Fussball

"Ich bin kein Mario-Götze-Ersatz"

Henrikh Mkhitaryan wechselte 2013 für 27,5 Millionen Euro von Schachtjor Donezk zum BVB
© getty

SPOX: Ihre Mutter ist technische Direktorin des armenischen Nationalteams, Ihre Schwester arbeitet als Assistentin von Michel Platini bei der UEFA. Wie groß ist Ihr Bezug zur Familie, wie häufig können Sie sich sehen?

Mkhitaryan: Sie besuchen mich beide sehr regelmäßig, beinahe alle drei Wochen. Das hilft mir sehr, damit die Sehnsucht nach ihnen nicht größer wird. Ich bin ein Familienmensch. Ich habe sie gerne um mich herum, da ich dann sehr gut abschalten und neue Energie tanken kann. Das hat auch von Anfang an reibungslos funktioniert. Die größten Probleme hatte ich zu Beginn nur auf dem Spielfeld.

SPOX: Wegen der hohen Ablösesumme?

Mkhitaryan: Ja. Es war zu viel Druck für mich. Jeder redete nur über das Geld, das man für mich bezahlt hatte. Ich bekam mit, dass in den Zeitungen schlecht über mich geschrieben wurde. Das habe ich mir zu sehr zu Herzen genommen, auch wenn es sich nach rund einem halben Jahr wieder gelegt hat.

SPOX: Wie haben Sie das hingekriegt?

Mkhitaryan: Ich habe beschlossen, nicht mehr über die Anfangszeit beim BVB nachzudenken - weil ich eingesehen habe, dass es einfach keinen Sinn ergibt. In die Zeitungen schaue ich auch nicht mehr (lacht). Ich fühle mich jetzt befreit und kann der Mannschaft seitdem mehr helfen, als ich es zuvor konnte.

SPOX: Als Sie nach Dortmund kamen, hatte Mario Götze gerade den Klub verlassen. Viele sahen in Ihnen deshalb seinen direkten Nachfolger. Wäre es in der Theorie besser gewesen, wenn Sie zu einem anderen Zeitpunkt zum BVB gewechselt wären?

Mkhitaryan: Nein, das glaube ich nicht. Ich bin kein Mario-Götze-Ersatz und war es auch nicht. Man kann uns als Spieler kaum vergleichen, das führt ins Leere. Es ist nicht möglich, sich als Spielertyp so zu verändern, dass man den Verlust eines anderen Spielertypen ausmerzen kann. Ich halte es grundsätzlich für schwierig, Spieler miteinander zu vergleichen.

SPOX: Lag es also vielmehr daran, dass Sie sich von eigenen Fehler nur schwer erholen konnten, wie Jürgen Klopp einmal über Sie sagte?

Mkhitaryan: Er hat Recht. Ich habe zu oft nachgedacht und hing meinen Fehlern hinterher. Jürgen Klopp und meine Mitspieler machten mir mit der Zeit bewusst, dass ich meine Fehler während des Spiels vergessen und stattdessen einfach immer weitermachen muss, als ob nie etwas gewesen wäre. Zum Nachdenken bleibt im heutigen Fußball keine Zeit, ansonsten ist man zu schnell raus aus einer Partie.

SPOX: Sie blühten im Vorjahr am Saisonende regelrecht auf, bislang spielen Sie auch eine starke Vorbereitung. Hat das auch damit zu tun, dass Sie sich jetzt Ihre eigenen Fehler besser verzeihen können?

Mkhitaryan: Sicherlich nicht nur, aber da dürfte durchaus etwas dran sein. Der größte Unterschied ist: Ich habe mich verändert und als Person mittlerweile besser akzeptiert, dass Fußball ein fehlerbehaftetes Spiel ist. Diese Erkenntnis kann man sogar auf das ganze Leben ausweiten, ohne Fehler geht es auch dort nicht. Man muss sich einfach bewusst machen, dass man vor Fehlern nicht gefeit ist - einzig am Umgang mit ihnen kann man etwas verändern. Ich kann mich ja jetzt immer noch im Anschluss an die Partien mit meinen Fehlern beschäftigen (lacht).

