"Es ging nie ohne Schmerzmittel"

Donnerstag, 04.02.2016 | 14:43 Uhr
Andreas Görlitz fing während seiner langen Verletzungspause an, Musik zu machen
© Room77
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Das Knie zwang Andi Görlitz zum vorzeitigen Karriereende und ebnete den Weg für seine neue Leidenschaft. SPOX traf den 34-Jährigen bei der Schneefußball-WM in Arosa. Ein Gespräch über das Leben als Musiker, Görlitz' Band Room77, den Fußball in Amerika - und sein Knie, das auch heute noch Probleme macht.

SPOX: Herr Görlitz, Sie haben nach dem Karriereende mal eben die Branche gewechselt und sind mittlerweile als Musiker unterwegs. Wie läuft's mit Ihrer Band Room77?

Andreas Görlitz: Wir arbeiten gerade an einer EP, die hoffentlich in den nächsten drei, vier Wochen fertig wird. Die ersten drei Songs sind im Kasten, drei weitere wollen wir im Frühjahr aufnehmen und veröffentlichen, damit es das Material, an dem wir schon länger arbeiten, auch endlich zu hören gibt. Wir haben die Band komplett umstrukturiert. Ich bin der Einzige der ursprünglichen Formation, der noch dabei ist.

SPOX: Warum das?

Görlitz: Die Band war immer ein Projekt, das nebenher lief, weil es mit dem Fußball nicht möglich war, unbegrenzt viel Zeit hinein zu stecken. Jetzt habe ich diese Ressourcen aber und will das Ganze ernsthaft aufziehen. Dafür fehlte den anderen leider die Zeit.

SPOX: Heißt: Sie haben Ihre neue Berufung gefunden?

Görlitz: Ja, es macht wahnsinnig viel Spaß! Wir sind 50, 60 Stunden die Woche im Proberaum und schrauben an den Songs. Hoffentlich gibt's uns bald auch öfter live zu sehen, wir hatten in der neuen Besetzung erst einen Auftritt bei Blickpunkt Sport. Aber wir planen gerade eine kleine Club-Tour, das Set dafür steht bereits.

SPOX: Bleibt da überhaupt noch viel Zeit für andere Dinge?

Görlitz: Ich habe letztes Jahr hier und da als Coach noch bei Fußballcamps mitgemacht und war unter anderem mit Global United (gemeinnütziger Verein gegründet von Lutz Pfannenstiel, d.Red.) eine Woche in Namibia. Aber eigentlich widme ich momentan meine komplette Zeit der Musik. Klar, man verdient damit noch nichts, vor allem, wenn man kaum live auftritt, aber da muss man erst einmal in Vorleistung treten. Wobei ich auch vorhabe, dieses Jahr meinen Trainerschein zu machen, um in Sachen Fußball nicht komplett weg zu sein vom Fenster.

SPOX: Sie haben sich das Gitarrenspielen während Ihrer langen Verletzungspause beigebracht. War das damals ein Ventil, das sie gebraucht haben? Oder hatten Sie davor schon Interesse, selbst Musik zu machen?

Görlitz: Nein, das gar nicht. Gut, ich habe in der vierten Klasse Flöte gespielt, das musste aber jeder. Nachdem sich meine Verletzung damals über ein Jahr hingezogen hat und auch nicht abzusehen war, wie lange es noch dauern wird - ich hatte ja auch ein paar Rückschläge -, hat mein Physiotherapeut Olli Schmidtlein gesagt: Such dir etwas, in das du Energie und Zeit investieren kannst und das dir Spaß macht. Er meinte dann, ich soll mir doch eine Gitarre kaufen - das habe ich gemacht. (lacht) Seitdem bin ich komplett infiziert.

SPOX: Fußballstar oder Rockstar - was taugt Ihnen mehr?

Görlitz: Das mit dem Rockstar kann ich leider noch nicht so wirklich beurteilen. (lacht) Wir hatten schon Auftritte als Vorband von AC/DC und Roxette, das war natürlich der Wahnsinn. Ich hatte aber auch eine super Zeit im Fußball. Das Gute beim Sport: Man bleibt auf irgendeine Art und Weise immer dabei, das sieht man bei jedem, der aufhört. Man verliert nie die Lust am Kicken, auch wenn es der Körper und die Knie nicht mehr so zulassen, wie man es gerne hätte, obwohl man noch nicht einmal 34 ist. Aber jetzt freue ich mich auch die Rocker-Karriere und hoffe, dass das irgendwie erfolgreich wird.

