Eine Frage der Zeit

Von Robin Küffner
Mittwoch, 27.01.2016 | 16:36 Uhr
Hugo Almeida ist im Winter zu Hannover 96 gewechselt
© getty
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Thomas Schaaf holte Hugo Almeida zurück in die Bundesliga, um die maue Offensive von Hannover 96 zu beleben. Schon im ersten Spiel bewies der Portugiese, dass er nichts verlernt hat. Auch wenn er noch nicht bei 100 Prozent ist, zeigt sich Almeida gegenüber SPOX kämpferisch - und verrät, warum ihm die Entscheidung für 96 leicht gefallen ist.

Den coolsten Schnauzer der WM 2014 hat längst ein voller Bart verdrängt, aus dem zerzausten Haar ist ein kleiner, gepflegter Männer-Dutt geworden. Ein müdes Lächeln, ein kurzer Blick in die Kamera, die rechte Hand locker am roten Trikot. Was nicht zu dem Bild passte, mit dem Hannover 96 die Verpflichtung von Hugo Almeida bekanntgab, war allein sein Pullover, der Mickey Mouse im Winter-Wunderland darstellte.

Denn ansonsten wirkte die Vorstellungsprozedur nicht wirklich locker, sondern so obligatorisch, wie sie es eben ist. Knappe Antworten, ernste Stimme. Almeida beantwortete die Fragen der anwesenden Journalisten auf "seiner" Pressekonferenz ohne große Euphorie, ohne große Versprechen zu geben, ohne auf Phrasen zurückzugreifen.

Ganz anders Martin Bader, der auf seinen Neuzugang angesprochen gleich ausholte, die Einzelheiten des Findungsprozesses ausführlich erläuterte und mit viel Lob für Spieler und Neu-Trainer Thomas Schaaf, der 96 bei Almeida half, seine Zuversicht auf eine gute Runde seines Stürmers ausdrückte - ganz ohne die Euphoriebremse. Auf die trat Almeida nicht nur mit seiner Art, die da lautete: Business as usual.

Der fast perfekte Einstand

Und Business as usual war es auch auf dem Feld von der ersten Sekunde, denn der Auftakt hätte für den Portugiesen kaum besser laufen können. Nicht einmal zehn Minuten waren am Samstagnachmittag gegen Darmstadt (1:2) gespielt, als die Nummer 22 von Hannover den Ball mit links, per Drop-Kick, unter die Latte nagelte und seine Farben in Führung schoss.

"So früh zu treffen war natürlich gut für mich und die Mannschaft. Ich habe gezeigt, dass ich hier bin, um der Mannschaft aus der schwierigen Situation zu helfen", sagt Almeida im Gespräch mit SPOX. Schon bei seinem Bundesligadebüt im Jahr 2006 brauchte er nach seiner Einwechslung nur drei Minuten für sein erstes Tor - damals übrigens gegen Hannover 96. "Leider hat es für den Sieg nicht gereicht, aber wir werden weiter hart arbeiten, um da unten rauszukommen."

Es war der Killerinstinkt, der Almeida schon immer ausgezeichnet hat. Fans von Werder Bremen liebten ihn dafür gleichermaßen wie Anhänger von Besiktas. Almeida ist der klassische Stürmer, der immer richtig steht, der die Tore in allen Situationen machen kann. Sein bulliger Körper verschafft ihm zusätzlich Vorteile in Positionsspiel und Luftkampf. Trotzdem ist er schnell, beweglich und variabel, was eine gute Kondition voraussetzt.

Die ist momentan noch nicht gegeben. "50, 60 Prozent", sagte er, explizit auf seinen momentanen Fitnessstand angesprochen. Eine Aussage, die viele enttäuschte, die Erwartung zusätzlich etwas dämpfte. Überraschend war sie indes nicht, hatte Almeida doch zuletzt bei Anschi Machatschkala gespielt und war am 6. November des vergangenen Jahres zuletzt aufgelaufen. "Die Russische Liga endet etwas früher, also musste ich eine Pause einlegen. Hoffentlich bin ich bald wieder bei 100 Prozent."

Nicht immer glücklich

Für Anschi stand der Stürmer nur 14 Mal auf dem Platz. Das letzte in einer Reihe von Missverständnissen, die zuvor über Kuban Krasnodar (13 Spiele) lief und davor beim AC Cesena (10) begann. Missverständnisse, weil er zuvor jeweils zu überzeugen wusste. Für Bremen erzielte er in 176 Pflichtspielen 63 Tore, bei Besiktas waren es in 110 Partien 47 Treffer.

