Bayerns NLZ-Leiter Wolfgang Dremmler im Interview

"Wo ist der Charakter geblieben?"

Dienstag, 24.05.2016 | 12:40 Uhr
Wolfgang Dremmler ist seit August 2012 Leiter des NLZ des FC Bayern München
© imago
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SPOX: Bitte.

Dremmler: Paul Breitner war ein echter Leader. Wenn du einen schlechten Pass gespielt hast, hat er nicht den Daumen hoch genommen, sondern dich zusammengeschissen, dass es jeder der 70.000 Zuschauer im Stadion hören konnte. Bei einem so polarisierenden Menschen wie Paul Breitner hast du gewusst, dass Schicht im Schacht war. Das fehlt mir manchmal. Vielleicht haben wir gerade nicht so viele Leader und die Spieler sind ein Stück weit zu gleich. Vielleicht hat Holger das gemeint. Die Jungs trainieren die ganze Woche, nehmen das ganze Paket auf sich, dann stehen sie am Wochenende auf dem Platz, haben das richtige Trikot an und sagen auf einmal: 'Heute ist's aber schwer, heute geht's komischerweise nicht.' Diese Mentalität, alles zu tun, zu kämpfen, fehlt uns ein Stück weit in unseren Mannschaften. Dieser Kritik müssen wir uns stellen und wir müssen schauen, dass wir das wieder hinbekommen.

SPOX: Wie fördert man Mentalität?

Dremmler: Da ist der Trainerstab gefragt, auch mal die Hand um die Schulter legen und danach wieder einen zwischen die Hörner zu hauen. Und man muss hoffen, die richtige Mischung in der Mannschaft zu haben. Wenn einer diese Führungsqualität in der Mannschaft hat, muss man ihn unterstützen.

SPOX: Oder von einem anderen Verein holen.

Dremmler: Aber zu hundert Prozent. Warum auch nicht? Das ist legitim. Dafür sind unsere Scouts ausgebildet.

SPOX: Also macht Ihnen die Kritik an diesem Verhalten aus Augsburg oder Fürth nichts aus?

Dremmler: Wir haben auch schon zu Augsburg einen Spieler abgegeben, aber darüber redet keiner. Das ist der Gang der Dinge. Sich zu beklagen, ist nicht angemessen.

Fürth-Präsident Hack schießt gegen FCB-Jugendpolitik

SPOX: Fußball ist demnach auch im Jugendbereich nichts anderes als ein Markt?

Dremmler: Was soll es denn sonst sein? Wenn Bayern München heute einen Spieler braucht, schaut es in die Jugend und gibt es diesen Spielern nicht, geht es raus und holt sich diesen Spieler. So wie es alle anderen Klubs in Deutschland und Europa auch machen. Es gibt keinen Unterschied. Wir fischen alle im gleichen Gewässer. Man nimmt sich die Bausteine, die man braucht.

SPOX: Sie und Karl-Heinz Rummenigge haben gesagt, der FC Bayern wolle aggressiver am Markt auftreten. Was muss man sich konkret darunter vorstellen?

Dremmler: Das Wort aggressiv mag ich eigentlich nicht, aber es geht in dem Fall nicht um eine Person, sondern um den Markt. Der FC Bayern ist ein Branchenführer und da haben wir das Recht und die Pflicht, den Markt zu analysieren und nach Spielern zu suchen, die uns weiterbringen und den Sprung in den Lizenzspielerbereich schaffen können. Diese Talente müssen wir rechtzeitig zu Bayern holen, um ihnen den letzten Schliff zu geben, die Ideologie des Klubs zu erklären und zu zeigen, was hinter dem großen Begriff Mia san Mia steckt. Der Anstoß dazu kam von Uli Hoeneß.

SPOX: Trotzdem hat es sich der FC Bayern auf die Fahne geschrieben, den bayerischen Raum wieder stärker in den Fokus zu rücken. Wie passt das zusammen?

Dremmler: Den bayerischen Raum hatten wir schon immer im Blick. Wir haben aktuell einen Fahrservice mit neun Bussen, der 70 Spieler transportiert. Wir wollen aber weiterhin vorsichtig bleiben und keine Spieler mit zehn, elf oder zwölf Jahren holen. Die angesprochene Aggressivität am Markt bezieht sich auf Spieler für das Jugendhaus ab der U15. Mit dem neuen Nachwuchsleistungszentrum haben wir ein großes Pfund gegen die anderen Klubs dieser Welt in der Hand.

SPOX: In welchen Bereichen erwarten Sie Fortschritte durch das NLZ?

Dremmler: Mit einem Wort: Infrastruktur. Wir werden endlich Platz haben und müssen nicht mehr mit allen unseren Mannschaften auf zweieinhalb Plätzen trainieren. Das haben wir jetzt 20 Jahre lang gemacht und das reicht auch. Das NLZ ist der Ritterschlag für den FC Bayern. Ich bin nicht jeden Tag, aber relativ oft auf der Baustelle. Zu sehen, wie das Projekt vorankommt und wie es umgesetzt wird, ist großartig. Ich freue mich wahnsinnig darauf. Damit stellt der Klub in Europa endlich auch für die Jugend das dar, was wir bisher nur durch Spieler wie Lahm, Schweinsteiger oder Müller geschafft haben.

SPOX: Steigt mit dem NLZ auch der Druck auf Ihre Abteilung, mehr Spieler für die erste Mannschaft zu entwickeln?

Dremmler: Uli Hoeneß hat mir mal gesagt: 'Wolfgang, wenn ihr mehr Spieler im Jugendhaus habt, müsst ihr auch mehr Spieler für die Profi-Mannschaft liefern.' Aber so einfach ist das nicht. Wir stocken zwar von 15 auf 35 Spieler auf, aber das heißt nicht, dass wir auch doppelt so viele Spieler rausbringen.

SPOX: Karl-Heinz Rummenigge meinte, Hoeneß habe während seiner Tätigkeit als Freigänger "frischen Wind" in die Jugendabteilug gebracht. Wie sah dieser aus?

Dremmler: Wenn wir über neue Talente reden, was muss man da in die Hand nehmen?

SPOX: Geld.

Dremmler: Dankeschön. In diesem Bereich war Uli Hoeneß ein großer Faktor, er ist wertvoll ohne Ende. Wir haben schon immer viele Namen diskutiert, von Levin Öztunali bis Lennart Grill, aber die Transferentschädigungen waren mächtig, so dass wir davon Abstand genommen haben. Das ist jetzt anders. Uli Hoeneß hat gesagt: Wenn ihr von einem Spieler überzeugt seid, holt ihn. Außerdem hat er dafür gesorgt, dass unsere U19 und U17 wieder an der Säbener Straße spielen können und nicht in Heimstetten oder Aschheim. Am Trainingsgelände wurde sogar ein Flutlichtmast versetzt. Das ist die Schubkraft eines Uli Hoeneß. Mit diesem Mut und diesem Einfluss hat er seit 1979 seinen Fingerprint beim FC Bayern gesetzt. Dementsprechend können wir uns bei Uli Hoeneß und dem ganzen Vorstand bedanken. Sonst hat es keinen frischen Wind gegeben, der war auch gar nicht notwendig.

Seite 1: Dremmler über das Problemwort Ausbildung, Knastbesuche und Gottes Kuss

Seite 2: Dremmler über den Anschiss von Breinter, Kritik der Konkurrenz und Hoeneß

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