Mit Helm und mit Gurt

Freitag, 15.01.2016 | 15:01 Uhr
Sinan Kurt trägt ab der Rückrunde das Trikot von Hertha BSC
© getty
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Sinan Kurt hat das Kapitel Bayern München geschlossen und schnürt seine Fußballschuhe künftig in der Hauptstadt. Der Wechsel zu Hertha BSC ist folgerichtig und nachvollziehbar. Gleichzeitig zeugt er von Kurts Entwicklung abseits des Rasens.

Ende der 80er Jahre hielt sich Frank Zanders Hit "Hier kommt Kurt" wochenlang in den deutschen Singlecharts. Das Lied, das auf seinen zweiten Vornamen Kurt anspielt, erzählt von einem etwas tollpatschigen Draufgänger, der "ohne Helm und ohne Gurt" das Risiko sucht, der da ist, wo das Leben tobt. Da, wo alle sind.

Als Sinan Kurt im Sommer 2014 nach einem medial bis zum Überschäumen ausgeschlachteten Hin und Her zum FC Bayern wechselte, konnte man diesen Schritt zwar nicht unbedingt als draufgängerisch betrachten, das damit verbundene Risiko war dem damals gerade 18 Jahre alt gewordenen Youngster aber sicher bewusst. In seiner Geburtsstadt Mönchengladbach ließ er einen über Jahre erarbeiteten Karriereplan sowie große Zukunftshoffnungen der Verantwortlichen und Fans zurück.

FCB statt Wohlfühlzone Borussia

Statt Wohlfühlzone Borussia zog es Kurt zum Rekordmeister, zum großen FC Bayern, bei dem das Leben tobt, bei dem die größten Fußballer des Landes unter Vertrag stehen. "Es war Sinans Traum, beim FCB zu spielen", erinnert sich Berater Michael Decker im Gespräch mit SPOX. Nach anderthalb Jahren und einem 45-minütigen Einsatz in der Bundesliga ist das Kapitel München für Kurt beendet, ab dem 18. Spieltag wird er das Trikot von Hertha BSC tragen.

Seine damalige Entscheidung pro FCB hat Kurt dennoch zu keinem Zeitpunkt bereut. "Er hatte dort das große Glück, ein Jahr lang mit absoluten Weltklasse-Spielern trainieren zu dürfen und hat unheimlich viel gelernt", so Decker. Tatsächlich sah es anfangs auch nach dem erhofften und ausgemalten Werdegang aus. Wie mit dem Verein abgesprochen, trainierte Kurt in seinem ersten Jahr mit der 1. Mannschaft und kam zumeist in der U19 zum Einsatz, um Spielpraxis zu sammeln. Sein Debüt in der Bundesliga gab er am 30. Spieltag der vergangenen Saison gegen Hertha BSC.

Versetzung im Sommer

Vor der laufenden Saison änderte sich die Situation Kurts dann allerdings drastisch. "Im Sommer hat der FCB entschieden, dass Sinan, Julian Green und Gianluca Gaudino bei der U23 trainieren und in der Regionalliga Bayern spielen. Gleichzeitig kamen mit Douglas Costa und Kingsley Coman zwei Neuzugänge, die wie Sinan auf den Außen spielen, wo es ja auch noch Arjen Robben und Frank Ribery gibt. Die Perspektive 1. Mannschaft war in dieser veränderten Situation für Sinan weit weg. Das musste man einfach ganz nüchtern und sachlich analysieren", erinnert sich Decker.

Nach einer für Kurt enttäuschenden Hinrunde bei der U23 setzte sich der Youngster mit seinem Management zusammen. "Wir haben uns dann überlegt, wie es für Sinan weitergehen kann und welche Vereine für ihn aus unserer Sicht in Frage kommen. Dabei war uns in erster Linie wichtig, einen Verein zu finden, der über eine stabile Grundstruktur verfügt und gefestigt ist", beschreibt der Berater.