Das Engagement in Cesena war kurz und nicht erfolgreich. Trotzdem könnte es rückblickend eine wichtige Station gewesen sein, denn es war eine Art Vorbereitung auf das, was ihn in Hannover erwartet. "Es war viel harte Arbeit, weil wir kein großes Team hatten", gab Almeida damals an. Ähnliche Voraussetzungen also wie an der Leine, wo auch viel über den Kampf gehen wird. Der negative Aspekt: Cesena stieg damals am Ende der Saison ab.

Und doch ist es so anders als in Italien, denn hier kennt er die Liga und vor allem den Trainer. Schaaf rief den Portugiesen für den ersten Kontakt persönlich an, ganz ohne Manager und Berater. Die "viereinhalb guten Jahre" in Bremen hat er mitnichten vergessen, Almeida ist froh wieder mit Schaaf zusammen zu arbeiten:

"Thomas ist ein sehr guter Trainer und wir hatten in Bremen einige großartige Jahre zusammen", erklärt er bei SPOX seine schnelle Zusage. "Als wir über die Möglichkeit sprachen, nach Hannover zu kommen und noch einmal zusammen zu arbeiten, musste ich nicht zweimal nachdenken." Schließlich sei die Bundesliga "eine der besten Ligen der Welt." Inwiefern es ein langfristiger Aufenthalt in Niedersachsens Landeshauptstadt werden könnte, ließ er beim Amtsantritt jedoch offen. Er hoffe auf "einige gute Monate".

Die Konzentration gilt erstmal dem Spiel, seinem Spiel, mit dem er den Roten helfen will: "Tore schießen, deshalb bin ich hier. Ich will helfen, nicht abzusteigen", lautet die grobe Marschrichtung der Rückrunde. Ganz egal sei es dabei, in welchem System der neue Coach spielen lässt. "4-4-2, 4-3-2-1, das ist egal. Ich will spielen", gibt sich Almeida flexibel und zeigt sich kämpferisch: "Es sind noch 16 Partien zu absolvieren, wir werden von Spiel zu Spiel schauen. Ich bin zuversichtlich, dass unsere Position in einigen Wochen besser sein wird, wenn wir hart arbeiten und sich jeder unserem Ziel unterordnet."

Es wird schwierig

Auch abseits des Platzes sei er anpassungsfähig, was auch am Sprachlichen liegt. Zwar gibt er Pressekonferenzen und Interviews lieber auf Englisch, denn Deutsch spreche er nicht so viel. Er versicherte aber, dass er es gut verstehe. "Ich will es jetzt nicht versuchen", sagte er auf seiner Antritts-PK mit einem Schmunzeln und zeigte damit das erste Mal etwas Lockerheit.

Es wird seine Zeit dauern, bis er diese Lockerheit auch auf den Platz bringen kann. Seine Fitness ist derzeit schlicht nicht ausreichend, um mit seinem gewohnten Spiel einen größeren Einfluss auf das Spiel der 96er auszuüben. Das wurde auch schon gegen Darmstadt deutlich, als seine Vorstellung ebenso viel Licht wie Schatten bot.

Es liegt an allen Beteiligten, den formlosen Portugiesen einzubinden und ihn so schnell wie möglich in einen Zustand zu bringen, der Hannover über 90 Minuten weiterhelfen kann. Gelingt dies, könnte er durchaus einen Unterschied machen. Denn die Offensive von 96 war zur Hinrunde mit nur drei von Stürmern erzielten Toren die schlechteste der Liga in dieser Statistik.

Alleine kann er das Ruder aber natürlich nicht herumreißen. Auch der ebenfalls neue Sturmpartner Adam Szalai ist gefordert, seinen Kollegen zu entlasten, zu unterstützen und einzusetzen. Ebenso wie das Mittelfeld, das seine Frontreihe in Szene setzen muss. Denn der Transfer von Almeida hatte nicht das Ziel, das Spiel der Roten auf ein neues Level zu heben, sondern nur eins, das er selbst am besten beschrieb: "Ich wurde geholt, um zu treffen."

Hugo Almeida im Steckbrief

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