Treppenbau zu Wolfsburg

Von Felix Christmann
Mittwoch, 25.05.2016 | 16:02 Uhr
Leandro Putaro durfte bereits viermal in der Bundesliga ran
© imago
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Er gilt als eines der größten Talente Europas: Leandro Putaro vom VfL Wolfsburg hat den Sprung von der A-Jugend in den Profi-Kader geschafft. Neben vier Bundesliga-Einsätzen durfte der 19-Jährige auch schon in der Champions League ran. Das soll bald Gewohnheit werden. Mit SPOX sprach Putaro über seine ersten Schritte im Profifußball und den bevorstehenden Weg.

Wer den Traum eines Eigenheims hat, muss früher oder später den Grundstein setzen. Im Fußball-Jargon kann ein Profi-Vertrag für einen jungen Spieler metaphorisch als solcher angesehen werden. Nur ein Hauch der Jugendlichen aus den U-Bundesligen des Landes schafft den großen Coup, den mühsamen und ersehnten Sprung auf das glanzvolle Parkett der Profis.

Der Großteil findet sich nach dem Besuch eines Internats oder dem Durchlaufen der Juniorenteams der einflussreichen deutschen Klubs im Herren-Amateurbereich wider. Doch dieser Kelch ging an Leandro Putaro vorüber. Zu groß ist sein Talent, zu stark sein Wille, durch Tore ganze Spiele zu entscheiden.

"Er hat eine Veranlagung, die irgendwann mal dazu führen kann, dass er Profi bei uns wird", äußerte Hecking noch zu Jahresbeginn. Dafür sorgte sein künftiger Mentor höchstpersönlich. Die Fußball-Welt schrieb den 26. Februar 2016, Putaro seine Signatur unter einen Kontrakt bei den Profis des VfL Wolfsburg - bis 2019. Endlich mitmischen während der Übungseinheiten im Kreise der großen Namen. Nach Möglichkeit und Formkurve sogar mal Bundesligaluft schnuppern. So weit, so gut.

Doch im Fall Putaro sollte der Faktor Zeit keinen großen Stellenwert einnehmen: All diese Träume erfüllten sich bereits, bevor die Tinte auf dem förmlich unterzeichneten Vertragspapier getrocknet war - auf atypische und rasante Art und Weise.

"Fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden"

Anfang Februar demontierte der FC Schalke 04 chancenlose Wölfe in der Veltins Arena mit 3:0. Als das Spiel längst entschieden war, hatte Dieter Hecking genug gesehen - von seiner Mannschaft und auch von Nicklas Bendtner. Es folgte das erste Überraschungsmoment.

Putaro saß an diesem Tag zum ersten Mal mit auf der Ersatzbank. Hecking warf ihn ins kalte Wasser und schenkte dem Youngster so sein Bundesliga-Debüt für neun Minuten. Ein Augenblick des geballten Adrenalins - zumindest für Putaro. "Das war einfach unbeschreiblich. Es fällt mir immer noch schwer, die richtigen Worte zu finden, um zu beschreiben, was das für ein besonderer Moment für mich war", sagt Putaro gegenüber SPOX.

Die bittere Pleite ließ den feierlichen Anlass zwar etwas in den Hintergrund rücken, für Putaro hat die Partie rückblickend aber natürlich einen ganz anderen Stellenwert als für den Rest der Mannschaft: "Es ging ja bei der Einwechslung alles relativ schnell, da hatte ich gar nicht groß die Zeit, mir Gedanken zu machen. Ich habe mich riesig gefreut, dass ich ins Spiel kommen durfte und wollte einfach mein Bestes geben und mich damit auch für das Vertrauen bedanken, dass der Trainer mir gegeben hat."

"Spreche sehr viel mit dem Trainer"

Sein erster blieb nicht lange sein letzter Einsatz. Schon am Wochenende nach der Premiere, beim Heimsieg über Ingolstadt, und auch in den Spielen gegen Darmstadt und Augsburg stand der mit 1,87 Meter großgewachsene Stürmer auf dem Platz. Es waren jeweils nur Kurzeinsätze.

Egal. Denn vor allem einer ebendieser ließ die Relevanz der Appetithäppchen erkennen: In der Champions League ersetzte Putaro gegen Gent in der Schlussminute Torschütze Max Kurse. Wieder wenig Zeit, sich zu zeigen - dennoch ein klarer Fingerzeig von Hecking.

