"Gedacht, Stuttgart muss absteigen"

Von Interview: Oliver Mehring
Mittwoch, 02.09.2015 | 18:07 Uhr
Meißner ist sich unsicher, ob die VfB-Zugänge für einen Qualitätssprung aussreichen
© imago
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Silvio Meißner hat mit dem VfB vom Abstiegskampf bis zur Meisterschaft alles gesehen. Der ehemalige Mittelfeldspieler ist mit den Schwaben nach wie vor eng verbunden und sorgte sich schon vergangene Saison um seinen alten Verein. Im Interview mit SPOX spricht Meißner über den missglückten Saisonstart, den Abgang von Armin Veh und die neuen Hoffnungsträger beim VfB. Außerdem gewährt er Einblicke in seinen neuen Job als Spielerberater.

SPOX: Herr Meißner, eine neue VfB-Saison und wieder ein Fehlstart - wie haben Sie die ersten drei Spieltage erlebt?

Meißner: Der Start ist alles andere als sensationell und wirft wieder viele Fragen auf! Ist das neue System des Trainers schnell zu verstehen, ist die Mannschaft fit genug und hat man die richtigen Spieler dafür? Nach dem Erfolg gegen City war die Euphorie wieder groß, aber für den Sieg kann man sich nichts kaufen. Blickt man nach England: Da hat Manchester gleich wieder vier Saisonspiele gewonnen. Der VfB steht dafür wieder unten drin und hatte noch keinen schweren Gegner, die Brocken kommen erst noch. Es wird auf alle Fälle wieder eine harte Saison und international wird der Verein auf längere Sicht nicht dabei sein. Nun also wieder Abstiegskampf statt Europa League, von noch höheren Ambitionen ganz zu schweigen.

SPOX: Bereits vor der letzten Saison kritisierten Sie den VfB bezüglich seiner Personalplanung und warnten vor der nächsten Spielzeit im Abstiegskampf. Am Ende wurde es so knapp wie seit Jahrzehnten nicht mehr...

Meißner: Da war sehr viel Glück im Spiel. Zwischenzeitlich habe ich mir sogar gedacht, dass der Verein einfach mal absteigen muss, damit in Klub und Mannschaft endlich richtig aufgeräumt werden kann. Jetzt haben wir wieder einen neuen Trainer und ein paar Neuzugänge. Meiner Meinung nach ist es schwierig, mit Spielern aus Heidenheim oder Paderborn da unten rauszukommen. Vielleicht braucht es auch mal wieder einen Hochkaräter, der den Verein nach oben führen kann. Es wird auf alle Fälle wieder eine harte Saison.

SPOX: Letztes Jahr trat ihr Ex-Coach Armin Veh nach nur drei Monaten zurück. Waren sie von dem Schritt überrascht?

Meißner: Ich war erst einmal davon überrascht, dass er überhaupt zurückgekehrt ist. Eigentlich wollte er nach seinem Abschied aus Frankfurt eine Pause einlegen. Veh hat sich dann wohl vom VfB ein wenig überreden lassen, dann aber gemerkt, dass sich seit 2006 einiges im Verein verändert hat - und die Mannschaft für mehr als das untere Tabellendrittel nicht in Frage kommt. Natürlich hat er damit viele Fans verärgert, aber vielleicht war das auch der richtige Schritt für den Klassenerhalt.

SPOX: Inzwischen gibt es mit Robin Dutt einen neuen starken Mann im Verein, der große Veränderungen angekündigt und bereits einiges in die Wege geleitet hat. Welchen Eindruck haben Sie von seiner Arbeit?

Meißner: Ich habe selbst Kontakt zu ihm. Er hat eine klare Vorstellung von seinem Job. Gerade mit Rückblick auf die vergangenen Spielzeiten wird er sicherlich an den ersten Wochen der Saison gemessen werden.

