Echte Chance

Dienstag, 23.06.2015 | 22:22 Uhr
Bleibt Ilkay Gündogan nun doch bei Borussia Dortmund?
© getty
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Ilkay Gündogan weigerte sich, seinen Vertrag bei Borussia Dortmund zu verlängern, der Klub pochte auf einen Verkauf. Dass nun beide Seiten zurückrudern, mag im ersten Moment wie ein fadenscheiniges Schmierentheater anmuten. Doch tun sich für Gündogan und den BVB große Chancen auf.

Was dieser Ilkay Gündogan doch für ein Raffzahn ist, oder? Aber da hat er sich ganz schön verzockt, der Gute, mit seinen Gehaltsforderungen. So lange verletzt, und dann denkt der, er könne sich einfach einen Spitzenklub aussuchen und dann so mir nichts dir nichts hingehen. Und jetzt will sein Berater das Ganze retten mit irgendwelchen Ausreden.

Und auch der BVB! Peinlich ist das ja schon. Kündigen die beleidigt an, den Gündogan auf jeden Fall zu verkaufen, weil ablösefrei niemand mehr abgegeben wird. Und jetzt? Kriegen sie ihn nicht los und müssen ihn behalten. Oder sogar verlängern mit einem, der am liebsten weg wäre. Also echte Liebe sieht anders aus...

So denken die meisten. Auf dem Bolzplatz, am Stammtisch, in den sozialen Netzwerken.

Fußball-Deutschland hat sich festgelegt. Ein Imageschaden für Spieler und Klub sei die plötzliche Kehrtwende im Fall Gündogan, der aller Voraussicht nach und allen Beteuerungen zum Trotz wohl auch kommende Saison bei Borussia Dortmund spielen wird. Doch es bleiben Fragen. Was die nahende Zweckehe für beide Seiten wirklich bedeutet, zum Beispiel? Oder: Wie viel Schuld hat der in Ungnade gefallene Gündogan tatsächlich an der Posse?

Verlängerung oder nix

Am Anfang war da nämlich der BVB, der - freilich mit gutem Recht - auf seine Planungssicherheit drängte und eine Entscheidung von Gündogan forderte. Einen zweiten Fall Lewandowski sollte es nicht mehr geben, Leistungsträger sollen bitteschön Geld in die Kassen spülen, wenn sie den Verein verlassen. Also hieß es: Gündogan bleibt langfristig, oder Gündogan muss weg. Verlängerung oder nix, sozusagen.

Onkel Ilhan sagte jetzt der Süddeutschen Zeitung, dass es nie ernsthafte Verhandlungen mit dem BVB gegeben habe. Frühzeitig und fair, so Gündogan selbst, habe man die Borussia darüber in Kenntnis gesetzt, nicht über 2016 hinaus zu verlängern.

Und die Schwarzgelben? Die waren not amused und taten ihr übriges, in dem sie Ende April eine lieblose Pressemitteilung versendeten. "Zusammenarbeit zwischen Borussia Dortmund und Ilkay Gündogan endet spätestens 2016", stand da als Überschrift. Weiter: "Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund und Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan werden nicht über den 30. Juni 2016 hinaus zusammenarbeiten." Absatz. "Gündogan hat sich entschieden, seinen bis zu diesem Zeitpunkt gültigen Vertrag beim achtmaligen Deutschen Meister nicht zu verlängern." Punkt. Aus.

Preisschild mit Schreckwirkung

Keine nett gemeinten Wünsche für den zukünftigen Weg des Mittelfeldspielers. Kein Wort des Dankes für vier Jahre BVB. Oder dafür, dass er den Klub als Führungsspieler zur Krönung des rasanten Aufstiegs unter Jürgen Klopp 2013 bis ins Champions-League-Finale geführt hatte. Mit Auftritten, die nicht weniger waren als Weltklasse.

Damals, vor zwei Jahren, ja, da hätten sie Gündogan alle mit Kusshand genommen. Alle, die ihn auch jetzt haben wollten: Die Bayern, Barcelona und Manchester United. Auch Real Madrid. Und wie sie alle heißen.

An potenziellen Interessenten soll es nach wie vor nicht mangeln. Nur an den ernsthaften Absichten selbiger. Einen Gündogan kann man holen, aber für diesen Preis? Von einer ordentlichen zweistelligen Millionensumme ist immer wieder die Rede, wenn es um den Nationalspieler geht. Irgendwo zwischen 20 und 30 Millionen soll die sich wohl einpendeln, wenn es nach dem Gusto der BVB-Verantwortlichen geht - die Gündogan damit augenscheinlich unüberwindbare Steine in den Weg gelegt haben.

