Guardiola und das Eins-gegen-eins

I'm In Love With The Coco

Mittwoch, 10.02.2016 | 12:50 Uhr
Douglas Costa und Kingsley Coman kamen im Sommer nach München
© getty
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Pep Guardiola hat seine Offensivausrichtung beim FC Bayern München in der Bundesliga angepasst. Auch im Pokal beim VfL Bochum wird er wohl darauf setzen (20.30 Uhr im LIVETICKER). Mehr Spieler für das Eins-gegen-eins, mehr Druck aus dem Zentrum. Nur, weil neben Kingsley Coman, Douglas Costa und Arjen Robben auch bald Franck Ribery wieder zur Verfügung steht?

Pep Guardiola redet nicht gerne über seine Zukunft, er spricht nicht gerne über Manchester City und er hält nicht viel davon, über die Entscheidungen seines Teams zu diskutieren. Doch wenn man ihn darauf anspricht, worauf der oft minutenlang warten muss, dann sprudelt es regelrecht.

Pep spricht gerne über Fußball. Das hat er mit vielen seiner Zunft gemeinsam und doch macht es nur bei wenigen anderen so viel Spaß zuzuhören. Fragt man ihn nach seiner Taktik, seinen Vorstellungen von Fußball, ist er humorvoll, offen, ehrlich und vor allem kaum zu stoppen. Er ist so in seinem Element, dass sein Deutsch oft nicht mitkommt und man schon mit Guardiolas Sprech vertraut sein muss, um alles richtig mitzubekommen.

Diese Fragen werden aber nicht oft gestellt. Letztlich geht es viel zu oft um City oder die neuste Verletzung im teuren Kader. Ein Fanklub war es, der beweisen musste, wie gut man eigentlich mit Guardiola auskommen kann - wenn man denn will.

"So ist es nie einfach"

Die Bayern Bazis Vilbisburg stellten dem Katalanen eine Taktiktafel zur Verfügung, stießen einmal die Diskussion an und hörten gebannt zu. Pep sprach über seine Vorstellungen gegen die Hertha, gegen die Fünferkette in der Defensive, die Rolle von Jerome Boateng, die Rolle von Javi Martinez und sein ganz besonderes Problem: Seine Spieler für das Eins-gegen-eins.

"Wenn das gegnerische Team so steht, ist es nie einfach", erklärte er zur Herangehensweise im Spiel gegen Berlin: "Völlig egal ob vor 75 Jahren oder in 50 Jahren." Tatsächlich verschanzt sich ein Großteil der Herausforderer vor dem eigenen Strafraum, zieht enge Ketten auf und versucht, die Bayern vor allem vom eigenen Tor wegzuhalten.

Ohne Spieler mit "der Qualität für das Eins-gegen-eins" eine schwer lösbare Aufgabe. Kingsley Coman stand auf dem Platz, laut Angabe des Trainers der einzige Mann, der eben diese Qualität mitbrachte. Douglas Costa fehlte, Arjen Robben fehlte, Franck Ribery fehlte und mit etwas Zögern fehlte auch Mario Götze.

Welche Qualität wo?

Wer sich, wie die Bayern in diesem Jahr, stets mit tiefen Abwehrreihen konfrontiert sieht, sucht nach Lösungen. Einfach ist es natürlich nie, doch hat der deutsche Rekordmeister offenbar doch ein Mittel gefunden, denn früher oder später fällt selbst die bis dahin stabilste Mauer.

Man mag nun von Grundordnungen schreiben und über Anordnungen auf dem Feld diskutieren. Oder man geht mit Guardiola, nennt das 4-3-3, 4-1-4-1, 3-5-2 oder 2-3-5 einfach Telefonnummer und fragt sich: Welche Spieler brauche ich mit welcher Qualität an welcher Stelle?

In den letzten Wochen und Monaten hat sich das Anforderungsprofil hier deutlich geändert. Das lag zum einen an der Personaldecke, zum anderen aber auch an neuen Wegen, die Guardiola geht. Zu Beginn seiner Zeit beim FC Bayern fand er schnell heraus, dass ihn andere Spieler begrüßten als noch in Barcelona.

Costa wechselt in die Mitte

Das erste Jahr war viel auf die Flügel ausgerichtet. Durchbrüche, flache Flanken an den Fünfer oder in den Rückraum und das Erobern zweiter Bälle. Schon damals sagte Guardiola: "Der Ball muss durch die Mitte." Aber: Die Münchner spielten gänzlich anders als die Spieler aus Barcelona, die ihre technisch starken Spieler eher im Zentrum ansammelten und auch von dort auf das Tor drängten.

Auch im zweiten Jahr änderte sich wenig am Flügelfokus - auch wenn das Ziel immer ist, über die Flügel ins Zentrum gelangen. Halbraumüberladungen mit dem ausweichenden Lewandowski und wieder etwas klassischeren Außenverteidigern sorgten für verstärktes Verschieben beim Gegner, sowie extrem defensives Pressing.

Im November entstand mit den Partien gegen Arsenal eine neue Idee. Pep erklärte: "Ich mag Spieler in der Mitte im Eins-gegen-eins, weil die Mittelfeldspieler und Innenverteidiger dort alleine sind. Auf außen sind immer mehrere Spieler zum Helfen." Die Idee mit Costa als Spieler im Zentrum war geboren: "Ich wollte ihn im Eins-gegen-eins mit Cazorla und Coquelin."

