Raumgestaltung ohne Haus

Mittwoch, 29.06.2016 | 16:52 Uhr
Jos Luhukay (r.) peilt mit dem VfB Stuttgart den direkten Wiederaufstieg an
© imago
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Der VfB Stuttgart startet mit dem klaren Ziel Wiederaufstieg in die neue Saison. Nach dem viel zitierten Betriebsunfall sind die Uhren im Ländle auf null gestellt, eine gewisse Aufbruchstimmung ist zu spüren. Während hier und da gekittet wurde, sind zahlreiche Baustellen allerdings noch offen - und Probleme programmiert.

Nicht einmal zwei Monate nach dem Abstieg hatten zahlreiche VfB-Anhänger der Mannschaft offenbar vergeben. Als die Spieler des VfB Stuttgart zum Trainingsauftakt erstmals in der neuen Saison den Rasen betraten, schallte reichlich Beifall von den Rängen. Über 4000 Fans waren zur ersten Übungseinheit der Schwaben erschienen und begrüßten das Team zur neuen Mission. Alles war eigentlich wie immer und ganz so, als wäre man nie abgestiegen. Die Anhänger goutierten, wie von Klubseite auf den Betriebsunfall reagiert wurde und was seitdem passierte.

Bereits wenige Stunden nach dem Abstieg fing die Vorstandsetage beim VfB Stuttgart an, den großen Scherbenhaufen aufzukehren. Der Präsident nahm freiwillig seinen Hut, Sportvorstand Robin Dutt und Trainer Jürgen Kramny wurden vor die Türe gesetzt. Lediglich drei Tage nach der größten sportlichen Katastrophe der Schwaben wurde somit die komplette sportliche Führung zur Rechenschaft gezogen und der von vielen Fans geforderte Kahlschnitt radikal durchgeführt.

Personifizierter Aufstieg an Bord

Wie bei einem Großprojekt setzen die Stuttgarter Verantwortlichen seitdem Baustein für Baustein zusammen und basteln am neuen VfB. Da zunächst die komplette sportliche Führung rasiert wurde, entwickelte sich kein leichtes Unterfangen. Viel ging in den ersten Wochen deshalb vom eigentlichen Kontrollorgan, dem Aufsichtsrat, aus. Dort wurden von Chef Martin Schäfer (Würth) und den weiteren Mitgliedern Hartmut Jenner (Kärcher) und Wilfried Porth (Daimler) die Weichen für die Zukunft gestellt.

Ein erster Schritt zur Mission Wiederaufstieg ist bereits gemacht. Mit Jos Luhukay wurde unmittelbar nach der Entlassung von Kramny der neue Heilsbringer vorgestellt. Mit dem Niederländer holten sich die Stuttgarter den personifizierten Aufstieg ins Haus. Bereits drei Mal gelang Lukukay der Schritt von der zweiten in die erste Liga - 2008 mit Gladbach, 2011 mit Augsburg und 2013 mit Hertha BSC. Auch wenn seine Statistik auf den ersten Blick beeindruckt, bemängeln Kritiker, dass sich die Stuttgarter erneut eine Hau-Ruck-Lösung ins Boot geholt haben.

Denn die von jedem Verein gewünschte langfristige Wirkung des neuen Coaches blieb häufig aus. Spätestens nach eineinhalb Jahren war stets Endstation als Trainer. Keine ruhmreiche Statistik, wenn man bedenkt, dass Luhukay jeweils eine Ladung Vorschusslorbeeren als Aufstiegstrainer im Gepäck hatte.

Inneneinrichtung vor Rohbau

Mit welchem Personal er die Mission Wiederaufstieg angeht, kristallisiert sich in den letzten Tagen immer klarer heraus. Zentrale Stützen wie Christian Gentner, Kevin Großkreutz, Timo Baumgartl und Daniel Ginczek sprachen sich für einen Verbleib aus und bilden die Eckpfeiler des neues VfB. Hinzu kommen die Neuzugänge Jean Zimmer (1. FC Kaiserslautern, ca. 2,5 Mio.), Simon Terodde (VfL Bochum, ca. 2,5 Mio.) und Marcin Kaminski (Lech Posen, ablösefrei), die allesamt gute Chancen auf die Startelf haben.

Vergleicht man den Wiederaufbau der Stuttgarter mit einem Hausbau, haben die Schwaben somit die Inneneinrichtung, die Möbel und den Innenarchitekten bereits gefunden. Das entsprechende Haus befindet sich aber noch im Rohbau beziehungsweise wird derzeit von einem fachfremden Architekten gebaut.

Denn während der Trainer bereits da ist, fehlt die sportliche Leitung nach der Dutt-Entlassung und dem Abgang von Präsident Wahler weiterhin. Somit kann niemand dem Coach weder einen Rahmen für den sportlichen Handlungsraums vorgeben, noch die Philosophie des Vereins definieren.

Eindeutige Strukturen fehlen

Beim VfB fehlt in der entscheidenden Phase der Kaderplanung die sportliche Kompetenz auf diesem Gebiet. Dabei ginge es genau jetzt darum, personelle Löcher zu stopfen und den Kader zusammenzustellen. Wer derzeit intern die Fäden zieht und den Kader plant, ist nicht ganz offensichtlich. Von eindeutigen Strukturen sind die Stuttgarter himmelweit entfernt.

Offenbar handeln Marketingvorstand Röttgermann und Dutts einstiger Schattenmann Joachim Cast die Vertragsdetails aus, bei Ablöseverhandlungen kommt Finanzvorstand Stefan Heim ins Spiel. Zudem wurden mit Thomas Hitzlsperger und Marc Kienle zwei weitere Personen eingebunden, die in der Schnittstelle arbeiten.

Während Hitzlsperger als Beauftragter des Vorstandes für Sport zwischen der Vereinsführung sowie der Lizenzspielermannschaft fungiert, soll Kienle die Verzahnung von Nachwuchsausbildung, Scouting und dem Lizenzspielerbereich verantworten. Ob die drei Kaderplaner, die Dutt vor seiner Entlassung einstellte, im Amt bleiben und Kienle zuarbeiten, ist derzeit noch ungewiss.

Rahmenbedingungen fehlen

Bereits jetzt scheint klar, dass die Stelle von Dutt nicht Eins-zu-eins vergeben wird. Vielmehr wird diese Aufgabe wohl auf mehreren Schultern verteilt. "Wir haben mit Hitzlsperger und Kienle zwei erfahrene Männer geholt, die uns in ihrem Bereich unterstützen können. Die Suche nach einem Sportdirektor läuft, doch bei einem solch wichtigen Posten dürfen wir nichts überstürzen", erklärte Luhukay, ließ gleichzeitig aber Zweifel anklingen: "Ob mir Hitzlsperger und Kienle helfen können, das kann ich Ihnen noch nicht sagen."

Aus VfB-Kreisen ist zu hören, dass auf der Sportdirektor-Position "zeitnah" eine Entscheidung präsentiert werden soll. Wie sich das Puzzle dann zusammensetzen wird, lässt sich nur erahnen. Es scheint jedoch so, dass der VfB auf dem Platz derzeit ganz ordentlich aufgestellt ist. Die Rahmenbedigungen könnten jedoch besser sein.

Alles zum VfB Stuttgart

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