Die Krux mit dem Soll

Freitag, 02.10.2015 | 11:55 Uhr
Borussia Dortmund hat unter Thomas Tuchel noch kein Pflichtspiel verloren
© getty
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Ungeachtet der schwachen Vorsaison bleibt es das langfristige Ziel von Borussia Dortmund, den Status als Nummer zwei im deutschen Fußball zu erhalten. Dies wirft für den BVB jedoch auch einige Kontroversen auf.

Als Thomas Tuchel vor drei Monaten seinen Dienst bei Borussia Dortmund antrat, hatte er das BVB-Schlagwort der Saison selbst ausgesucht. Seine Mannschaft solle der Herausforderer der Spitze werden. Sowohl in der Bundesliga, als auch in der Europa League.

Die vier Mannschaften, die im Vorjahr die Tabelle in Deutschland anführten, schlossen in Tuchels Augen nicht nur aufgrund hoher individueller Qualität so gut ab. Sie hätten sich mit der Zeit auch ans Gewinnen gewöhnt.

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Dieses von großem Selbstvertrauen in die eigenen Abläufe und Stärken geprägte Gefühl hat Tuchel seinem Team erstaunlich schnell eingeimpft. Elf Siege in Folge feierte der BVB, der unter dem neuen Trainer noch immer ungeschlagen ist.

CL-Rückkehr steht im Vordergrund

Eine solche Zwischenbilanz war nach den vielschichtigen Problemen in der Vorsaison und dem personellen Umbruch nicht unbedingt auf Anhieb zu erwarten. Dennoch reichten zuletzt zwei unnötige Unentschieden in der Bundesliga aus, um beim Tabellenzweiten eine vermeintliche Delle zu verursachen. Doch mit welcher Begründung?

In diesem Dortmunder Übergangsjahr steht einzig und allein die Rückkehr in die Champions League im Vordergrund, die finale Platzierung spielt dabei nicht die Hauptrolle. Nur mit den Einnahmen aus der Königsklasse kann der Verein sein gigantisches Wachstum der letzten Jahre unterfüttern - und zugleich den Schlüsselspielern eine dringend notwendige sportliche Perspektive bieten.

Allerdings hat das schwache Vorjahr die Metapher vom "zweiten Leuchturm im deutschen Fußball" (Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke) auch nicht außer Kraft gesetzt. Dortmund sieht sich weiterhin als Nummer zwei der Bundesliga und ist der einzige Klub, der in den letzten Jahren die Vorherrschaft des FC Bayern München kurzzeitig brechen konnte. Diese übergeordnete Zielsetzung ist für einen Verein dieser Größenordnung ambitioniert wie sinnvoll. Aber: Sie schwingt unweigerlich permanent mit und verursacht auch Kontroversen.

Wo liegt das natürliche Soll?

Zum Beispiel diese, dass man beim BVB schnell genervt ist, wenn man besonders nach schwächeren Spielen mit dem Vergleich zum Rekordmeister konfrontiert wird. Das zeigte sich in den letzten Tagen nicht zum ersten Mal: Tuchel wischte nach dem ernüchternden Remis gegen Darmstadt die Frage nach dem Spiel gegen die Bayern leicht angefressen weg, Watzke sah sich gezwungen zu bekräftigten, sich nicht als Bayern-Jäger positioniert zu haben.

Selbst der abgewanderte Kevin Großkreutz, dessen Social-Media-Aktivitäten teilweise zwar fragwürdig anmuten, aber dennoch einer Vielzahl an Anhängern aus der Seele sprechen, meldete sich zu Wort. Er bemängelte bei seinem Herzensklub ein ständiges Gerede über und Vergleiche mit dem Rekordmeister.

Es ist Dortmunds schwer zu beantwortende Krux: Wo liegt nach den rasanten Klopp-Jahren das natürliche Soll für den Verein? Ein Beispiel: Würde man am Saisonende über Platz vier und die Qualifikation an der Champions League teilnehmen dürfen, hätte man das gesteckte Ziel zwar erreicht. Doch den Verantwortlichen und Spielern wäre dann auch bewusst, dass die nationale Spitze erneut ein gutes Stückchen entfernt läge - genau dies soll aber eigentlich vermieden werden.