Fünf Stürmer auf dem Platz

Selbst Arsenal unter Arsene Wenger entschied sich dazu in der Champions League passiv auf den Gegner zu warten. Im Hinspiel hatten die Gunners mit extremer Kompaktheit auf den Flügeln einen 2:0-Sieg davon getragen, dabei aber eine große Lücke zwischen den beiden Innenverteidigern und dem zentralen Mittelfeld offengelassen.

Guardiola hatte erkannt: "Ein Dribbling und das Spiel ist offen." Somit fokussierte er sich noch mehr auf die Rolle Costas im Zentrum und trug letztlich einen 5:1-Sieg davon, den er später als eines der besten Spiele des FC Bayern unter seiner Regie bezeichnete.

Schritt für Schritt hat sich damit in dieser Saison ein neues taktisches Mittel für die Bayern entwickelt, das die stabilsten Defensivreihen knacken soll. Lewandowski fungiert als Zielspieler, ist unterwegs, pflückt Bälle herunter und zieht Gegenspieler aus dem Weg.

Thomas Müller ist in seiner gewohnten Art schwer zu greifen, sticht manchmal in den Strafraum, räumt aber manchmal auch uneigennützig den Weg für seine Mitspieler frei. Und dann wären da Coman und Costa - zu Beginn der Saison kurz als CoCo gefeiert - die im Eins-gegen-eins verzücken. Vier Stürmer, seit der Rückkehr von Robben fünf Stürmer. Der Niederländer ist damit der dritte Eins-gegen-eins-Spieler in einer möglichen Startelf der Bayern.

Mittelfeldfokus adé?

Dabei war Guardiola lange als Trainer verschrien, bei dem das Mittelfeld über alles gehe. Der teilweise ohne Stürmer auflief, um den Ball zu sichern. Doch neue Gegner und eine neue Mannschaft erfordern neue Wege. Er will den Gegner trotzdem noch immer zerspielen. Wer sich passiv verhält, muss gegen einen derartig überlegenen Gegner ständig Überzahl herstellen, um das eigene Tor zu verhindern.

Ein Durchbruch, ein Dribbling kann dann aufgefangen werden. Wenn nun aber Robben nach innen zieht, Müller nach rechts geht, Lewandowski sich Richtung Tor schleicht, Coman auf die Seitenverlagerung wartet und Costa im Zentrum auf einen Doppelpass oder eine schnelle Ablage wartet - wo soll der Gegner dann Überzahl herstellen?

Robben kann mehrere Gegner hinter sich lassen. Bei einem Pass auf Costa kann dieser zentral vor dem Tor ins Dribbling gegen eine Innenverteidigung ohne Absicherung gehen. Bei einer Verlagerung auf Coman kann dieser zur Grundlinie gehen oder selbst versuchen, in den Strafraum einzubrechen. Das Dilemma ist perfekt.

Flexibilität von CoCo

Abgesichert wird die neue Dampframme von einem stabilen Dreieck aus Xabi Alonso und zwei Innenverteidigern. Die Außenverteidiger müssen bei fünf Offensivakteuren nur selten die Breite halten und können einrücken. Damit ist eine gute Absicherung nach Ballverlusten gegeben, im Gegenpressing kann schnell Zugriff hergestellt werden, ohne auf einen Mitspieler im Rücken verzichten zu müssen.

Entscheidend dafür sind für den Coach Coman und Costa. "Beide können auf beiden Seiten ohne Probleme spielen. Sie können pro Spiel zehn Mal bis zur Grundlinie kommen und nach innen spielen, das ist Wahnsinn für Robert (Lewandowski) und Thomas (Müller). Aber sie können auch auf der anderen Seite spielen, nach innen ziehen, schießen oder passen."

Muss es noch ein Stück offensiver werden - weil der Gegner etwa noch ein Stück defensiver wird - ist die Erweiterung ein bisschen grobschlächtiger. Javi Martinez fand sich gegen die Hertha beispielsweise in einer Rolle als vorstoßender Halbraumspieler wieder. Der Spanier nutzte seine physische Präsenz, um hohe Bälle im Strafraum zu erkämpfen.

Neue Rolle für Vidal?

Im DFB-Pokal gegen den VfL Bochum wird der FC Bayern aller Wahrscheinlichkeit nach ähnlich auftreten. Der Zweitligist wird, trotz Gertjan Verbeek auf der Trainerbank, doch abkehren vom Stil der heimischen Liga und defensiv auftreten. Gerade für solche Spiele, Spiele mit einem Klassenunterschied, wurde die Taktik mit fünf Offensivkräften von Guardiola und seinem Team eingeführt.

Für die Champions League wird es allerdings doch die eine oder andere Anpassung geben. Ebenso erschwert die dünne Personaldecke in der Defensive die Pläne Guardiolas, denn mit Alaba und Kimmich als Innenverteidiger müsste ein neuer Spieler gefunden werden, der den einrückenden Außenverteidiger auf links ersetzt.

Arturo Vidal könnte hier eine Rolle erhalten, die seinem Profil durchaus entspricht. Doch wer Pep kennt, der weiß: Er redet nicht nur gerne über Fußball, er hat auch immer schon eine Idee im Hinterkopf, die er nicht preisgibt. Damit fährt er zumindest in der Liga bestens.

Der FC Bayern München im Überblick

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