SPOX: Haben Sie davon gehört, dass viele Beobachter sagen: Henrikh Mkhitaryans Leistungen in Dortmund bewegen sich zwischen Genie und Wahnsinn?

Mkhitaryan: Ich habe davon gehört, ja. Im Grunde ist das normal, da man nicht in allen Spielen sehr gute Leistungen abrufen kann. Ich kann nichts anderes tun als zu versuchen, gut Fußball zu spielen. Ich fühle nach jedem Spiel, ob ich gut oder schlecht war. Dazu gibt es im Verein genügend Personen, auf deren Feedback ich Wert lege. Was andere über mich sagen, ist mir egal. Ich kann es sowieso nicht beeinflussen.

SPOX: Thomas Tuchel spricht nur gut über Sie. Wie war denn das erste Treffen mit ihm, nachdem feststand, dass er Klopps Nachfolger werden würde?

Mkhitaryan: Ich habe es sehr genossen. Er wollte mich in erster Linie als Person kennenlernen. Es ging ihm weniger darum, mir vorzustellen, was er als Trainer plant oder wie er vorgehen wird. Wir haben uns angeregt über Fußball unterhalten und sind uns als Menschen nähergekommen.

SPOX: Mit welchen Zielen gehen Sie unter ihm in die neue Saison?

Mkhitaryan: Ich erwarte sehr viel von mir und bin sicher, dass sowohl ich als auch die Mannschaft deutlich besser spielen werden als in der letzten Spielzeit. Durch den neuen Trainer stürzt derzeit noch viel Neues auf uns ein und wir müssen zusehen, uns so schnell wie möglich daran zu gewöhnen. Die Trainingsmethodik, die Analysen, die Ansprache - es hat sich vieles verändert und wird noch eine Zeit lang dauern, bis wir alles verinnerlicht haben. Das sagt ja auch der Trainer selbst. Zum aktuellen Zeitpunkt würde ich sagen, dass alles schon sehr ordentlich aussieht und wir auf einem guten Weg sind.

SPOX: Mit Ihnen in der Startelf?

Mkhitaryan: Mein Platz im Team ist nicht garantiert. Ich muss ihn mir mit jedem Training und jedem Spiel aufs Neue verdienen. Wir wechseln momentan noch oft durch, damit der Trainer sehen kann, wer auf welchen Positionen wie funktioniert. Ich bin selbst gespannt, wo ich am Ende landen werde (lacht).

SPOX: Am liebsten im Zentrum, oder nicht?

Mkhitaryan: Das schon. Wichtiger ist mir aber, überhaupt regelmäßig zum Einsatz zu kommen und dann meine Spielzeit mit guten Leistungen rechtfertigen zu können.

SPOX: Es tauchten im Vorjahr zahlreiche Gerüchte hinsichtlich Ihrer Zukunft auf. Ihr Berater Mino Raiola brachte Sie gegenüber einer bulgarischen Zeitung vermeintlich bei Juventus Turin ins Gespräch. Wie sehen Ihre Gedanken aus?

Mkhitaryan: Zunächst: Ich habe keine Ahnung, wie das damals aufgekommen ist. Mein Berater ist weder Bulgare, noch wohnt er in der Nähe. Die Gerüchte haben mich erstaunt, weil ich zuvor nie gesagt habe, dass ich den Verein wechseln möchte. Sollte das eines Tages einmal der Fall sein, würde ich es auch öffentlich sagen.

SPOX: Was können Sie Stand jetzt sagen?

Mkhitaryan: Dass ich mich in Dortmund wohlfühle und zufrieden damit bin, wie es ist. Die vergangene Saison war schwierig für uns alle, auch für die Psyche. Wir sind jetzt alle besonders motiviert, es besser zu machen. Dieser Teamgeist hat auch mich beflügelt. Ich habe mit dem BVB noch Großes vor.

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