Christian Lell im Interview

"Ich kenne die Wahrheit"

Freitag, 03.07.2015 | 12:50 Uhr
Christian Lell stand zuletzt bei UD Levante unter Vertrag
© getty
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Auf dem Fußballplatz steht Christian Lell schon seit Monaten nicht mehr. Mit dem FC Bayern gewann er vor Jahren zweimal das Double, jetzt ist er Geschäftsmann. SPOX traf den 30-Jährigen in seinem Büro im Süden Münchens zu einem offenen Gespräch über die Rückkehr ins Fußball-Geschäft und das Leben mit einem Negativimage.

SPOX: Büro statt Rasen: Herr Lell, wie gefällt Ihnen Ihr neues Arbeitsumfeld?

Christian Lell: Gut. Es macht sehr viel Spaß, mit meinem kleinen, aber feinen Team zu arbeiten. Ich wusste, dass nach der Karriere als Fußballer etwas anderes kommen muss. Daher habe ich mir schon früh ein zweites Standbein aufgebaut.

SPOX: Was steckt dahinter?

Lell: Das war eine sehr bewusste Entscheidung. Als meine Profi-Karriere 2004 begann, habe ich schnell gespürt, wie groß der mediale Fokus ist. Während meiner Zeit bei Bayern München gab es Falschmeldungen, die medial groß aufgebauscht wurden. Ich habe gesehen, dass man sehr schnell hochgejubelt wird, aber auch schnell wieder unten landen kann.

SPOX: Die zweite Karriere begann also, als die erste noch in den Startlöchern steckte.

Lell: Es war damals eine schwere Situation für mich und der Anlass, mir für den Fall der Fälle etwas aufzubauen. Jetzt profitiere ich davon. Ich bin ungern abhängig, egal um was es geht.

SPOX: Ihre Unternehmensgruppe beinhaltet ein Immobiliengeschäft, einen Yachtverleih sowie eine Stiftung. Wie kommen Sie zu dieser Kombination?

Lell: Fangen wir mit dem Geschäftsfeld Yachting an: Die Idee mit dem Yachtverleih ist im Urlaub entstanden. Überall sind die Boote herumgefahren und da habe ich mir gedacht, daraus könnte man ein Geschäft machen. Ibiza, wo wir schwerpunktmäßig aktiv sind, ist eine kleine Insel und dadurch sehr gut geeignet. Es ist eine gewisse Exklusivität gegeben, der Raum ist klein und die Nachfrage ist groß. Das ist gut, für jeden Vertrieb.

SPOX: Und das Immobiliengeschäft?

Lell: Als Fußballer verdient man recht früh sehr gutes Geld. Da muss man sich überlegen, was man damit macht. Ich habe deshalb zu dieser Zeit mit vielen Menschen gesprochen, die in einer ähnlichen Situation waren. In erster Linie mit Uli Hoeneß und Christian Nerlinger, die meine Vorgesetzten bei Bayern München waren.

SPOX: Hat Ihnen Uli Hoeneß den Rat gegeben, "Christian, geh in die Immobilien-Branche?"

Lell: Schon mein Opa hat von Immobilien gesprochen, er sagte immer: "Ach hätte ich das doch nicht verkauft!" Mein Opa ist älter als Uli Hoeneß und der hat mir das Gleiche erzählt. Uli Hoeneß ist älter als Christian Nerlinger und der hat mir auch das Gleiche erzählt. Für mich war klar: Ich muss nicht lange überlegen, wie ich mein Geld investiere. Ich habe damals auch festgestellt, dass ich visuelles Vorstellungsvermögen habe, aus alten Sachen neue Ideen gewinnen kann und so habe ich mein erstes Projekt auf die Beine gestellt. Das kam super an und jetzt läuft es.

SPOX: Und dann gibt es noch die Stiftung.

Lell: Ich habe sie 2008 wegen meiner Schwester gegründet, die an Mukoviszidose erkrankt war. Die Stiftung ist für mich die wichtigste Säule. Sie ist eine Herzensangelegenheit für mich, mein Baby, das ich nie aus der Hand geben will. Ich habe ein kleines Team aufgebaut, das mir sehr hilft. Wir haben viele Ideen im Kopf, die wir umsetzen wollen.

SPOX: Es gäbe ja auch noch eine vierte Säule. Herr Lell, Sie sind jetzt 30 Jahre alt, wollen Sie noch einmal auf Profi-Niveau Fußballspielen?

Lell: Ich hoffe sehr, denn diese Säule ist die Basis für alles Entstandene. Ich will wieder spielen.

SPOX: Was steckt hinter Ihrer langen Pause?

Lell: Meine Schwester ist letztes Jahr an ihrer Krankheit mit gerade mal 27 Jahren gestorben. Ich war damals in Spanien bei Levante und dieses Erlebnis war für mich der ausschlaggebende Punkt zu sagen, ich muss zurück zu meiner Familie nach München. Die Karriere stand mein ganzes Leben über allem, ich habe wie jeder andere Profi meiner Karriere alles untergeordnet, aber ich musste nun Prioritäten setzen. Rückblickend war es die richtige Entscheidung, auch wenn ich ein Jahr von der Fußballbühne verschwunden war. Jetzt bin ich wieder soweit und will neu angreifen. Ich vermisse die tägliche Arbeit auf dem Rasen, das Training, den Wettkampf und den Teamspirit. Körperlich hatte ich nie Probleme, jetzt ist aber auch der Kopf wieder frei für eine Herausforderung.

SPOX: Hat Ihnen die Distanz zur wilden Fußballwelt gut getan?

Lell: Die Distanz habe ich relativ früh hergestellt. Das Leben als Fußballprofi war ein Traum. Eine Zeit, die ich ganz bewusst gelebt habe, aber ich habe mir diese Distanz geschaffen, um mich für die reale Geschäftswelt zu schützen. Denn das reale Leben ist etwas ganz anderes. Ich habe den Abstand gebraucht, um diesen Schicksalsschlag meiner Schwester zu verarbeiten und mein Umfeld neu zu sortieren. In dieser schweren Zeit konnte ich sehr genau sehen wer an meiner Seite stand und wer ausschließlich da war als ich sportlich an der Spitze stand.

SPOX: Ein Jahr ohne Verein ist eine lange Zeit im Profigeschäft. Merken Sie bei der Vereinssuche, dass der Weg zurück schwierig wird?

Lell: Ich hatte nie physische Probleme. Ich habe mich laufend fit gehalten. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass es einen Klub geben wird, der meine Fähigkeiten in Anspruch nehmen wird.

SPOX: Ist die kommende Saison Ihre letzte Chance?

Lell: Ich bin kein Mensch, der endgültige Entscheidungen trifft. Dafür habe ich viel zu viel erlebt. "Sag niemals nie" ist ein gutes Sprichwort. Was ich beeinflussen kann, beeinflusse ich. Vom Rest lasse ich mich überraschen.

SPOX: Gibt es konkrete Verhandlungen mit Vereinen?

Lell: Nein. Im Winter hatten wir lose Gespräche mit diversen Klubs, aktuell nicht.

SPOX: Damals gab es Gerüchte um Inter Mailand. Was war dran?

Lell: Eine klassische Ente. Da war gar nichts dran.

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