SPOX: Zum Ende Ihrer Fußballerkarriere wagten Sie sich in die Vereinigten Staaten und heuerten bei den San Jose Earthquakes an. Auch wenn die Zeit kurz war: Wie haben Sie den Fußball in den USA erlebt?

Görlitz: Der Plan war eigentlich, länger in den Staaten zu bleiben, mindestens zwei oder drei Jahre. Was mir auch unheimlich gefallen hätte. Das ganze Umfeld ist anders, die Liga funktioniert anders: Jeder Spieler schließt seinen Vertrag zum Beispiel zuerst mit der Liga ab, nicht mit dem Klub. Oder man gibt seine Rechte komplett ab. Ich habe dort in der kurzen Zeit viele Leute kennengelernt und Freunde gefunden. Und Kalifornien ist natürlich auch nicht der schlechteste Ort, um zu leben. (lacht) Generell nimmt der Fußball eine immer wichtigere Rolle in den USA ein, gesellschaftlich und auch medial. Davon ein Teil gewesen zu sein, auch, wenn es nur über einen kurzen Zeitraum war, war eine super Erfahrung für mich. Bis auf die Verletzung gab's nichts Negatives.

SPOX: Wann war der Zeitpunkt gekommen, an dem Sie sich eingestehen mussten, dass es nicht mehr weitergeht?

Görlitz: Ich hab bei San Jose von Anfang an gemerkt, dass ich mit der alten Knieverletzung ziemlich viel zu kämpfen hatte. Es ging nie ganz ohne Schmerzmedikamente und viel Arbeit, um einigermaßen beschwerdefrei spielen zu können. Und dann muss man abwägen: Wie lange macht man das mit, um seinen Körper nicht komplett zu ramponieren? Mein Knie macht jetzt immer noch Probleme, egal, ob im Alltag oder bei einem Freizeit-Kick. Als ich mich dann wieder am Kreuzband verletzt habe, war klar, dass ich meine Karriere beende. Ich hatte auch immer wieder Muskelprobleme, so dass es sehr schwer geworden wäre, auf diesem Niveau weiterzuspielen.

SPOX: Wie schwer fiel es Ihnen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen?

Görlitz: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Fußballerisch und was die Fitness angeht, konnte ich noch locker mithalten, obwohl ich vor dem Wechsel nach Amerika ein halbes Jahr lang keinen Verein hatte. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass die Major League Soccer im internationalen Vergleich schon noch ein Stück hinten dran ist. Es gibt gute Kicker, aber insgesamt würde ich das Niveau auf der Stufe "Mittelmaß 2. Liga" einordnen. Muskulär war es aber einfach nicht mehr drin. Das hat die Entscheidung ein Stück weit einfacher gemacht. Ich würde es nicht als Quälerei bezeichnen, dafür hat es zu viel Spaß gemacht, aber natürlich bestärkt einen die Situation mit permanenten Wehwehchen eher dazu, einen Schlussstrich zu ziehen. Zumal der Plan B in Sachen Musik schon parat lag. Das fängt einen auch in gewisser Weise auf.

SPOX: Ihre Zeit widmen Sie der Musik - bleibt da noch die ein oder andere Minute, um Ihre Ex-Klubs zu verfolgen?

Görlitz: Natürlich hat man ein Auge in den Medien darauf, was in Karlsruhe, Ingolstadt oder San Jose passiert. Hauptsächlich verfolge ich aber die Bayern, auch, weil mein Vater ein großer FCB-Fan ist. Leider proben wir meistens Samstagnachmittag, deshalb kann ich wenige Spiele sehen. (lacht)

SPOX: Dennoch: Wenn Sie sich die Entwicklung der Bayern in den letzten Jahren anschauen, reizt es einen, da noch einmal mitzuspielen? In dieser Mannschaft, unter einem Trainer wie Pep Guardiola?

Görlitz: Klar! Ich hatte zu meiner Zeit ja schon das Glück, mit großen Namen zusammenspielen zu dürfen und mit Louis van Gaal einen Trainer zu haben, von dem ich fachlich unheimlich viel mitgenommen habe. Er hat auch die Grundsteine gelegt, mit denen Trainer wie Pep Guardiola jetzt weiterarbeiten können. Wie sich der Klub die letzten Jahre entwickelt hat, ist noch einmal eine gewaltige Steigerung. Natürlich wäre man irgendwo gerne noch dabei. Aber ganz ehrlich: Ich bin kein Freund des "Was wäre, wenn...".

Andreas Görlitz im Steckbrief

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