Fussball

Schwammig bis zum Schluss

Nach vier Jahren verlässt Matthias Sammer den FC Bayern München
© getty

Sportlich blickt der FC Bayern München auf eine sehr erfolgreiche Zeit mit Matthias Sammer zurück. Doch was bleibt von der Ära Sammer? Der ehemalige Sportvorstand konnte die Zweifel an seiner Wichtigkeit für den Verein nie ausräumen.

Karl-Heinz Rummenigge hat es versucht. Der Bayern-Boss wollte Matthias Sammer halten. Ihm eine Auszeit gewähren, damit er anschließend gestärkt seinen Job wieder aufnehmen und erledigen kann.

Er habe dem Sportvorstand ein Sabbatical von zwei, drei Monaten vorgeschlagen, erklärte Rummenigge am Montag während der Antritts-Pressekonferenz von Trainer Carlo Ancelotti. Sammer lehnte ab. Eine Chance, ihn zum Bleiben zu überreden, hatte Rummenigge nicht.

"Ich habe in den letzten Tagen viele Gespräche mit Matthias geführt und dabei festgestellt, dass er das Kapitel Bayern München beenden möchte. Er hat ziemlich konsequent gesagt, dass er nicht der Meinung ist, dass ein Sabbatical die beste Option für ihn ist", so Rummenigge.

Kein Ersatz für Sammer

Nur drei Tage nach dem überraschenden Abschied von Pressechef Markus Hörwick müssen sich die Münchner mit dem nächsten prominenten Abgang beschäftigen. Sie tun das - zumindest nach außen hin - gelassen. "Seit April war Matthias Sammer nicht mehr an der Säbener Straße. Wir arbeiten seit drei Monaten ohne ihn und werden an dieser Konstellation nichts ändern", sagte Rummenigge.

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Sammers Stelle wird (vorerst) nicht nachbesetzt. Eine nachvollziehbare Entscheidung, da es intern auch keine passende Alternative gibt. "Wir wären nicht gut beraten, wenn wir Michael Reschke auf den Posten von Sammer ziehen würden. Michael soll sich weiterhin auf seine Hauptaufgabe konzentrieren und das ist das Scouting. Wenn wir ihn aufrücken lassen würden, würden wir zwar eine Baustelle schließen, aber eine andere schaffen. Das wäre sicher keine gute Idee", betonte Rummenigge.

Zumal Reschke neben dem Scouting auch in der Abwicklung von Transfers maßgeblich beteiligt war. Er hat den Bayern Kingsley Coman, Joshua Kimmich und Douglas Costa empfohlen und die Deals angebahnt.

Sammer vertreibt die Depression

Woran sich die Frage knüpft, welche Aufgabe Sammer eigentlich konkret hatte in seinen vier Jahren bei Bayern. Sprachrohr des Klubs in sportlichen Fragen? Blitzableiter für Mannschaft und Trainer? Mahner und Bremser bei aufkommender Euphorie? Bindeglied zwischen Jugend und Lizenzmannschaft? Verhandlungsmaster bei Transfers?

Wahrscheinlich von allem ein bisschen was. Als er 2012 nach München kam, herrschte Depression rund um den FC Bayern. Das verlorene Finale dahoam, die nationale Regentschaft von Borussia Dortmund, die Absage von Wunschspieler Marco Reus, der den BVB den Bayern vorzog.

Seinen ersten öffentlichen Auftritt im Sommer-Trainingslager in Italien nutzte Sammer für eine 180-Grad-Wendung der Debatte. Er lobte in den höchsten Tönen Arjen Robben, den einige unverbesserliche Bayern-Fans nach seinem verschossenen Elfmeter im Champions-League-Finale zum Teufel wünschten.

Er forderte jeden einzelnen Bayern-Mitarbeiter auf, sich dem Wohl des Vereins unterzuordnen und ließ keinen Millimeter Raum für Selbstmitleid, nur weil man ein Finale verloren hatte, auf welch tragische Weise auch immer.

Sammer nicht konfliktscheu

Sammer bestimmte die Tonart, er forderte ein Höchstmaß an Seriosität und Galligkeit auf Erfolg ein. Er trieb an und legte den Finger auch mal in die Wunde. Nach einem Bundesligaspiel in Bremen bezeichnete er die Spielweise der Mannschaft als "lätschert", was einen ersten Stress mit Jupp Heynckes hervorrief. Der Trainer wertete Sammers Aussage als Populismus.

Nach dem Abgang von Uli Hoeneß schlüpfte Sammer noch mehr in die Rolle des Sprachrohrs und wurde so ein Gesicht des Vereins. Wann immer er das Gefühl hatte, jemand wolle dem FC Bayern schaden, haute er dazwischen. Konfliktscheu war er dabei nie, wie sein Tête-à-Tête mit Ex-BVB-Coach Jürgen Klopp in aufgehitzter Atmosphäre während eines Bundesligaspiels in Dortmund bewies.

Seine operativen Erfolge sind dagegen schwer einzuordnen. Die Transferabwicklung überließ er anderen, wenngleich er sich mit Rummenigge, Finanzvorstand Jan-Christian Dreesen und später Reschke über potentielle Neuzugänge permanent austauschte.

Wenig Nachhaltiges im Nachwuchsbereich

Gemeinsam mit seinem engen Vertrauten Dr. Karsten Schumann sollte er den Nachwuchsbereich maximal gewinnbringend umgestalten. Allzu viel ist davon nicht hängen geblieben, noch immer befindet sich zu Vieles im Umbruch. Zu Sammers Aufgaben gehörte es, jungen Spieler den Sprung in die erste Mannschaft zu ermöglichen. Gelungen ist ihm dies nicht. Und ob Mehmet Scholl, Erik ten Hag oder Heiko Herrlich - zahlreiche Jugendtrainer kamen und gingen in Sammers Amtszeit.

Sportlich hat der FC Bayern München im Profibereich mit Matthias Sammer abgeräumt. Vier Meistertitel in Folge, das historische Triple, zwei weitere Doubles, UEFA-Supercup und Klubweltmeister - mehr geht kaum. Der Name Matthias Sammer wird verbunden bleiben mit der erfolgreichsten Zeit der Vereinsgeschichte.

Doch Sammer hat es nie geschafft, seine Rolle beim FC Bayern klar zu definieren. "Sportvorstand für Lizenzspielerangelegenheiten" - was von Anfang an schwammig klang, blieb bis zum Schluss schwammig.

Neue Sichtweise aufs Leben

Sammers Kerngeschäft wurde nie richtig klar und macht es deshalb so schwierig, sein vierjähriges Wirken an der Säbener Straße abschließend zu bewerten. Vielleicht lässt sich dieses Urteil erst in einigen Monaten oder gar Jahren fällen, wenn sich einschätzen lässt, was ohne Sammer nicht mehr da war.

Das Wichtigste hat Sammer aber erreicht: Er ist nach eigener Aussage gesundheitlich wieder voll hergestellt und hat den kleinen Schlaganfall genutzt, über sein Leben nachzudenken. "Ich habe in den Gesprächen mit Matthias gemerkt, dass sich seine Sichtweise auf das Leben geändert hat", sagte Rummenigge am Montag.

Sammer fühlt sich nicht mehr in der Lage, seine ganze Kraft dem Beruf und damit dem FC Bayern München zu widmen. Diese Einstellung hat Anerkennung verdient.

Wie die Bayern langfristig auf Sammers vakant gewordene Stelle reagieren, wird sich zeigen. Viel wird von den Plänen von Uli Hoeneß abhängen. Der Weg zurück auf ins operative Geschäft wäre jedenfalls schon mal frei.

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