Der "Beckenbauer der DDR"

Von Niccolo Schmitter
Mittwoch, 27.04.2016 | 19:15 Uhr
Lutz Eigendorf wurde im März 1983 bei einem Autounfall getötet
© imago
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Als "Beckenbauer der DDR" gefeiert, stand Lutz Eigendorf eine steile Fußballkarriere in Ostdeutschland bevor. Dennoch setzte er sich 1979 in der BRD ab. Vier Jahre später war Eigendorf tot - unter äußerst mysteriösen Umständen. Was geschehen war, welche Bedeutung spät entdeckte Dokumente hatten und warum die Stasi dabei eine zentrale Rolle spielte.

Lutz Eigendorf besaß alle Voraussetzungen, um der nächste Fußballstar Ostdeutschlands zu werden. Bereits als Jugendspieler schloss er sich dem DDR-Vorzeigeklub BFC Dynamo an, in dem ihm mit 18 Jahren der Sprung in die Oberliga gelang. Trotz seines jungen Alters avancierte er zum Stammspieler, ordnete das Spiel von hinten heraus und erarbeitete sich so den Titel als "Beckenbauer der DDR". Mit der U21-Auswahl holte der Mittelfeldspieler zudem Silber bei der EM 1978. Alles schien klar zu sein, die Schienen für seine Karriere waren bereits verlegt. Er musste sie nur noch hinunterfahren, um als nächster Star des DDR-Fußballs gefeiert zu werden. Doch es kam anders.

Bei einem Freundschaftsspiel seines Vereins in Kaiserslautern nutzte Eigendorf die Gelegenheit, setzte sich ab und tauchte unter. Der Skandal war perfekt. In der DDR war von einem Skandal jedoch nichts zu hören, die Medien thematisierten die Flucht kaum. Doch hinter den Kulissen brodelte es. Die ideologische Überprüfung von Spielern wurde intensiviert, Auswärtsspiele in kapitalistischen Ländern reduziert. Der Mittelfeldspieler begann derweil seine Karriere in der Bundesliga, wo er zuerst beim 1. FC Kaiserslautern kickte und schließlich bei Eintracht Braunschweig. Doch im März 1983 war das Leben von Lutz Eigendorf mit einem Schlag vorbei.

Ein kurioser Todesfall

Am 5. März 1983 absolvierte der Brandenburger als Spieler von Eintracht Braunschweig noch ein Bundesligaspiel. Nach der Partie fuhr er für einige Stunden heim, bevor er in eine Kneipe ging. Gegen 22 Uhr verließ er das Lokal und machte sich erneut auf den Weg nach Hause - wo er jedoch nie ankam. Rund eine Stunde später wurde er mit schweren Verletzungen in seinem Auto entdeckt, das voller Wucht gegen einen Baum gekracht war. Zwei Tage später erlag Eigendorf seinen Verletzungen im Krankenhaus.

Was sich auf den ersten Blick wie eine tragische, aber gewöhnliche Todesmeldung in einer Tageszeitung liest, offenbart sich bei näherer Betrachtung als kurioser Todesfall, der einige Antworten offen lässt. Hatte Eigendorf schlicht zu viel getrunken? Hatten ihn persönliche Probleme geplagt? Oder hatte gar die Stasi ihre Finger im Spiel?

Zu Beginn verdutzt erstmal die Tatsache, dass Eigendorf in der Kneipe laut Augenzeugenberichten maximal zwei 0,2l-Biere getrunken haben soll. Denn bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus wurden bei ihm ganze 2,2 Promille im Blut festgestellt. Außerdem wurden er und sein Auto auf einer Strecke gefunden, die überhaupt nicht auf seinem Heimweg lag. Was war also in dieser einen besagten Stunde passiert?

War die Stasi involviert?

Lutz Eigendorf war zwar nicht der einzige DDR-Fußballer, der sich bei Auslandsreisen absetzte. Dennoch war er als ehemaliger Spieler des Berliner Dynamo FC ein besonderer Fall. Der BFC Dynamo galt im Osten nämlich als der "Stasi-Club" und war Lieblingsverein vom MfS-Vorsitzenden Erich Mielke. Eigendorf soll sogar Mielkes Lieblingsspieler gewesen sein. Somit war seine Flucht keine normale, sie war persönlich, sie wurde zur "Chefsache".

Unter diesem Gesichtspunkt muss also eine Involvierung der Stasi in Betracht gezogen werden. Denn Eigendorf wurde auch ab 1979 auf Schritt und Tritt überwacht, angeblich waren bis zu 50 Personen an seiner Observation beteiligt. Der Mittelfeldakteur tat dazu freilich nichts, um die Wogen zu glätten. Er gab einige Interviews, in denen er sich kritisch gegenüber der DDR äußerte. Erst wenige Tage vor seinem Unfall war er im Fernsehen vor der Berliner Mauer zu sehen; das Stadion seines Ex-Klubs BFC war sogar im Hintergrund zu erkennen.