Hertha schon lange interessiert

Dabei kam man schnell auf den Hauptstadt-Klub zu sprechen, der schon Interesse an Kurt hatte, als dieser noch in Gladbach unter Vertrag stand. "Hertha BSC erfüllt alle Voraussetzungen, die wir bei Sinans nächstem Schritt als wichtig erachten. In Pal Dardai hat Berlin einen Trainer, der dort in den vergangenen elf Monaten nicht nur großartige Arbeit geleistet, sondern auch gezeigt hat, dass er sehr gut mit jungen Spielern umgehen und diese entwickeln kann - wie am Beispiel von Mitchell Weiser, der auch vom FCB kam", so Decker.

"Wir haben in Berlin angefragt, ob dieses Interesse weiterhin besteht. Hertha ließ uns wissen, dass man unverändert große Stücke auf Sinan halte und ihn gerne verpflichten würde", erläutert der Rechtsanwalt den Beginn der Gespräche. Dass Berlin aktuell in der Tabelle sogar auf einem direkten Champions-League-Platz rangiert, spielte bei der Wahl des Vereins allerdings keine Rolle: "Uns war wichtig, dass Sinan nicht nur für eine kurze Zeit von Bayern ausgeliehen wird, sondern dass ein Wechsel mit einer langfristigen Perspektive erfolgt, was durch den Abschluss des Dreieinhalbjahresvertrages mit Hertha BSC gewährleistet ist."

Kurt nimmt sich Zeit

Gleichzeitig sind Kurts Chancen auf Einsätze in Berlin ungleich höher als beim FCB, wo eine Verbesserung der sportlichen Perspektive kaum noch in Sicht war. Missmutige Gedanken gibt es dennoch keine. "Die Zeit in München war eine große und wichtige Erfahrung für ihn, aus der er seine Lehren gezogen hat", weiß Decker. Damit einher geht auch, sich selber nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Eine Karriere zu fokussieren, nicht einem Traum hinterherzujagen.

In Berlin will Kurt sich Zeit nehmen - und man ihm diese auch gewähren. "Es war nie Gegenstand der Gespräche, dass Sinan sofort in der Startelf stehen muss. Im ersten halben Jahr geht es vor allem darum, anzukommen, sich zu akklimatisieren und in die Mannschaft zu integrieren. Dann kann man sich in Ruhe einen Überblick über den Fitnesszustand verschaffen und abschätzen, wann Sinan der Mannschaft helfen kann", fasst Decker zusammen. So ist es auch nicht dramatisch, dass Kurt bei der Hertha vorerst für die U23 auflaufen wird. "Wenn er so gut ist, dass er uns helfen kann, schauen wir weiter. Aber er bekommt keinen Druck, hat bis Sommer Zeit und soll dann richtig angreifen", sagte Dardai nach dem Trainingslager in Antalya. Dass beide Seiten darauf eher früher als später hoffen, liegt in der Natur des Transfers.

Entscheidung mit dem Kopf

Dabei kann Kurt auf die Unterstützung seines Trainers bauen, der ihn im Trainingslager bereits in einigen Testspielen auflaufen ließ. "Er ist ein großes deutsches Talent [...] Wir werden ihm die Brücke in den Männerfußball bauen. Es macht mir als Trainer auch Spaß, mit solch einem talentierten Jungen zu arbeiten. Bis jetzt hat er es im Männerbereich noch nicht geschafft. Jetzt hat er bei uns die Möglichkeit, so Pal Dardai gegenüber Sport1.

Vermutlich war es nicht Kurts Kindheitstraum, mal das Trikot von Hertha BSC zu tragen, geschweige denn dort den Durchbruch zum Bundesliga-Spieler zu schaffen. Berlin ist eine vernünftige Entscheidung. Eine Entscheidung mit dem Kopf, nicht mit dem Herzen oder Bauch. Dort hat Kurt Sicherheit und einen vorbereiteten Weg, ohne gleichzeitig den immensen Druck zu verspüren, schnellst möglich in der ersten Mannschaft spielen zu müssen. Keine draufgängerische Wahl, kein Risiko. Eher ein Transfer mit Helm und Sicherheitsgurt.

Sinan Kurt im Steckbrief

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