Rudi rennt immer

Donnerstag, 18.02.2016 | 15:43 Uhr
Artjoms Rudnevs feierte nach dem Sieg gegen Gladbach mit den Fans auf dem Zaun
© getty
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Vor der Saison hätte Artjoms Rudnevs fast in Griechenland angeheuert, im Winter stand er vor einem Wechsel zum FC St. Pauli. Nur wenige Wochen später ist der einst perspektivlose Stürmer wieder mittendrin in der Mannschaft und schürt die Hoffnungen auf eine sorgenfreie Saison. Keine Seltenheit beim Hamburger SV.

Artjoms Rudnevs ist ein einfacher Kerl. Ein Faible für knallbunte Schuhe, eine aufwendig gestaltete Homepage oder professionell betriebene Social-Media-Kanäle sind ihm ebenso fremd wie das Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen.

Als die HSV-Fans seinen Namen nach dem 3:2-Sieg über Mönchengladbach skandierten und ihn auf dem Zaun forderten, zögerte Rudnevs zunächst, ließ sich dann aber doch darauf ein und feierte verhalten mit den Anhängern.

Via Twitter bedankte sich der 28-Jährige zwar noch am selben Abend für die Unterstützung, ergänzte aber gleichzeitig demütig: "Mehr möchte ich im Moment nicht sagen, ich möchte erst meine Leistung bestätigen."

Die Fans feiern ihn ohnehin seit seiner Premieren-Saison, in der er zwölf Tore erzielte. Egal ob auf dem Platz oder beim Aufwärmen, Rudnevs-Sprechchöre hallen stets durch das Volksparkstadion. "Dass mein Standing bei den Fans ganz gut ist, habe ich schon mitbekommen. Das war ja in der ersten Saison schon so. Vielleicht bietet sich mein Name aber auch einfach ganz gut an, um daraus ein Lied zu machen", sagte er in einem Interview mit Goal.

Ein Mann fürs Einfache

Seine Beliebtheit bei den Anhängern beruht allerdings nicht auf besonderen technischen Fertigkeiten oder außergewöhnlichem Talent wie etwa bei Rafael van der Vaart. Rudnevs ist ein Kampfschwein, ein ehrgeiziger Arbeiter, der Vollgas gibt, völlig egal ob er zehn, 30 oder 90 Minuten auf dem Platz steht.

Rudi, wie er von den Fans und seinen Mannschaftskollegen genannt wird, rennt immer.

Nur seinem Willen und seinem Durchhaltevermögen ist es auch zu verdanken, dass er aktuell wieder eine Rolle in Hamburg spielt. Wirklich gesetzt war der Lette nur in seiner ersten Saison, als der damalige Sportvorstand Frank Arnesen ihn für 3,5 Millionen Euro vom polnischen Erstligisten Lech Posen an die Elbe lockte.

Nachdem Arnesen sich an internen Machtkämpfen mit Investor Klaus-Michael Kühne, Trainer Thorsten Fink und dem Vorstand aufgerieben hatte und den Verein schließlich verließ, verschlechterte sich Rudnevs Standing konstant.

Nie wirklich gefragt

Ob unter Mirko Slomka, Joe Zinnbauer, Peter Knäbel oder schließlich Bruno Labbadia, der 28-Jährige pendelte stets zwischen Bank und Tribüne, war als vierter oder fünfter Stürmer häufiger Streichkandidat.

Im Winter 2013/14 verlieh ihn der HSV an Hannover 96, wo Rudnevs mit je einem Treffer in den ersten beiden Spielen zwar einen guten Einstand feierte, anschließend aber auch bei 96 seinen Stammplatz verlor. Hannover zog die Kaufoption nicht und der Angreifer kehrte zurück zum HSV.

Vor der laufenden Saison standen beide Seiten vor der Frage, wie es nun weitergehe mit dem Publikumsliebling und den Hanseaten. Obwohl Rudnevs Vertrag noch ein weiteres Jahr lief, teilte man ihm mit, dass er keine Perspektive mehr beim HSV habe.

Das rief Entdecker und Förderer Arnsesen wieder auf den Plan, der inzwischen beim griechischen Erstligisten PAOK Thessaloniki tätig ist.