All dies reicht sicherlich nicht aus, um eine Involvierung der Stasi in den Unfall zu belegen. Allerdings gibt es Beweise für Überlegungen des MfS, wie man mit Eigendorf verfahren sollte. Der Historiker Andreas Holy beschäftigte sich mit dem Fall und sichtete tausende Dokumente in dessen Zusammenhang. Dabei fand er zahlreiche dieser "Maßnahmepläne". Doch vor allem ein handgeschriebener Zettel in Eigendorfs Stasi-Akte fiel auf. Das Blatt mit den Worten "Unfallstatistiken? Von außen ohnmächtig? Verblitzen, Eigendorf, Narkosemittel." belegt, dass man sich über Strategien zu einer möglichen Beseitigung des Fußballers Gedanken machte. Unter Einbeziehung der Tatsache, dass die Kurve, in der Eigendorf in den Baum raste, eine besonders hohe Unfallstatistik aufwies, erhält dieser Zettel noch eine zusätzliche Brisanz.

Eine Sonderprämie am Todestag

Ein weiteres Kuriosum stellt eine Zahlung dar, die der inzwischen verstorbene Führungsoffizier Heinz Hess erhielt. Der Mann, der zahlreiche Spitzel im Zusammenhang mit dem Fußballer koordinierte, erhielt genau an Eigendorfs Todestag eine nicht näher spezifizierte Sonderprämie von 1.000 Mark. Nicht weniger verdächtig machte Hess sich durch eine weitere Tatsache. Als der Fall nach der Wiedervereinigung aufgrund von neuen Erkenntnissen nochmals aufgerollt wurde, wurde Hess zweimal von der Polizei vorgeladen - erschien aber beide Male nicht.

Es bleibt nach wie vor unklar, was in der einen besagten Stunde passiert ist. Holy besitzt jedoch eine Erklärung und hält einen bestimmten Tathergang für wahrscheinlich. Demnach wurde Eigendorf nach dem Verlassen der Kneipe von Stasi-Agenten entführt und vergiftet. Wahrscheinlich wurde ihm dabei Alkohol entweder intravenös oder oral eingeflößt, woraufhin er unter Todesangst wieder freigelassen wurde. Die Männer sollen ihn dann mit dem Auto verfolgt, vor sich her getrieben und schließlich in der entscheidenden Kurve "verblitzt" haben. Das bedeutete im Stasi-Jargon die Blendung einer Zielperson, die so von der Straße abkommen sollte.

Holy ist aber freilich nicht die einzige Person, die sich mit dem Fall befasst hat. Der Thüringer Stasi-Beauftragte analysierte ebenfalls die Unfallakten und kam zu dem Schluss, dass die Theorie des Mordes nicht viel hergebe. So sei der von Holy skizzierte Plan schlicht zu riskant. Denn die Methode des "Verblitzens" ist ungenau, Eigendorf hätte nicht gegen einen Baum fahren müssen, sondern hätte auch einfach auf ein Feld rollen können. Wäre der Mord zudem misslungen oder aufgeflogen, hätte man einen internationalen Skandal provozieren können. Der Zeitpunkt wäre dafür denkbar schlecht gewesen, denn die DDR befand sich gerade in Verhandlungen mit der BRD über den bekannten Milliarden-Kredit.

Mehr Fragen als Antworten

Außerdem hätte es auch andere Möglichkeiten gegeben, um dem Opfer zu schaden. Man hätte auch einfach die in Ostdeutschland gebliebene Familie inhaftieren können, genug Material hatte man anscheinend schon gesammelt. Doch hätte sich der Machtmensch Mielke von diesen Argumenten bremsen lassen? Nach dem Affront, den Eigendorfs Interview vor der Mauer darstellte?

Fest steht, dass der Fall des Lutz Eigendorf mehr Fragen als Antworten gibt. Für eine vollständige Aufklärung ist es ohnehin zu spät, zu viele kriminaltechnische Maßnahmen, wie eine gründliche Untersuchung des Unfallfahrzeugs, wurden damals schlichtweg versäumt. Auch eine Obduktion des Leichnams, die eventuell Giftstoffe zu Tage hätte bringen können, wurde nicht vorgenommen. Die Ermittler von damals ignorierten einfach die politische Ebene, die sich hinter Eigendorf verbarg. Man war überfordert, eine mögliche Involvierung der Stasi stellte ein enormes Hindernis bei der Investigation dar. So kam eine schnelle und unkomplizierte Aufklärung in Form eines Unfalltodes allen gelegen - außer den Menschen, die sich Gerechtigkeit wünschten.

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