Dieses Preisschild schreckt ab. Als zu groß empfindet man in den Fußballhochburgen von München bis Barcelona die Unsicherheit, die ein Transfer mit sich bringen würde. Gündogan hat ein Jahr Restvertrag, war 14 Monate verletzt. Er bangte zwischenzeitlich um seine Karriere und hinterließ auch beim in der vergangenen Saison kollektiv kränkelnden BVB keine Nachweise, auch nur annähernd seine alte Stärke wiedergefunden zu haben. So viele Millionen? Nicht für so viel Risiko.

"Mit keiner Silbe über Geld gesprochen..."

Auch das Kandidatenfeld für den nächsten Karriereschritt erleichtert Gündogans Lage nicht wirklich. In München will man ihn nicht mehr, Barcelona darf keine Transfers tätigen und Real ist schon länger vom Radar verschwunden. Bleiben eine Hand voll Vereine aus der Premier League. Wenigstens ein bisschen heiß war maximal vielleicht der Flirt mit Manchester United. Das war's.

Ein fast aussichtsloser Markt, auf dem sich Gündogan verzockt hat. Nun ist das im Fußball-Geschäft an der Tagesordnung. Doch sind es Vorgänge, die im Regelfall im Hintergrund ablaufen. Im stillen Kämmerchen und den geschützten Büros, ohne, dass jemals ein Fan oder Journalist davon Wind bekommt.

Gündogan durfte seinen Marktwert in einem ellenlangen Theater dagegen in aller Öffentlichkeit ausloten. In einer denkbar ungünstigen Situation, nach langer Verletzung, in einer Form-Krise. So wurde er schnell zum Buhmann. Zum Raffzahn, der die Bayern vergraulte, weil er zehn Millionen Gehalt forderte. "Wir haben mit Bayern München mit keiner Silbe über Geld gesprochen", beteuert der Onkel.

Optionen, Chancen, Dankbarkeit

Deshalb sei " Dortmund ganz klar wieder eine Option", wenn es nach Ilhan geht. Und nach Ilkay, der im Asien-Urlaub weilend so von Thomas Tuchels Ideen angetan sein soll, dass er "sich jetzt Gedanken macht". Viel Heuchelei mag man im ersten Moment in den Aussagen erkennen können. Das Gesicht soll gewahrt, das Image nicht komplett ruiniert werden, sollte sich kein Abnehmer mehr finden. Und danach sieht es momentan tatsächlich aus.

Doch ist mehr dran an diesen Aussagen, als man mit der gesamten Posse im Hinterkopf zunächst denken mag. Und die Situation, so skurril und unglücklich sie anmutet, birgt auch Chancen. Große sogar, für beide Seiten.

Zumindest, wenn Ilhan sagt, dass einiges dafür sprechen würde, "dass Ilkay es in einem gewohnten, angenehmen Umfeld leichter fällt, wieder auf sein altes Niveau zu kommen", ist das nur logisch und nachvollziehbar. Neue Stärke unter einem neuen Coach - das klingt realistischer, als ein Konkurrenzkampf mit Ivan Rakitic und Sergio Busquets. Zumindest in der aktuellen Verfassung.

Und auch der BVB gewinnt. Nämlich einen Mittelfeldspieler mit Weltklasse-Anlagen, der die Zentrale um Gonzalo Castro, Nuri Sahin, Sven Bender und Oli Kirch qualitativ nicht nur bereichert, sondern in Top-Form die unangefochtene Spitze bildet. Zumal die Westfalen den Poker um ihr Objekt der Begierde für die Zentrale, Johannes Geis, ausgerechnet gegen Schalke 04 verloren haben.

Glaubt man der SZ, steht mittlerweile sogar eine Verlängerung über zwei Jahre im Raum. Denn: "Es war immer klar, dass Dortmund eine Ablösesumme zusteht. Auch als Zeichen der Dankbarkeit dem BVB gegenüber", so Onkel Ilhan. Das könnte die Situation für den wechselwilligen Gündogan mit einer noch höheren Ablöse zwar in Zukunft verkomplizieren. Doch wird das weder die BVB-Verantwortlichen, noch die Fans oder einen potenziellen Abnehmer stören, sollte Gündogan in seinem Wohnzimmer wieder zu dem werden, was er vor zwei Jahren war: Einer der besten Mittelfeldspieler der Welt.

Ilkay Gündogan im Steckbrief

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