Rudnevs will einfach nicht weg

Während alle Zeichen auf Wechsel standen und auch der HSV hoffte, die gebeutelte Kasse um Rudnevs' Gehalt zu erleichtern, überraschte dieser: "Ich werde nicht gehen, sondern meine Chance beim HSV suchen. Es wird schwer, aber ich werde um meinen Platz kämpfen."

Aus dem Umfeld des Letten hieß es zudem, dass seine Familie sehr glücklich in der Hansestadt sei und somit ihren Teil zum Verbleib beitrug.

Nachdem Rudnevs trotz guter Vorsätze in der Hinrunde kein einziges Mal im Kader der Profis stand, beschäftigte man sich im Winter mit einer Leihe zum FC St. Pauli. Scheinbar ein guter Kompromiss.

Der Zweitligist suchte dringend Verstärkung im Sturm, Rudnevs Spielpraxis und der HSV einen potentiellen Abnehmer, weshalb der Bundesliga-Dino sogar bereit gewesen sei, einen Teil von Rudnevs Gehalt weiter zu zahlen. Rudnevs aber blieb erneut und kündigte einen wiederholten Angriff in der Winterpause an.

Plötzlich wieder angesagt

Dass dieser von Erfolg gekrönt sein könnte, daran glaubten wohl die Wenigsten im Lager des HSV, wenngleich Trainer Labbadia nach der Partie gegen Gladbach beteuerte, "Rudi niemals aufgegeben zu haben". Tatsächlich gelang es Rudnevs, im Wintertrainingslager im türkischen Belek auf sich aufmerksam zu machen. Zwar nicht im ganz großen Stil, aber zumindest mit einer klaren Verbesserung: Er arbeitete sich an Ivica Olic in der Stürmer-Rangfolge vorbei und saß am 18. Spieltag erstmals wieder auf der Bank.

Drei Kurzeinsätze mit einem Treffer und einer Vorlage später fand er sich in der Startelf gegen Borussia Mönchengladbach wieder - und erzielte das wichtigste Tor des Abends, als er den HSV nach 0:1-Rückstand zur Führung schoss.

Es gilt als sicher, dass er auch beim heutigen Spiel gegen Eintracht Frankfurt (20.30 Uhr im LIVETICKER) von Beginn an auflaufen wird. Weil er sich im Winter nicht hängen ließ und seinen ordentlich dotierten Vertrag aussaß, sondern in einer scheinbar ausweglosen Situation nicht den Glauben an sich selbst verlor und sich zurück in die Mannschaft biss.

Kein Einzelfall

Dabei ist Rudnevs keinesfalls der erste Hamburg-Spieler, der als einst abgeschriebener Tribünengast wieder zum Stammspieler und Leistungsträger avanciert. Labbadia hat ein Talent dafür, vermeintlich aussortierten Spielern zu altem beziehungsweise neuem Glanz zu verhelfen.

Ivo Ilicevic und Gojko Kacar, die beide bereits Stammgäste in Hamburgs zweiter Mannschaft waren und kurz vor einem Verkauf standen, sind die prominentesten Kandidaten. Ähnliches gilt aber auch für Nicolai Müller oder Lewis Holtby, die unter Labbadias Vorgängern in keiner Weise an die Leistungen anknüpfen konnten, die sie bei ihren Ex-Vereinen gezeigt hatten.

"Rudi ist ein schönes Beispiel für alle, die sich nicht beachtet fühlen. Bei uns ist nie jemand abgeschrieben. Es gilt allein das Leistungsprinzip", beschrieb der Coach gegenüber Kicker.

Zukunft weiter ungewiss

Was sein jetziges Hoch für Rudnevs Zukunft bedeutet, ist dennoch ungewiss. Potentielle Abnehmer soll es in Griechenland, England und der Türkei geben. Durch seinen auslaufenden Vertrag ist er zudem ablösefrei zu haben, was seine Attraktivität für andere Vereine ebenso steigert wie seine Leistungen in der Rückrunde.

Ob diese genügen, um auch beim HSV ein Umdenken zu erreichen, bleibt abzuwarten.

Mit seinen 28 Jahren ist Rudnevs zwar noch lange nicht so weit, sich Gedanken über sein Leben nach der aktiven Karriere zu machen, wo ihm sein abgeschlossenes Studium zum Sportlehrer helfen wird.

Um sich erneut fast drei Jahre hintenanzustellen, ist er aber zu alt - und sich selber wohl auch zu schade.

Alles zu Artjoms Rudnevs

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