SPOX: Eine der ersten wichtigen Amtshandlungen von Dutt war die Verpflichtung von Alexander Zorniger, der ein recht ungewöhnliches System installiert hat. Vor allem die defensiven Mittelfeldspieler müssen sich umstellen. Ein Risiko?

Meißner: Das ist nur eine Gewöhungssache. Grundsätzlich ist im aktuellen Kader vor allem Serey Die der Mann für die defensivste Position im Mittelfeld. Er ist der Mann, der vor der Abwehr sauber machen muss. Die ist der ideale Mann für diese Aufgabe, da er auch mal dazwischen haut und Charakter hat. In den letzten Jahren wollten alle nur Fußball spielen und keiner wollte sich den Arsch aufreißen. Er hat die typische afrikanische Fußballqualität am Ball, aber auch ein Kämpferherz. Das war ein wirklich wichtiger Einkauf. Für ihn bringt aber dieser Systemwechsel kaum Veränderung.

SPOX: Gibt's andere Akteure, die Sie für die laufende Saison weiterhin positiv stimmen?

Meißner: Didavi kenne ich noch aus meiner Zeit. Damals wurde er frisch in die zweite Mannschaft hochgezogen und war schon ein super Kicker. Er ist leider verletzungsanfällig. Dabei kommen kaum mehr als zehn Spiele pro Saison rum. Wenn er wirklich einmal eine Saison durchspielen könnte, würde er einen Riesensprung machen. Ich bin gespannt, ob der VfB ihm eine Verlängerung schmackhaft machen kann. Ansonsten hat Ginczek nach seiner unglücklichen Verletzung wichtige Tore geschossen und bringt den nötigen Killerinstinkt mit. Schafft es Stuttgart, diese zwei zu binden, dann ist in den nächsten Jahren vieles möglich.

SPOX: Eine große Baustelle war sicherlich auch die Innenverteidigung, die durch Toni Sunjic noch einmal aufgerüstet wurde. Vor allem nach dem Abgang von Antonio Rüdiger.

Meißner: Bei diesen großen Vereinsnamen musste Rüdiger diesen Schritt einfach gehen. Da muss man in diesem Alter einfach sagen: "Danke, dass ich bei Euch spielen konnte, aber das ist eine super Chance für mich." Stuttgart konnte jetzt frisches Geld in die Mannschaft stecken. Für beide Seiten ist der Wechsel ein neue Chance.

SPOX: Als Sie damals zum VfB kamen, ging es drunter und drüber. Die aktuelle Saison begann ebenso mit drei Pleiten und zehn Gegentoren. Wie rutscht man als Mannschaft in so eine Negativspirale?

Meißner: Da gibt es zahlreiche Faktoren. Ironischerweise hatte ich damals mein letztes Spiel mit der Arminia beim VfB, der am letzten Spieltag noch in den UEFA-Cup wollte. Mit einem Unentschieden haben wir die Sache vermiest und für Stuttgart ging es in den UI-Cup. Das hat damals extrem die Vorbereitung beeinflusst, sodass wir schwer aus den Startlöchern gekommen sind. Ende Februar wurde Ralf Rangnick entlassen und Felix Magath übernahm. Mit ihm ging es schließlich bergauf.

SPOX: Ähnlich wie in den vergangenen Monaten war auch in der Führungsetage einiges los. Beeinflusst eine Mannschaft so etwas tatsächlich?

Meißner: Das merkt man am Ende schon. Schließlich sind das die Personen, die im Verein das Sagen haben. Wenn es dort durcheinander geht und irgendwelche Machtspiele ausgetragen werden, bekommt man das definitiv mit. Wenn es am Kopf stinkt, zieht sich das bis zum Schwanz durch. Da müssen die tonangebenden Personen einfach ihre Eitelkeiten in den Griff bekommen.

Seite 1: Silvio Meißner über die Krise beim VfB und den Rüdiger-Wechsel

Seite 2: Silvio Meißner über RB Leipzig und windige Spielerberater

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