen", beschrieb er erst kürzlich die Maxime bei den Königlichen. Hätte er 2014 La Decima nicht geholt, "wäre ich schon ein Jahr früher gefeuert worden. Das war mir aber schon klar, als ich den Job übernommen habe. Ich hätte auch nicht unterschreiben können, aber Real Madrid ist der wichtigste Klub der Welt."

Es war seine wohl größte Leistung, den zutiefst gespaltenen sowie verunsicherten Verein wieder in die Spur zu bringen. Er hat mit seiner Art den Frieden und die Grandezza zurück in den Klub getragen und auch die Mannschaft auf Linie gebracht. Auch Demut hat er die Königlichen gelehrt und sie vorgelebt.

Für seinen direkten Nachfolger Rafael Benitez war die Aufgabe bei Real auch deshalb so schwer, weil die Spieler ihren "Maestro" eigentlich überhaupt nicht hatten gehen lassen wollen. Weder Cristiano Ronaldo noch Sergio Ramos noch irgendein anderer Führungsspieler im Starensemble. "Als er ging, waren alle traurig - auch die, die nicht gespielt haben und Grund gehabt hätten, ihn dafür zu kritisieren. Es fiel kein negatives Wort über ihn. Das ist außergewöhnlich", sagte Toni Kroos der Zeit.

Wie Hitzfeld und Heynckes

Der deutsche Nationalspieler hat beim FC Bayern auch andere große Trainer wie Louis van Gaal, Jupp Heynckes und Pep Guardiola erlebt, aber über Ancelotti sagt er: "Er konnte die Erfolgsbedingungen am besten mixen: die taktische Idee, das Menschliche, was gerade bei Real Madrid nicht so einfach ist."

Ancelotti mag nicht so sehr für eine charakterisierende Idee vom Fußball stehen wie Guardiola oder van Gaal, aber er steht wie kaum ein anderer Trainer für Titel. Er hat für seine Mannschaften meist die richtige Mischung gefunden und sich damit als taktisch maximal flexibel erwiesen. Seine Teams haben immer als Gemeinschaft funktioniert, weil er ihnen den Sinn des Mannschaftsspiels vermitteln konnte, sie fair behandelte und sie ihm folgten.

Der Trainer und Mensch Ancelotti weist Charakteristika auf, die auch Heynckes und Ottmar Hitzfeld beim FC Bayern erfolgreich eingesetzt haben.

Teil des legendären AC Milan

"Quiet Leadership" nennt Ancelotti seinen Führungsstil. So lautet der Titel eines Buches, das er mit einem Sport-Business-Professor der Universität Salford geschrieben hat und das im Mai 2016 erschien.

In Madrid haben die Verantwortlichen Ancelottis Umgang mit den Spielern am Ende als zu lax empfunden, sie wollten, dass er härter durchgreift. "Die Peitsche ist nichts für mich. Nicht als Trainer und nicht als Vater. Und auch mir gegenüber hat nie jemand die Peitsche benutzt. Ich glaube nicht an ihre Wirkung", so Ancelotti.

Außenstehende legen ihm diese Überzeugung manchmal als Schwäche aus. Aber der Italiener sieht sich auf Augenhöhe mit den Spielern, ohne dabei seine Autorität zu gefährden. Er weiß um seine Macht als Trainer, aber aus seiner eigenen Vergangenheit auch um die Befindlichkeiten der Spieler.

Ancelotti war Teil des fantastischen AC Milan unter Arrigo Sacchi, der Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahre Maßstäbe im Weltfußball setzte. Er spielte - wie Guardiola übrigens - als Lenker im defensiven Mittelfeld ähnlich unaufgeregt und intelligent wie er heute als Trainer agiert. Sacchi ist über die Jahre zu Ancelottis Mentor und Lehrer geworden, wie er selbst sagt. Auch vor dem Champions-League-Halbfinale mit Real gegen Bayern beriet er sich mit ihm über die Taktik.

Vierter CL-Titel im Blick

Mittlerweile hat Ancelotti eine Pause eingelegt. Frühzeitig wollte er sein Sabbatical nicht abbrechen, obwohl auch der FC Chelsea heftig mit den Geldscheinen gewunken haben soll. Im Sommer übernimmt Carletto dann den FC Bayern.

Die Rahmenbedingungen in München sind günstig. Beim FC Bayern findet er eine Mannschaft vor, die nach seinem Geschmack zusammengestellt ist und ihm die Möglichkeit bietet, sich einen weiteren Wunsch zu erfüllen: "David Moyes hat mir mal einen 1959er Rioja geschenkt, das ist mein Geburtsjahr. Den würde ich öffnen, wenn ich zum vierten Mal die Champions League gewinne. Und ich würde sehr gerne noch eine gewinnen."

Mit vier Titeln wäre er dann auch der erfolgreichste Trainer in der Geschichte dieses Wettbewerbs.

Der FC Bayern in der Übersicht

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