Auch die Bayern sollen herausgefordert werden

"Unser Abstand auf den Tabellenführer könnte kleiner sein", gab auch Sportdirektor Michael Zorc zu. "Wir ärgern uns sehr über die Punktverluste gegen Darmstadt, die wir uns durch schlechtes Abwehrverhalten selbst zuzuschreiben haben!" Damit wird deutlich: Dortmund sieht sich mit seinem herausragenden Spielermaterial und dem zweitteuersten Kader der Bundesliga nach wie vor jederzeit in der Lage, den Großteil der Liga-Partien für sich entscheiden und auch gegen den FC Bayern bestehen zu können.

Wer einen solchen Anspruch an sich selbst stellt, kommt jedoch automatisch nicht umher, häufig mit Quervergleichen zum Branchenprimus aus München konfrontiert zu werden. Und ihm sportlich natürlich auch auf den Fersen bleiben zu wollen - länger als nur eine handvoll Spieltage. Denn zu den vier Teams, die man herausfordern möchte, gehört schließlich auch der FC Bayern.

Verliert aber die Borussia am Sonntag in der Allianz Arena, bestünden nach acht Partien bereits sieben Punkte Rückstand auf Platz eins. Das würde die für die Attraktivität der Bundesliga nicht unerhebliche Spannung im Meisterschaftskampf womöglich erneut so gut wie ausschließen. Die drei letzten sehr dominanten Jahre untermauern zumindest die Annahme, dass sich der FCB dann nicht mehr vom Thron stoßen ließe.

Dortmund benötigt Bayerns Unnachgiebigkeit

Bleiben die Kräfteverhältnisse um Platz eins unverändert wie zuletzt, wird auch weiterhin ein unvermeidbares Signal an die Dortmunder Belegschaft gesendet: dass nämlich für Titelgewinne mit dem BVB enorm viel zusammenkommen muss. Kapitän Mats Hummels etwa ließ kürzlich durchblicken, dass ihm eine Meisterschaft mit Dortmund wohl mehr Wert wäre als der Gewinn der EM mit dem DFB-Team.

Dies ist nicht der erste Beleg dafür, dass der Ehrgeiz innerhalb der Mannschaft und gerade bei den Leistungsträgern unverändert groß ist - unabhängig vom schwachen Vorjahr. Um das Streben nach Erfolg zufriedenstellend zu stillen, benötigt die Borussia in ihrem Spiel jedoch diese Unnachgiebigkeit, mit der gerade die Bayern kaum eine Begegnung abgeben.

So aber spielt Dortmund elf Siege in Serie heraus, vergeigt im Anschluss leichtfertig zwei aufeinanderfolgende Partien und sieht sich sofort Diskussionen gegenüber, ob denn der ganz große Wurf damit nicht bereits dahin sei. Dies sorgt bei den Protagonisten wiederum für Verärgerung, wie an Hummels' Reaktionen nach Schlusspfiff in Hoffenheim und gegen Darmstadt oder Watzkes durchaus nachvollziehbarer Medienschelte ersichtlich wurde.

Reicht die bloße CL-Teilnahme?

Hummels, der zuletzt abwanderungswillige Ilkay Gündogan, Identifikationsfigur Marco Reus, Henrikh Mkhitaryan, Torjäger Pierre-Emerick Aubameyang - sie alle wollen mit der Borussia um Titel spielen und idealerweise welche gewinnen. Sie haben allerdings beständig die Möglichkeit, dies auch mit einem anderen Verein zu versuchen.

"Ich glaube nicht, dass alle Spieler, deren Verträge 2017 auslaufen, bei uns verlängern, wenn wir die Champions League erneut verpassen", meint Watzke und wird damit Recht haben.

Er weiß aber genauso, dass Akteuren mit dieser Vertragslaufzeit wie Hummels, Gündogan oder Mkhitaryan das bloße Erreichen der Königsklasse dauerhaft nicht ausreichen könnte.

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