Der hat schon jetzt einen großen Stellenwert für den 19-Jährigen: "Unser Trainer gibt mir immer wieder Tipps, was ich besser machen kann, zeigt mir Fehler auf, die ich gemacht habe und lobt mich auch, wenn ich etwas gut gemacht habe. Wir sprechen generell sehr viel miteinander, das motiviert mich noch mehr, weiter Vollgas zu geben und an mir zu arbeiten."

Schon in der Schule überlegen

Wo auch immer Putaro in die Fußballschuhe schlüpfte - überall fiel er durch seine Extraklasse auf. Schon in der Schule durfte das Ausnahmetalent nur mit seinem schwächeren rechten Fuß ran. 2010 zog es ihn aus der C-Jugend von Hannover 96 nach Wolfsburg. Und auch der Zufall gab der Karriere einen entscheidenden Schub. Seinen Vater zog es beruflich in den Osten Niedersachsens - vor die Tore seiner neuen Bundesligaheimat.

"Es gab mehrere Gründe für meinen Wechsel. Der VfL hat sich sehr um mich bemüht, wollte mich unbedingt holen und hat mir auch richtig gute Perspektiven aufgezeigt, die auch damals schon deutlich besser waren als bei anderen Vereinen. Es hat einfach alles richtig gut zusammengepasst und ich habe die Entscheidung nie bereut", erklärt Putaro seinen Weg nach Wolfsburg.

Bei so viel Torriecher im Blut und der gestärkten Grundkonstitution sind die Vorbilder des Wolfsburg-Newcomers nur der logische Schluss: Robert Lewandowski und Karim Benzema. "Momentan sind die beiden aus meiner Sicht mit die besten Stürmer auf der Welt. Sie sind unglaublich stark im Abschluss, körperlich sehr robust und machen starke Dinge mit dem Ball, von denen man sich einige für sein eigenes Spiel abschauen kann", schwärmt der Nachwuchsstürmer.

"Wie ein gelebter Traum für mich"

An das bisher Erreichte gilt es anzuknüpfen, sich weiterhin im Training zu empfehlen. Dann scheint Putaros erster Torjubel im Oberhaus auch greifbar. "Die ersten Wochen und Monate waren wie ein gelebter Traum für mich. Das, was man sich als kleiner Junge immer gewünscht hatte, ist wahr geworden. Das ist einfach ein tolles Gefühl", beschreibt Putaro: "Aber ich weiß natürlich auch, dass es noch ein weiter Weg ist, wenn ich mich in der Bundesliga durchsetzen und etablieren will. Dafür muss ich hart arbeiten und alles geben."

Diese Saison hatte es generell in sich - begonnen mit einem extraordinären Start in der A-Junioren-Bundesliga Nord/Nordost: Satte elf Treffer aus den ersten fünf Spielen (am Saisonende: 23 Tore in 17 Spielen), fünf weitere im internationalen Vergleich der UEFA Youth League: Putaro machte sich für den Nachwuchs unverzichtbar. Spielt er, ist er kaum aufzuhalten. Das spiegeln die letzten drei Einsätze wider, in denen dem Göttinger sagenhafte neun Tore gelangen.

Im Oktober 2015 folgte die Nominierung in das U-19-Nationalteam, damals trainiert von Markus Sorg, der die Qualitäten des bulligen Angreifers zu schätzen wusste. Putaro, der auch die italienische Staatsbürgerschaft besitzt, zahlte das Vertrauen mit guten Leistungen zurück - hofft bei der Heim-EM im Juli in Baden-Württemberg dabei zu sein. Alles andere wäre ob des gegenwärtigen Leistungsschubs eine Überraschung.

Treppenbau zu Wolfsburg

Putaro strebt nach der Weltspitze. Das Potenzial dazu scheint er zu haben. "Mein größtes Ziel ist es, mich im Profikader des VfL voll und ganz zu integrieren und ein fester Bestandteil der Mannschaft zu werden. Ich will mich immer weiter verbessern und durch meine Leistung dem Verein helfen", sagt er selbst.

Dafür muss er noch strikt an sich arbeiten. Defensivarbeit und Übersicht sollen sich primär verbessern. Sein großes Plus hingegen sind sicherlich die Coolness und Abgeklärtheit vor dem Tor - den Ball ohne große Schnörkel im Netz zu versenken.

In Wolfsburg findet er prädestinierte Voraussetzungen für eine reibungslose Weiterentwicklung vor. In der Metapher des Eigenheims hat Putaro den Grundstein längst gelegt. Er ist schon deutlich weiter. Etwa so, als hätte er in einem zweistöckigen Wohnhaus gerade mit der Treppe begonnen.

Leandro Putaro im Steckbrief

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